Ortstermin im ehemaligen Konzentrationslager

Prozess gegen KZ-Sekretärin: Die Angeklagte schweigt weiter und das Gericht will sich vor Ort ein Bild machen

  • Dieter Hanisch, Itzehoe
  • Lesedauer: 3 Min.

Seit über einem Jahr sitzt die 97-jährige Irmgard F. in ihrem Rollstuhl im Sitzungssaal und verfolgt meist regungslos maximal zwei Stunden am Tag mit eingefügter Pause wegen nur eingeschränkter Verhandlungsfähigkeit den sogenannten Stutthof-Strafprozess in Itzehoe. Es ist ihr Prozess, F. wird Beihilfe zum systematischen Mord in über 11 430 Fällen vorgeworfen. Auch am mittlerweile 32. Verhandlungstag am Dienstag schwieg die Angeklagte.

Bisher gibt es, 77 Jahre nach den Geschehnissen, keine unmittelbaren Hinweise darauf, also weder Zeugenaussagen noch schriftliche Fundstücke, dass die damalige Sekretärin und Stenotypistin der Kommandantur des Konzentrationslagers Stutthof bei Danzig in die Tötungsmaschinerie eingebunden war. Die Anklage setzt daher ganz auf die Aussagen des historischen Gutachters Stefan Hördler, der 14 Mal im Zeugenstand zum Lageralltag, zur Lageradministration und zu örtlichen Gegebenheiten vorgetragen hat.

Zur Schaffung eines Gesamtbildes von dem KZ können auch die bedrückenden Schilderungen von acht Überlebenden hinzugefügt werden, die als Nebenkläger bereits über eine Videoschalte im Prozess aussagten. Dazu zählte unter anderem die gebürtige Polin Halina Strnad, die am 14. Juni aus Melbourne etwa über die ihr im Lager zugefügten Misshandlungen berichtete. Mittlerweile erreichte das Gericht die Nachricht, dass sie im Alter von 92 Jahren verstorben ist. Von den zu Prozessbeginn 32 Überlebenden sind damit nur noch 29 als Nebenkläger Prozessbeteiligte.

Ebenfalls in Itzehoe auf der Zeugenliste: Der in Stutthof Dienst verrichtende ehemalige SS-Wachmann Bruno Dey, der im Juli 2020 am Landgericht Hamburg wegen Beihilfe zum Mord in insgesamt 5232 Fällen und wegen Beihilfe zu einem versuchten Mord zu zwei Jahren Jugendstrafe auf Bewährung verurteilt worden war. Im Juni und August gab der heute 95-Jährige sich eher wortkarg und voller Gedächtnislücken, räumte aber auf Nachfrage die Existenz eines Krematoriums und von Leichenbergen ein.

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Zur Einordnung der Rolle der Zivilangestellten Irmgard F. und der zweifelhaften Angabe, dass sie keinerlei Kenntnisse über die grausamen Massentötungen vor Ort gehabt haben will, soll auch ein Beweisantrag von Nebenklageanwalt Christoph Rückel dienen. Dieser hatte bereits am 21. Oktober 2021 für einen Ortstermin in Stutthof plädiert, um sich einen besseren Eindruck über Entfernungen, Sichtachsen, Lagergröße und damalige bauliche Zusammenhänge, speziell über den Standort des Kommandanturgebäudes, zu machen.

Erst am Dienstag hat die Große Jugendkammer unter Vorsitz von Richter Dominik Groß darüber entschieden und einer persönlichen Augenscheinnahme auf dem ehemaligen Lagergelände zugestimmt. Stellvertretend für die Jugendkammer will er dies zusammen mit Richterin Rebecca Knof in Begleitung des Historikers Stefan Hördler tun. Ein dazu zu erstellendes Protokoll wird anschließend für alle Prozessbeteiligten und die Öffentlichkeit in Itzehoe in die Beweisaufnahme eingebracht. Am Stutthof-Besuch können laut Groß allerdings auch alle weiteren Prozessbeteiligten teilnehmen, so natürlich auch die Angeklagte, sofern sie es denn wünsche.

Verteidiger Wolf Molkentin hatte zuvor noch rechtliche Bedenken geäußert, dass solch ein Ortstermin ohne die komplette Jugendkammer Möglichkeiten für eine Anfechtung eines Urteils bieten könnte – Einwände, die Groß mit Verweis auf bisherige Rechtsprechung und Kommentierung dazu jedoch zurückwies. Einen genauen Termin für die Stutthof-Dienstreise gibt es noch nicht.

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