Das Weltgedächtnis universalisieren

Charlotte Wiedemann plädiert für eine empathische Erinnerungskultur, die niemanden ausschließt

Eine Diskussionveranstaltung, die am Abend des 9. November in Tel Aviv stattfinden sollte, ist zunächst verschoben und nunmehr definitiv abgesagt worden. Die vom Goethe-Institut und der Rosa-Luxemburg-Stiftung Berlin geplante Podiumsdebatte mit Charlotte Wiedemann hatte im Vorfeld für Empörung gesorgt. »Inakzeptabel und respektlos«, kritisierte Ron Prosor, Botschafter Israels in der Bundesrepublik, die Intention, eine solche ausgerechnet am Jahrestag der Pogromnacht in Nazideutschland durchführen zu wollen. Das israelische Außenministerium in Jerusalem sprach von »Erschütterung und Abscheu angesichts der dreisten Trivialisierung des Holocaust«, womit das neue Buch von Charlotte Wiedemann gemeint war. Was nun aber hat sich die deutsche Journalistin und Sachbuchautorin, Jahrgang 1954, angeblich zu schulden kommen lassen? Sie stellt Fragen.

Wie war es möglich, dass am 8. Mai 1945, als in Europa der Sieg über den Faschismus gefeiert wurde, französische Polizei im algerischen Setif Tausende Demonstranten, die politische Rechte gefordert hatten, in einen Abgrund trieb? Und wie war es möglich, dass während der Nürnberger Prozesse, von denen die Hoffnung ausging, die Weltgemeinschaft würde keine Menschenrechtsverbrechen mehr zulassen, holländische Kolonialtruppen im indonesischen Bandung Massenexekutionen durchführten? Dass der 8. Mai und die Nürnberger Prozesse einen festen Platz im westlichen Gedächtnis haben, nicht aber das, was in Setif und Bandung in westlicher Verantwortung geschah, zeigt, wie selektiv die Erinnerungskultur ist. Die Hierarchisierung von Opfern behindert jedoch das Zusammenleben in der zunehmend globalisierten Welt.

Wiedemann, die mit vielen Reportagen aus asiatischen und afrikanischen Ländern für ein multiperspektivisches Verständnis uns fremder Sichtweisen eingetreten ist, zugleich aber dem universalistischen Menschenbild verpflichtet bleibt, tritt in ihrem neuen Buch für die Universalisierung der Erinnerungskultur ein. Sie empfand es als »historischen Einschnitt«, als Anhänger von Black Lives Matter im Juni 2020 die im Hafen von Bristol stehende Statue des bis in die 1990er Jahre in England als »Philanthrop« geltenden Sklavenhändlers Edward Colston ins Meer bugsierten. Der »Hafensturz« habe offenbart, »es gibt kein Drinnen & Draußen mehr, keinen geschützten Binnenraum für separate weiße Geschichtsschreibung«.

Weil deutsche Kolonialverbrechen in Afrika ein halbes Jahrhundert früher endeten als die Englands und Frankreichs, wo sie auch durch Migration aus den ehemaligen Kolonien stärker präsent sind, blieben die etwa eine Million Toten, die deutscher Kolonialismus in Afrika verursacht hatte, aus der hiesigen Erinnerungskultur ausgeschlossen. Darin scheint bislang nur der Holocaust einen angemessenen Platz zu haben.

Mühselig und wenig öffentlichkeitswirksam begann erst vor wenigen Jahren eine Aufarbeitung deutscher Kolonialmassaker in Namibia. Dass zur gleichen Zeit Massaker im Süden Tansanias stattfanden, ist noch weniger bekannt. Wiedemann hat dort ein Memorial Museum besucht, das an die Hinrichtung von über 60 Führern des Maji-Maji-Aufstands von 1905 bis 1907 erinnert. Unter Leitung von Carl Peters, »Kolonialpionier und Antisemit«, dessen Name »noch lange auf deutschen Straßenschildern stand«, kamen bis zu 200 000 Tansanier zu Tode, niedergemetzelt oder dem Hungertod preisgegeben. Die rituelle Bestattung des Aufstandführers Songea Mbano gilt bis heute nicht als vollständig, weil sein Kopf als Trophäe nach Deutschland verfrachtet wurde und wohl noch unentdeckt unter ungezählten solcher Trophäen in einem hiesigen Depots liegt. An der einstigen Hinrichtungsstätte werden heute am Gedenktag »symbolisch Waffen deponiert, und Tausende tansanische Soldaten marschieren auf«. Wiedemann wundert sich: »Die Verlierer dieses Krieges triumphieren im stolzen Erinnern, haben aus einer furchtbaren Niederlage anscheinend einen Sieg destilliert, während es die Deutschen vorziehen, von der ganzen Geschichte nichts zu wissen.« Allerdings konnte der tansanische Historiker Gilbert Gwassa 1968 in Archiven der DDR die Aufstandsgeschichte rekonstruieren, wodurch sie in tansanische Schulbücher gelangte.

Da Hitler Russland als Deutschlands künftiges »Indien« bezeichnete, stehe für die Forschung heute fest, dass der Eroberungskrieg im Osten kolonialistische Ziele hatte. Die 27 Millionen Toten, die er hinterließ, haben jedoch in der bundesdeutschen Erinnerungskultur nicht den entsprechenden Platz. Das wird deutlich am Kampf um eine Gedenkstätte im westfälischen Stukenbrock, wo sich ab 1941 ein Durchgangslager für etwa 300 000 sowjetische Kriegsgefangene befand, die an verschiedenen Orten zur Zwangsarbeit eingesetzt wurden. Ihre Lebensbedingungen waren so erbärmlich – sie mussten in selbst gegrabenen Erdlöchern hausen –, dass dort 65 000 starben. Mit Hilfe der US-Armee gestalteten Überlebende einen Friedhof und errichteten einen Gedenkobelisken. In Gesprächen mit Vertretern der aus der Zivilgesellschaft erwachsenen Bürgerbewegung »Blumen für Stukenbrock« zeichnet Wiedemann die seit der Adenauer-Ära bis in jüngste Zeit reichenden Versuche nach, die Gedenkstätte im Namen des Antikommunismus plattzumachen. Verteidigt wird sie von der Bürgerbewegung und Nachfahren der Toten aus der Russischen Föderation und der Ukraine.

So erweist sich die deutsche Erinnerungskultur als Resultat politischer Konflikte, als historisch selektiv. Die lang umkämpfte Anerkennung des Holocaust als größtes deutsches Menschenrechtsverbrechen dürfe, so Wiedemann, nicht bewirken, dass er sich als »Riegel« vor andere, ebenfalls zu verantwortende Verbrechen schiebe. Sie zitiert den deutsch-jüdischen Essayisten Fabian Wolff, der – wie bereits Hannah Arendt – darauf verwies, dass ein neues Auschwitz, »egal für wen«, nur dann ausgeschlossen ist, wenn die Shoa nicht »als hermetisch versiegelter Fakt außerhalb jeder Geschichte« verstanden wird, »sondern als radikalste Konsequenz einer gewalttätigen Aussonderung und Unterwerfung, als Teil von historischen Prozessen, die nicht 1933 begonnen und nicht 1945 aufgehört haben und in denen es nicht nur um Jüdinnen/Juden und Deutsche geht«.

In Deutschland wird oft mit Ärger registriert, dass Ausländer ihre eigene Leiderfahrung im Blick haben und dem Holocaust nicht das uns als angemessen geltende Verständnis der Singularität entgegenbringen. Aber könne man das von einer Bosnierin, einer Kambodschanerin oder einer Palästinenserin überhaupt erwarten?

Außerdem wollen sich auch etwa die Hälfte der in Deutschland lebenden Juden nicht mehr vorrangig über den Holocaust identifizieren lassen. Die deutsche Sicht gilt auch nicht überall in der Europäischen Union. Reportagereisen, die Wiedemann zu Erinnerungsorten im Baltikum unternahm, ergaben Verstörendes. Die unter Mithilfe der nichtjüdischen Bevölkerung der unter Nazi-Besatzung umgesetzten Vernichtung der Juden tritt in der baltischen Erinnerungskultur weit zurück hinter die Erinnerung an die Opfer des Widerstands gegen die sowjetische Annexion. Diese Repression ist es, die offiziell als »Genozid« gilt. Obwohl Juden seit Jahrhunderten im Baltikum lebten und zum Beispiel in der heutigen litauischen Hauptstadt Vilnius die Mehrheit der Bevölkerung stellten, gehören sie für viele Nichtjuden historisch nicht zum »Eigenen«, dessen Verlust betrauert werden muss.

Gerade das baltische Beispiel offenbart, dass wir für eine »Enthierarchisierung« der Opfer von Annexion, Kolonialismus und Rassismus eintreten und lernen müssen, für alle Empathie und Verantwortung zu empfinden. Mit welch starken Widerständen zu rechnen ist, zeigte sich auch daran, wie lange es dauerte, bis in der Bundesrepublik Erinnerungsorte für Sinti und Roma entstanden. Wiedemann fordert, dass auch für die von Deutschland verursachten kolonialen Opfer würdige Gedenkstätten geschaffen werden. »Wie kann sich ein afrikanischer Mensch in einem Raum, der historisch so sehr von seiner Entwürdigung strukturiert ist, überhaupt erfinden, positionieren?« Die Antwort ist momentan nur oberflächliches Feiern der Schönheit und Kreativität des afrikanischen Menschen.

»Wie wir die Erinnerung an den Holocaust im Zentrum behalten und mit einem neu verstandenen Weltgedächtnis kommunizieren lassen«, sei keine abrupt zu treffende Entscheidung, sondern eine Entwicklungsanstrengung, schreibt Charlotte Wiedemann. Auch »wenn es manche nicht wahrhaben wollen: In diesen Prozess sind wir längst eingetreten. Indem wir uns auf die veränderten Weltverhältnisse einlassen, werden wir weniger deutsch auf die Shoa blicken, ohne dass dies von den Deutschen die Verantwortung nähme.«

Charlotte Wiedemann: Den Schmerz der anderen begreifen. Holocaust und Weltgedächtnis. Propyläen, 288 S., geb., 22 €.

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