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Morgenstunde, Abend

Zum Tod des Drehbuchdichters Wolfgang Kohlhaase

  • Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 7 Min.
Trotz aller Nachdenklichkeit und Traurigkeit zauberte Wolfgang Kohlhaase in seine Geschichten auch stets ein Lächeln.
Trotz aller Nachdenklichkeit und Traurigkeit zauberte Wolfgang Kohlhaase in seine Geschichten auch stets ein Lächeln.

Gute Literatur ist mit einem Quantum Traurigkeit gründlicher versehen als mit dem fröhlichen Ausruf, auf einer richtigen Seite zu leben. Ein aufbauender Geist darf, um glaubwürdig zu sein, nie ganz die Verwandtschaft zu Scheitern und Tragödie verleugnen. Filme, für die Wolfgang Kohlhaase das Drehbuch schrieb, folgten genau diesem Widerspruchszauber.

Trotz aller Nachdenklichkeit und Traurigkeit zauberte Wolfgang Kohlhaase in seine Geschichten auch stets ein Lächeln.
Trotz aller Nachdenklichkeit und Traurigkeit zauberte Wolfgang Kohlhaase in seine Geschichten auch stets ein Lächeln.

Zum Beispiel »In Zeiten des abnehmenden Lichts«. So heißt das Erfolgsbuch von Eugen Ruge. Für die Verfilmung (Regie: Matti Geschonneck, 2017) verdichtete Kohlhaase den Roman auf einen einzigen Tag. Eines langen Tages Reise in die Nacht. Ein Familienpanorama, das Jahrhundert umfassend: Exil in Mexiko, Lager bei Stalin, Aufstieg in der DDR, Ausreise in den Westen. SED-Funktionärsadel, Intelligenzija; das lädt zur Komik ein, aber eben auch zur Trauer – darüber, wie unglücklich mehrere Generationen an Verständigungsbrücken bastelten.

War da nicht sehr viel Ehrlichkeit am Aufbaubeginn? Ja, sagt Kohlhaase leise, dann aber wird der Ton fester: Diese trumpfende Borniertheit! Dieser Wankelmut zwischen Karriere und Aufrichtigkeit! Dieser Internationalismus, der nur noch aus Parolen kam! Und wie Menschen plötzlich erschrecken können: darüber, dass es Wahrnehmungen außerhalb des Klassenkampfes gibt. Also Leben, an dem man vorbeilebte. Schlimmste Art der Selbstverstümmelung: Man redet sich ein, sie fände nicht statt – und nennt sie Parteilichkeit.

Kein deutscher Filmautor gab sich so vollendet locker wie Kohlhaase dem raffiniert erzeugten Eindruck hin, stets »nur« das Leben abzulauschen. Aber diese scheinbare Lebensnähe – pointiert, kristallin wortkarg – war stets eine bezwingende Steigerungsform von Existenz. Die Liebe sprach bei Kohlhaase mit Schmerzensschnauze, die Verzweiflung sang schräge lustige Schlager. Über alles Weh und Ach, das er in deutliches Licht rückte, schüttete er gleichzeitig ein Lächeln.

Er war ein wahrhaftiger Erfinder: So wie nichts vor Unglück schützt, so schützt nichts vor Hoffnung. Dort, wo Leben stillsteht, geschieht am meisten. Just dies beobachtete Kohlhaase, vornehmlich an hinfälligsten Aufenthaltsorten, wo der »Sommer vorm Balkon« (Regie: Andreas Dresen) vier Jahreszeiten dauert. Vier Jahreszeiten als Hochzeit von Frühling und Frost, und das kleine Glück so tapfer erzählt, dass es wie Emanzipation klingt – und wahrlich eine ist.

Da war »Der nackte Mann auf dem Sportplatz«, mit einem so herzstark innigen Kurt Böwe – ein mutig stiller, so arg unterschätzter Film von Konrad Wolf über einen Bildhauer und die größte Menschenkraft: einfach das Seine zu tun und sich nicht dem Urteil der Welt zu beugen. Schwerste aller Künste. Dann die »Solo Sunny« der Renate Krößner (Regie: wieder Wolf): so viel schönes, gekerbtes, gedemütigtes und doch unbesiegliches Selbstbewusstsein einer Sängerin, jenseits von staatlich verordneter Sonnigkeit.

Ob in den Gerhard-Klein-Filmen »Alarm im Zirkus« (Nationalpreis mit 23!) oder »Berlin – Ecke Schönhauser« oder »Eine Berliner Romanze« oder »Der Fall Gleiwitz« (Drehbuch mit Günther Rücker), ob »Die Stille nach dem Schuss« (Regie: Volker Schlöndorff): Es sind Dichtungen, inspiriert von der gütigsten aller Ängste – dass bei der Erzählung vom Menschen auch nur ein einziges gemischtes Gefühl verloren gehen könnte.

Für Konrad Wolf – den großen Defa-Regisseur, der zum Kriegsende als Rotarmist aus sowjetischem Exil gekommen war – hat Kohlhaase auch »Ich war neunzehn« geschrieben und »Mama, ich lebe«. Er hat dem Deutschen Wolf geholfen, im Frieden wieder ein Deutscher zu werden. Aber so, dass die Suche zum Thema wurde, nicht die Findung. Er ist überhaupt ein Helfer gewesen. Fürs Selbsthelfertum beim Gründen von Gegenwelten.

In Kohlhaases Geschichten dürfen die Menschen so sein, wie sie sind. Das ist schön. Das ist hart. Er schrieb seine Gestalten nicht in irgendeine große Veränderungskurve hinein, er schoss ihnen keine Richtungspfeile ins Herz, sodass sie freudig auf den einzig rechten Weg fielen. Von nichts sah er ab, jedoch verfolgte er niemanden mit pädagogischer Absicht. Dieser Autor hörte mit Schreiben erst auf, wenn wir als Zuschauer gegen keine seiner Figuren mehr wirklich etwas einzuwenden hatten. Sein Herz hing gewissermaßen auch an Teufeln. Offenbar war er allergisch gegen Verurteilung. So treibt man das Teuflische aus den Seelen.

Anfang der 80er Jahre verfilmte Frank Beyer den Roman »Der Aufenthalt« von Hermann Kant, das Drehbuch schrieb Kohlhaase. Wehrmachtssoldat Niebuhr (Sylvester Groth) wird in Polen aus Versehen zu Kriegsverbrechern gesperrt. Er ist juristisch nicht belangbar, wird freikommen, aber er begreift etwas Grundlegendes: Irgendwann klopft das Schicksal (die Geschichte) an jede Seelentür; kann sein, dass man dann ungerechterweise büßen muss. Aber wenn man kompromisslos in sich selber eindringt, stößt man auf den Punkt, wo doch die Mitschuld sitzt.

Kants, Kohlhaases, Beyers Geschichte von 1945 ist eine Geschichte für jede Zeit. Der Film – in bester antifaschistischer Tradition der Defa! – erregte Ärger in Warschau, weil er angeblich nationale Gefühle verletze und eine polnische Armee zeige, die einen Unschuldigen drangsaliere. Der Film durfte nicht auf die Berlinale in Westberlin und sollte in der DDR nur in Studiokinos gezeigt werden. Kant schrieb vergeblich an Honecker: Dürfe der Film »nicht mehr aufs Festival, dann darf er nicht mehr auf die Karl-Marx-Allee oder nach Moskau oder nach Budapest oder von mir aus nach Hollywood. Dann ist er tot.«

Wenn nach der Lektüre eines Buches oder nach dem Erleben eines Films die Fragen nur noch dringlicher werden, ist ein Buch ein gutes Buch, ist ein Film ein guter Film. Indem das jeweilige Werk also gut für einen Schmerz bleibt. Jede Generation, sagte Kohlhaase, »hat ihre Morgenstunde und ihren Tag und ihren Abend. Niemand besitzt das ganze Bild der Zeit, in der er lebt. Die Gewissheiten wachsen langsam und sind anfechtbar. Die Rechnungen werden nachgereicht.« Und nach 1990 der Gedanke: »Das Beste, was die DDR in die Einheit einbringt, sind die Leute. Weil sie zwei Leben haben. Wir haben die Erfahrung einer Katastrophe voraus, und auch der Reflex jenes Vernünftigen, das gewollt war, wirkt in die Zukunft. Denn das Jahrhundert ist vorbei und alle Fragen, die an seinem Anfang standen, sind, ungemein vergrößert, wieder da.«

Die Rechnungen sind da, und also bleibt die bohrende Frage, wer was zählt und wer draufzahlt. Die oben stecken ein, und es tut ihnen gut; die unten müssen einstecken, und es tut ihnen weh.

Der Vater Kohlhaases war Maschinenschlosser; der Sohn hat stets betont, in der Verwandtschaft keine Leute gekannt zu haben, »die nicht von ihrer Hände Arbeit lebten«, Leute, »die stets weniger Suppe gegessen haben, als sie auslöffelten«. Das prägte.

Sein Leben in der DDR – er sprach oft von »Gegend«, nicht von »Staat« – nannte Wolfgang Kohlhaase eine Verbindung aus Zufall und Entscheidung. Er war zu jung, um für den deutschen Krieg Verantwortung zu empfinden, aber er war schon alt genug, um sich zuständig zu fühlen für einen Frieden, der Welt werden möge. Die neue Zeit fiel ins Ende der Kindheit, da man »nicht mehr Soldat, sondern Grammophon« spielte und »die Beziehungen zwischen Damen und Herren wenigstens genauso zu interessieren begannen wie die zwischen dem König und seinen Soldaten«. So steht es wunderbar beiläufig und sentimental und selbstironisch in der Erzählung »Inge, April und Mai«.

In der Geburtsstunde der DDR fiel er in Ohnmacht, vor Hunger. SED-Funktionär Hermann Axen sah, wie man ihn aus dem Saal trug, und schüttelte den Kopf: »So achtet ihr auf eure Kader!« Da war Wolfgang Kohlhaase, 1931 geboren, Kiez-Kind aus Berlin-Schöneweide und Adlershof, ein Reporter der Berliner Jugendzeitschrift »Start« (später »Junge Welt«) und sollte vom Akt der Staatsgründung berichten. Er schrieb Kritiken, konnte aber wirklich schreiben, musste also nicht Kritiker bleiben.

Seine dichteste Filmrezension: »Die Hauptdarstellerin heißt Lotte Koch und filmt. Besser wäre, sie hieße Lotte Film und kochte.« Kohlhaase – kantig wie Kerr. Dieser Schriftsteller hielt Krisen aus, rannte niemals jemandem hinterher, hat bei Film-Verboten durch SED-Zensoren anderes geschrieben (die Erfolgs-Theaterkomödie »Fisch zu viert«, das Hörspiel »Die Grünstein-Variante«, woraus später ein Bernhard-Wicki-Film wurde).

Billy Wilder hat gesagt: »Es ist kein Unglück, wenn ein Regisseur nicht schreiben kann. Das Unglück ist nur, dass die meisten Regisseure auch nicht lesen können.« Kohlhaases Regisseure konnten lesen. Ihn. Dieser Autor, der leidenschaftlich am Sandsack boxte, hat für all seine Arbeiten immer eine Ehrlichkeit zum Ausgangspunkt gehabt, die seine Kunst adelte: Sie war eine Feindin des Schweigens, der Verdrängung, der Entfremdung.

Wolfgang Kohlhaase ist am Mittwoch im Alter von 91 Jahren gestorben.

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