Werbung

Kiew glaubt weiter an die »russische Spur«

Moskau führt seine Raketenangriffe auf die Ukraine fort, Kiew bietet trotzdem Friedensverhandlungen an

Zwei Tage nach dem Einschlag einer Rakete im ostpolnischen Przewodów mit zwei Toten verdichten sich die Hinweise, dass eine fehlgeleitete Flugabwehrrakete der ukrainischen Armee zu dem Unglück geführt hat. Nach der Untersuchung der Einschlagstelle und von Trümmerteilen gebe es viele Hinweise darauf, dass eine der Raketen, die eine russische Rakete abfangen sollte, ihr Ziel verfehlt habe. Das Selbstzerstörungssystem habe nicht funktioniert und die Rakete habe anschließend zu dem Unglück geführt, sagte der außenpolitische Berater von Präsident Andrzej Duda, Jakub Kumoch im Interview mit dem polnischen Sender TVN24. Die polnisch-amerikanische Ermittlungsgruppe bestätigte damit Erklärungen, die Washington und Warschau bereits am Mittwoch abgegeben hatten, wonach es sich nicht um einen russischen Beschuss gehandelt habe.

Entgegen der vorläufigen Erkenntnisse der Ermittler beharrt Kiew weiter darauf, dass es sich um eine russische Rakete gehandelt habe. »Ich habe keine Zweifel, dass es nicht unsere Rakete und nicht unser Raketenangriff war«, sagte Präsident Wolodymyr Selenskyj am Mittwoch zu Journalisten. Das habe ihm die Armeeführung berichtet. Der entstandene Krater sei zu groß, um nur von einer Flugabwehrrakete verursacht worden zu sein, legte er nach. Am Donnerstag schränkte Selenskyj ein, dass er nicht mit hundertprozentiger Sicherheit wisse, was passiert sei. »Solange die Untersuchung nicht abgeschlossen ist, können wir nicht mit Sicherheit sagen, welche Raketen oder deren Teile auf polnisches Hoheitsgebiet gefallen sind«, sagte der ukrainische Präsident und forderte den Zugang ukrainischer Ermittler zur Einschlagsstelle, den Kiew am Donnerstagnachmittag erhielt.

Zuvor hatte Selenskyj neue Friedensverhandlungen mit Moskau ins Spiel gebracht. Staatschefs anderer Länder hätten ihm Signale gegeben, dass Russlands Machthaber Wladimir Putin zu Gesprächen bereit sei. Sollte es zu Verhandlungen kommen, dürften diese nicht hinter verschlossenen Türen stattfinden. »Ich habe eine öffentliche Form vorgeschlagen, da Russland einen öffentlichen Krieg gegen die Ukraine führt«, erklärte Selenskyj. Anfang November hatte die US-Regierung einem Bericht der »Washington Post« zufolge Kiew zu Verhandlungen mit Russland gedrängt. In Moskau stieß Selenskyjs Vorschlag auf Ablehnung. Die Ukraine wolle aus den Verhandlungen eine TV-Show machen, zitiert die staatliche Nachrichtenagentur RIA Nowosti eine Regierungsquelle. Kremlsprecher Dmitrij Peskow erklärte, dass es so etwas wie öffentliche Verhandlungen nicht gäbe. Es sei offensichtlich, dass die Ukraine keine Gespräche wolle, so Peskow weiter. Die auch am Donnerstag fortgesetzten Raketenangriffe auf die Ukraine bezeichnete er als Folge der ukrainischen Weigerung zu Gesprächen.

Einigen konnten sich Moskau und Kiew dagegen bei der Verlängerung des Getreideabkommens, das Russland Ende Oktober ausgesetzt hatte. Nach Angaben Russlands und der Vereinten Nationen wurde die Vereinbarung zum Export ukrainischen Getreides ohne Erweiterungen um 120 Tage fortgesetzt. Die russische Seite habe die Verlängerung des Abkommens »ohne eine Änderung der Fristen oder des Umfangs« erlaubt, teilte das Außenministerium in Moskau am Donnerstag mit. Kiew hatte zuvor beantragt, auch den Hafen von Mykolajiw für die Ausfuhr nutzen zu können.

Das russische Außenministerium wies darauf hin, »dass jegliche Versuche, den humanitären Korridor im Schwarzen Meer für provokative militärische Zwecke zu nutzen, entschieden verhindert werden« und weitere Verzögerungen bei den russischen Düngemittel-Lieferungen an Entwicklungsländer »inakzeptabel« seien. In den Häfen der EU würden rund 300 000 Tonnen russischer Düngemittel zurückgehalten. Die Zusicherungen der UN zur Gewährleistung der russischen Lebensmittel- und Düngemittelausfuhren zeigten bereits »Resultate«, sagte Peskow.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal