Die Selbstbeobachterin

Die französische Autorin Annie Ernaux erhält den Literaturnobelpreis

  • Von Christof Meueler, Larissa Kunert, Erik Zielke
  • Lesedauer: 2 Min.

Spät wurde das Werk von Annie Ernaux in Deutschland (wieder)entdeckt. Erst musste Didier Eribon, der sich als Schüler Ernauxs bezeichnet, mit »Rückkehr nach Reims«, seinem Romanessay über seine Arbeiterherkunft, seine Homosexualität und die Zuwendung des traditionell linken französischen Proletariats zum Front National, 2016 in Deutschland einen gehaltvollen Bestseller landen. In seinem Windschatten wurde das – mehr oder minder – klassenbewusste Genre der Autofiktion hierzulande populär. Von Christian Baron bis Daniela Dröscher haben sich einige daran versucht. Wie so oft ist das Original aber überzeugender.

Ernaux, 1940 in Nordfrankreich geboren, wurde zeitlebens geprägt von ihrer Arbeiterherkunft. Sie entfloh dem Elternhaus, studierte und wurde Lehrerin. Es war ein weiter Weg zu einer Existenz als Schriftstellerin. Vieles gibt es über sie zu schreiben. Wir wissen davon aus ihren Büchern, in denen sie sich gnadenlos der Selbstbeobachtung aussetzt, von schamhaften Erfahrungen (»Die Jahre«,), ihrer Defloration (»Erinnerung eines Mädchens«), dem Tod der Eltern (»Eine Frau«, »Der Platz«), einem Schwangerschaftsabbruch (»Das Ereignis«) erzählt. Sie, die sich als »Ethnologin ihrer selbst« bezeichnet, ist der zentrale Gegenstand ihrer Kunst. Bei vielen anderen ist diese Dauerbeschäftigung mit sich selbst eine schwächliche Entschuldigung für fade Selbstdarstellung (bei den Schriftsteller*innen) oder versöhnlerischen Familiarismus (bei den Filmemacher*innen), ganz zu schweigen von den neoliberalen Aufrufen zur ständigen Selbstoptimierung und Selbstausbeutung. Doch bei Ernaux gibt es keine Theologisierung des Selbst, sondern die materialistisch orientierte Erforschung von Emotionen und deren historischen Bedingungen. In ihren minutiösen Betrachtungen ihrer Umwelt wie ihres eigenen Gefühlslebens liegt ein Universalismus, der vom Ich ausgeht, um dann aber zu Ausagen zu gelangen, die die Welt betreffen. Ihre Bücher sind der wichtigste Beitrag zu einer feministischen Gegenwartsliteratur. Mit Annie Ernaux gewinnt eine genaue wie kraftvolle literarische Stimme, eine öffentliche Intellektuelle und engagierte Linke den Nobelpreis für Literatur. Herzlichen Glückwunsch! cm/lku/erz

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