Der Mensch als Wald

Vor 125 Jahren ist das Buch »Ashantee« des Wiener Schriftstellers Peter Altenberg erschienen

  • Erik Zielke
  • Lesedauer: 5 Min.
Das imaginierte Afrika: In Hüttendörfern wurden im Rahmen von »Völkerschauen« um 1900 Menschen ausgestellt.
Das imaginierte Afrika: In Hüttendörfern wurden im Rahmen von »Völkerschauen« um 1900 Menschen ausgestellt.

Es war das Jahr 1896 – und fast ganz Wien lag im Fieber. Vom »Ashanti-Fieber« war damals die Rede. Zum Zweck einer »Völkerschau« wurden aus Westafrika Menschen verbracht und in den Städten Europas als Ausstellungsobjekte herumgereicht. Auch in Wien wurde für sie ein Hüttendorf im Tiergarten errichtet. Das war der rechte Ort, wenn man bedenkt, dass es der Blick des Zoobesuchers war, mit dem man die Menschen bedachte. Das Bild vom Fieber ist treffend. Bei den Betroffenen in der K.-u.-k.-Monarchie waren Einschränkungen im kognitiven Bereich bereits feststellbar.

Schon im Folgejahr gab der exzentrische Schriftsteller und Kaffeehausdichter Peter Altenberg in seiner Miniaturensammlung »Ashantee« seine Erinnerungen an Begegnungen mit den »Paradies-Menschen«, wie er sie nannte, literarisiert in Buchform heraus. Nicht nur den so Ausgestellten schuf er ein Denkmal, auch sich selbst, der als Peter A. in »Ashantee« in Erscheinung tritt, und natürlich den vielzähligen Fiebernden, die – man kann es sich vorstellen – keine gute Figur machten.

Das in Wien errichtete Aschanti-Dorf zog über Wochen Besucher an, denen »der Fremde« zur Projektionsfläche des eigenen exotisierenden Denkens wurde. Der Dünkel des zivilisatorischen Fortschritts scheint unerschütterlich – und das, obwohl gerade in diesem unwürdigen Umgang mit den Aschanti und mit der Entmenschlichung der Mitmenschen der Mangel an Zivilisiertheit offenbar wird. Die Schausteller zeigten nicht sich, sondern nur das Bild, das man hier von ihnen haben wollte. Altenberg zitierte eine von ihnen: »Wilde müssen wir vorstellen, Herr, Afrikaner. Ganz närrisch ist es. In Afrika könnten wir so nicht sein. Alle würden lachen.« Auch die errichteten Hütten sind nur Zeichen westlich-europäischer Vorstellungen.

Etwa 70 Personen mussten damals in einem privat betriebenen Wiener Tiergarten einem simulierten Alltag nachgehen. Dazu kamen Tänze und Kampfriten, die vor Publikum gezeigt werden sollten. Trotz widriger Temperaturen mussten die Aschanti sich kaum bekleidet bis nackt präsentieren. Über das Dorf hinaus wurden die Fremden zum ständigen Spektakel. Man nahm sie mit, konfrontierte sie mit ihren Wiener Gewohnheiten oder ging sexuelle Beziehungen mit ihnen ein.

Fein komponiert Altenberg Wortfetzen aus den Zuschauergesprächen zusammen, die nicht Spiegel des einen Rassismus sind, sondern vielstimmige Rassismen in ihren Nuancen zeigen. Vernehmbar ist nicht nur offene Verachtung, sondern auch vermeintliches Wohlwollen mit dem Beiklang der Abwertung.

»Stolz ist sie, wirklich unsympathisch. Was glaubt sie eigentlich, dieses Mohr?! Eine Ehre sollen wir uns machen, ihren Schmarren zu kaufen?! Nicht mal ansehen möchte sie uns, während sie unser Geld nimmt für Le Ta Kotsa, Zahnkraut. Gewiss ein Schwindel. Hast du Heimweh?! Unsere Verkäuferinnen würden ein schlechtes Geschäft machen. Musst freundlich sein, Schatzerl, thut dir ja Niemand was. Frieren thut sie, der arme Hascher. No, no, no, no, nur nicht gleich aufbegehren! Was bist du zu Hause?! Eine Gnädige?! Du wirst es noch billiger geben. Ein arroganter Fratz.«

Es braucht nur dieser wenigen Worte, die sogleich vielschichtige Bilder vor dem inneren Auge evozieren. Die deutliche Trennung zwischen »sie« und »wir« markiert die entscheidende Linie. Mit wie viel oder wenig Verständnis – oder doch nur voller Häme – mag die Frage nach dem Heimweh gestellt worden sein? Wie sehr interessierte den Wiener Zeitgenossen, welcher Zwang hinter dieser »Reise« stand? Und besser nicht auszumalen, was das »Aufbegehren« der Entrechteten herausgefordert hat, von dem hier die Rede ist.

»Wehe der Nachkommenschaft, die Dich verkennt!«, hat Karl Kraus am Grab seines Freundes und Kollegen Peter Altenberg 1919 gedroht. Der war einer, den man leicht missverstehen konnte. Altenbergs Blick auf die Aschanti in seinem Wien war ein zugewandter. Mit Interesse begegnete er ihrer Sprache, ihren Gewohnheiten. Und mehr als einmal ist es in dem Buch Peter A., der Widerspruch geltend macht, wo Überheblichkeit zutage tritt.

»Ashantee« ist eine Zueignung des Autors vorangestellt: »Meinen schwarzen Freundinnen, den unvergesslichen ›Paradieses-Menschen‹ Akolé, Akóshia, Tioka, Djôjô, Nāh-Badûh gewidmet«. Altenberg kannte die Ausgestellten beim Namen. Die Beziehung war, so kommt es dem Leser vor, vertrauensvoll – und zwar beiderseitig.

In der kleinen Skizze »Complications« wird geschildert, wie eine Mutter unter den Aschanti eine Frau für ihren Sohn sucht. Die Argumente für diese Wahl sind bezeichnend: »Man hat sie in seiner Gewalt« und: »Jedesfalls Etwas Aussergewöhnliches, wie eine Reise in das Ausland oder das Militärjahr.« Kühl beschrieben ist diese Situation, in der auch Peter A. auftritt. Er scheint uns derjenige zu sein, der als Einziger mehr in den Aschanti zu sehen imstande ist.

Und doch ist auch sein Afrikabild das Resultat seiner Projektionen, wenn auch vorrangig positiver. Die Frauen und Mädchen, die er im Sommer und Herbst 1896 kennenlernt, erotisiert er in seiner Literatur bis zum höchsten Grad. Sie alle sind ihm vollkommen – und das auch im sexuellen Sinn. In einem Brief an Ännie Holitscher schreibt er über seine »geliebte, kleine, schwarze Freundin«: »Wenn ich sie bei mir behalten könne, sie kaufen, Sie erziehen ausserhalb der Convention, in ihrer süssen Wildheit, ihrer Grazie.«

»Cultur« ist eine weitere von Altenbergs Szenen in »Ashantee« überschrieben. Ein Mädchen und eine junge Frau aus dem Dorf wurden zum Essen eingeladen und dort verschiedenen Gästen präsentiert. Beide trugen Togen und Glasperlen-Colliers. Sie aßen – so beschreibt es der Autor – »wie englische Damen vom Hofe der Königin«. Eine anwesende Frau habe bemerkt: »Sehr viel Einbildung.« Darauf reagierte Peter A.: »Ein Wald, was ist ein Wald?! Sehr viel Einbildung, ein Wald. Eine Anhäufung von Blättern. Keine falschen Poesieen, meine Lieben, keine ungesunden Träumereien! So ist es. Eine Anhäufung von Blättern.« Und so ist auch unsere Kultur, eine Anhäufung von Selbst- und Fremdzuschreibungen.

Peter Altenberg: Ashantee. Afrika und Wien um 1900. Hg. v. Kristin Kopp u. Werner Michael Schwarz. Löcker-Verlag, 200 S., geb., 19,80 €.

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