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  • Fußball-WM in Katar

Die DFB-Auswahl vor einem Auftakt ohne Maß

Viel Unsicherheit begleitet die deutschen Fußballer vor dem Spiel gegen Japan – aus sportlichen und politischen Gründen

  • Von Maik Rosner, Doha
  • Lesedauer: 4 Min.
Kapitän Manuel Neuer: Im letzten Test noch mit "One Love"-Binde, im "wichtigsten" WM-Spiel ohne.
Kapitän Manuel Neuer: Im letzten Test noch mit "One Love"-Binde, im "wichtigsten" WM-Spiel ohne.

Wenn es gut läuft beim Start, ist oft die Rede von einem Auftakt nach Maß. Einen solchen hat es für die deutsche Nationalmannschaft bei Fußball-Weltmeisterschaften schon oft gegeben. Präzise gesagt, konnten die entsandten Kicker aus Deutschland ihr erstes WM-Spiel in 13 von 19 Fällen gewinnen, zwischen 1990 und 2014 sogar alle sieben hintereinander. Nur zweimal unterlag eine Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) im Auftaktspiel einer WM. Das war 1982 in Spanien mit 1:2 gegen Algerien der Fall und ebenso 2018 in Russland beim 0:1 gegen Mexiko. Vor vier Jahren schied die deutsche Mannschaft bereits nach den drei Gruppenspielen aus. Als blamierter Titelverteidiger wohlgemerkt, über den die Mexikaner nach ihrem Auftakt nach Maß entlarvend erzählten, sie hätten seit Monaten gewusst, wie die Jungs aus Alemania spielen würden.

Derartiges soll sich an diesem Mittwoch im ersten Gruppenspiel gegen Japan aus deutscher Sicht keinesfalls wiederholen. Allerdings sind die Umstände vor dem Start ins Turnier alles andere als angenehm für die DFB-Auswahl. Um den Sport ging es bisher ja so gut wie gar nicht, sondern vor allem um die Begleiterscheinungen dieser höchst umstrittenen Weltmeisterschaft in Katar. Mehr Ablenkung ging kaum durch all die Debatten, vor allem um die jüngste Eskalation um den Verzicht auf die »One Love«-Armbinde auf Druck des Weltverbandes Fifa.

Beim Deutschen Fußball-Bund müssen sie sich nun rechtfertigen, weil doch sehr viele Landsleute den Verzicht auf das Symbol für Vielfalt als Einknicken vor der Fifa empfinden. Zudem bietet dieses hochpolitische Turnier auch auf anderen Ebenen Neuland. Darunter für Hansi Flick. Der 57-Jährige steht vor seinem ersten WM-Spiel als Bundestrainer. Erschwerend kommt hinzu, dass der fest eingeplante Offensivspieler Leroy Sané aufgrund von Beschwerden an seinem rechten Knie vorerst ausfällt. Genauere Angaben machte der DFB zunächst nicht.

Es ist also eher ein Auftakt ohne Maß, wenn man so will, ein Auftakt ohne echten Maßstab, jedenfalls vor dem Anpfiff. Erfahrungswerte können kaum geltend gemacht werden, weil die Umstände diesmal so besonders sind beim Wüsten-Turnier. Zugleich wissen sie beim DFB, welch große Bedeutung dem Spiel gegen die Mannschaft Japans zukommt. Eine Niederlage, und der Druck wäre schon vor dem zweiten Gruppenspiel gegen Spanien am kommenden Sonntag immens. Größer noch als 2018 nach der Auftaktniederlage gegen Mexiko.

Man habe die Auftaktspiele »in den letzten Turnieren vermasselt«, erinnerte Joshua Kimmich und verwies dabei auch auf das 0:1 gegen Frankreich bei der EM 2021, bei der für das DFB-Team bereits nach dem Achtelfinale Schluss war. Der Bayern-Profi Kimmich geht es aber positiv an und setzt darauf, mit einem Sieg in einen Flow kommen zu können. Wenn man das Spiel gewinne und überzeugend auftrete, könne »eine Dynamik und positive Energie in der Mannschaft entstehen«, hofft der zentrale Mittelfeldspieler. Auf den Sechser Kimmich wird es besonders ankommen, auf ihn als Gestalter und Bindeglied im Zentrum des Spiels. Vor allem fällt in sein Ressort, die Balance zwischen Offensive und Defensive herzustellen.

Kapitän Manuel Neuer betonte zuletzt immer wieder, dass das erste Gruppenspiel aus seiner Sicht eine »extrem hohe Bedeutung« habe. In mehreren Interviews wies der Torwart vom FC Bayern darauf hin. Wie beispielsweise im Fachmagazin »kicker«. »Man holt sich mit einem guten Turnierstart Selbstsicherheit, hat mit drei Punkten schon einen kleinen Puffer und kann mit breiter Brust in die nächsten Spiele gehen«, sagte Neuer, »für mich ist das Auftaktspiel wirklich die wichtigste Partie im ganzen Turnier.«

Ganz so weit würde Flick vielleicht nicht gehen. Aber auch der Bundestrainer betonte, man müsse »von der ersten Minute an da sein«. Das ist auch deshalb so wichtig, damit sich alle vergewissern können, ihrem eigenen Anspruch gerecht werden zu können. Ob Trainer oder Spieler, alle sprechen ja davon, dass sie mit dem Ziel ins Turnier gehen, Weltmeister zu werden. Für Flick ergäbe eine andere Zielsetzung schon psychologisch gar keinen Sinn. Ein Auftakt nach Maß gegen Japan würde den Glauben stärken, dieses Ziel auch wirklich erreichen zu können.

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