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Die Sinnlosigkeit des Krieges

Der Film »Im Westen nichts Neues« zeigt bildgewaltig und brutal den mörderischen Wahnsinn des Krieges

Die Brutalität des Krieges in brutalen Bildern.
Die Brutalität des Krieges in brutalen Bildern.

Durch den Krieg in der Ukraine bekommt die Neuverfilmung von Erich Maria Remarques Antikriegsroman »Im Westen nichts Neues« brisante Aktualität. Der 1929 erschienene Roman, der den mörderischen Irrsinn des Ersten Weltkriegs literarisch für ein breites Publikum aufzuarbeiten versuchte und in seinem Erscheinungsjahr nicht nur millionenfach verkauft, sondern auch in 26 Sprachen übersetzt und 1930 sogar schon erstmals in den USA verfilmt wurde, gehörte zu den Büchern, die die Nazis 1933 ins Feuer warfen. Der Roman blieb bis 1945 verboten. Aber noch vor der Machtergreifung der Nazis sorgten SA-Schlägertrupps dafür, dass der mit einem Oscar prämierte Film von Lewis Milestone von 1930 nicht in deutschen Kinos gezeigt werden konnte. Die aufwendige, zweieinhalb Stunden dauernde Neuverfilmung von Edward Berger, die ab dem 29.9. im Kino und ab dem 28.10. bei Netflix zu sehen ist, geht als deutscher Beitrag nun auch um einen Oscar ins Rennen.

»Im Westen nichts Neues« ist über weite Strecken ein brutaler Film, der die alles beherrschende mörderische Gewalt des Krieges möglichst ungeschminkt zeigen will, was durchaus gelingt und stellenweise beim Zusehen aber richtig unangenehm werden kann.

Bevor es an die Front geht, beginnt alles natürlich ganz harmlos in der Beschaulichkeit einer deutschen Kleinstadt im Jahr 1917 fernab der Front. In der Schule werden die naiven Gymnasiasten auf Heldentum, Ehre und Vaterland eingeschworen und melden sich auf Drängen des Schulleiters freiwillig an die Front. Im Zentrum der Erzählung stehen vier Jugendliche, von denen keiner wieder aus dem Krieg zurückkehren wird. Die Rolle der Hauptperson Paul Bäumer, der diese Geschichte im Roman rückblickend im Schützengraben mit Enttäuschung, Bitterkeit und Verzweiflung erzählt, verkörpert sehr überzeugend der sonst am Wiener Burgtheater spielende Felix Kämmerer.

Schon auf der Fahrt auf dem Lkw an die Front erleben die jungen Männer, dass die Realität ganz anders aussieht als die patriotischen Versprechungen des Direktors. Schnell sinkt ihr zuvor hochgepeitschter Mut. Statt Glanz und Gloria säumen Leichen die Straßen, die Jugendlichen werden angebrüllt und stupider Kadergehorsam wird ihnen abverlangt.

Als sie dann in den Schützengräben der sogenannten Westfront ankommen, erleben sie den mörderischen Albtraum des Stellungskrieges: Schüsse, Explosionen, überall Leichen, um sie herum wird in einem fort gestorben und gemordet, Menschen liegen im Schlamm und unter Schutt begraben. Drei Millionen Menschen sind an der Westfront zwischen 1914 und 1918 ermordet worden, während sich der Frontverlauf in den vier Jahren bis auf kleinste Geländegewinne kaum veränderte.

Mitten hinein in diesen mörderischen Wahnsinn marschieren die jungen Soldaten, und nach kürzester Zeit sind alle Vorstellungen, mit denen sie in den Krieg gezogen sind, nur noch dumme Lügen, abgelöst vom blanken Entsetzen über die Realität, die in ihnen allen die reine Panik auslöst. Diesen Vorgang zeigt der Film eindrücklich und überzeugend. »Im Westen nichts Neues« inszeniert das Grauen des Krieges ähnlich bildgewaltig und verstörend wie Steven Spielberg in seinem Film »Der Soldat James Ryan«. Die von Leichenteilen übersäten Schlachtfelder und die Schützengräben des Ersten Weltkriegs, die später auch in den Gedichten der Expressionisten in albtraumhaften Bildern auftauchen, werden in dem Film mitunter aber etwas überstilisiert.

Der Film zeigt aber auch, wie eng der Krieg mit einer fortwährenden Reproduktion von Männlichkeit einhergeht, ohne die er kaum möglich wäre, egal ob es das sich aufputschende Brüllen in Momenten panischer Angst ist, um diese zu kompensieren oder das Gelächter und der mitunter dumpfe Humor während des Essens oder in den Baracken, um in den Augenblicken, in denen nicht gekämpft wird, eine vermeintliche soziale Normalität herzustellen.

Edward Bergers Film reichert die Erzählung des jungen Soldaten Paul, der im Lauf der Geschichte alle seine Freunde verliert und stellvertretend für eine ganze Generation steht, um eine im Roman nicht vorkommende Nebenhandlung an. In der tritt Daniel Brühl als moralisch und pazifistisch argumentierender Zentrumspolitiker Matthias Erzberger auf, der 1918 in enger Absprache mit Hindenburg und den militärisch in die Enge getriebenen deutschen Generälen in einem Eisenbahnwaggon im Wald von Compiègne den Waffenstillstand mit Frankreich unterzeichnet.

Nur drei Jahre später wurde der Politiker von deutschen Nationalisten ermordet. Die von Rechten auch auf Matthias Erzberger projizierte »Dolchstoßlegende« greift der Film dramaturgisch am Ende auf. Da hält ein widerwärtiger, autoritärer deutscher General vor seinen Soldaten eine Rede über die angeblichen politischen Verräter der Waffenstillstandsunterzeichnung und schickt die Männer bis zur letzten Minute vor dem Waffenstillstand am 11. November 1918 um 11 Uhr in die Schlacht, wo in der letzten Viertelstunde des Krieges noch Hunderte sterben.

Während sich der Romantitel »Im Westen nichts Neues« davon ableitet, dass Paul Bäumer in den letzten, sehr ruhigen Kriegstagen zu Tode kommt, als eigentlich von der Front nichts Neues zu vermelden ist, dreht Regisseur Edward Berger am Ende an der Eskalationsschraube, um noch eindringlicher die Sinnlosigkeit des Krieges zu inszenieren.

»Im Westen nichts Neues«: Deutschland, USA, Großbritannien. Regie: Edward Berger,
Drehbuch: Lesley Paterson, Edward Berger,
Ian Stokell. Mit: Felix Kammerer, Albrecht Schuch, Aaron Hilmer. 148 Minuten, Start: 29.9., ab 28.10. verfügbar auf Netflix.

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