Zu viel der Staatsschlaubergerei

»Jona« von Peter Hacks hat seine zweite Inszenierung erfahren und wird in Mitteldeutschland gezeigt

Ein Trauerspiel nicht ohne heitere Momente: »Jona« von Peter Hacks
Ein Trauerspiel nicht ohne heitere Momente: »Jona« von Peter Hacks

Es herrschen merkwürdige Zeiten am Theater. Man merkt es den Bühnen an, dass sie kaum wissen, wie ein Spielplan sinnvoll zu füllen wäre. Es sind die Klassiker, die das Publikum in die Schauspielhäuser ziehen – so weiß man aus Erfahrung. Es sind die neuen Stücke, mit denen man auf turbulente Zeiten wie die unsere reagiert und mit denen man sich im Betrieb einen Namen macht – so mutmaßt man in den Intendantenbüros. Und doch wartet man bei aller Bühnenvielfalt in diesem Land mit einem recht gleichförmigen Allerlei auf.

Dabei müsste man doch nur zugreifen! Da hätte man zum Beispiel den literarischen Meister Peter Hacks. Ein Klassiker, dessen Zeit zu früh endete – oder noch nicht wieder gekommen ist! Und doch trauen sich die Stadt- und Staatstheater, an denen von Publikumsschwund seit Monaten die Rede ist, an den Dramatiker nicht heran. Das Hackssche Formbewusstsein ist außer Mode; die ausgefeilten Fabeln, die das Selberdenken herausfordern, sind es nicht minder.

Hacksens Trauerspiel »Jona«, 1986 geschrieben, gut 20 Jahre später und erst nach dem Tod des Autors in Wuppertal uraufgeführt, ist nun in seiner zweiten Inszenierung zu erleben. Jens Mehrle, im Umgang mit Hacks’ Werk erprobt, ist der Regisseur dieses Abends, der in Coswig Premiere feierte und nun durch Mitteldeutschland tourt. Da die großen Institutionen sich sperren, mussten die Theaterleute beim Finden geeigneter Orte kreativ werden.

Hacks bedient sich für sein Stück einer berühmten Bibelgeschichte. Der alttestamentarische Gott entsendet den Propheten Jona nach Ninive. Der segelt lieber in die andere Richtung. Gott aber kennt seine eigenen Wege, lässt das Schiff in einen Sturm geraten und Jona für ein paar Tage in einem Walfisch überdauern, der ihn also doch nach Ninive bringt. An dieser Stelle setzt Hacks mit seiner Handlung ein.

Jona, gekommen um – mit dem Publikum – das Gebaren in der Fremde zu beobachten und darüber zu richten, wird Zeuge einer politischen Unkultur. Die Taktiererei von Semiramis, der Königin von Assur, steht dabei im Mittelpunkt. Die Königstocher Asyrte wie der Feldherr Askar kennen nur einen Teil der Pläne. Und auch die Prinzessin Belit, als Geisel gehalten, wird als Zweckmittel missbraucht und glaubt doch wie die anderen, selbst treibende Kraft im Weltgeschehen zu sein.

Semiramis verfolgt eigene Interessen, die so ernüchternd sind, dass man fast nicht davon sprechen möchte, sie gehörten noch in den Bereich der Politik. Denn wirkliche Ziele kennt dieses Handeln nicht, jenseits der Bewahrung des Status quo. Hellsichtig weiß Jona zu berichten: »auf / Zwei Herrschaftsweisen ist der Staat gegründet, / Auf Staatsvernunft, die das Vorhandne regelt, / Und Staatskunst, die ins Mögliche sich dehnt; / Doch was dem Staat den Grund entzieht, ist Staats- / schlaubergerei«.

Dass Hacks das Auslaufmodell DDR meinte, als er über die Reiche biblischer Zeiten schrieb, wird schnell klar, ohne dass der Autor es für nötig befunden hätte, plakativ zu werden. Und auch Mehrle wartet nicht mit dem Zeigefinger auf. Parallelen zu Konflikten aufgrund mangelnder Staatsvernunft etwa muss man sich schon selbst vor Augen halten. Und auch zu der Feststellung, in Assur würden Kriege geführt, ohne sie zu erklären, und Kriege erklärt, ohne sie zu führen, wird sicher dem einen oder anderen etwas einfallen, ohne dass jemand Fahnen auf der Bühne schwenken müsste.

Hacks’ formvollendete Verssprache weiß das Ensemble gut rüberzubringen. Und auch die Figuren sind mit der nötigen Klarheit gezeichnet. Unter den Spielern aber sticht Para Kiala heraus, der den Jona gibt. Mit großer Sinnlichkeit nimmt er die Bühne ein. Kraftvolle Darstellungen dieser Art sind aber in der gut zweieinhalbstündigen Theaterarbeit nur hin und wieder zu erkennen, hätten aber als lustvolle Erweiterung dieses sehr analytischen Stücks sicher gut getan. Auch dass man mit dieser wichtigen Inszenierung mit kleinen Bühnen vorlieb nehmen muss, obwohl doch der Vers nach Raum verlangt, ist ein Wermutstropfen. Hacks’ Texten, die noch immer Entdeckungen gleichen, wie Mehrles engagierten Unterfangen sind weitere Gelegenheiten zu wünschen, zur Geltung zu kommen.

Nächste Vorstellungen: 27.11., 30.11. (Dessau) und 9.12. (Bitterfeld-Wolfen)
www.theaterprovinzkosmos.jimdofree.com

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