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  • Berlin
  • Transfeindliche Gewalt

Neun von zehn Fällen nicht gemeldet

Monitoring-Bericht geht bei transfeindlicher Gewalt in Berlin von riesigem Dunkelfeld aus

  • Claudia Krieg
  • Lesedauer: 5 Min.

Die Existenz steht immer infrage. Sarah Riese vom Forschungsteam des am Montag vorgestellten Monitoring-Berichts zu trans- und homophober Gewalt in Berlin erklärt, was die spezifische Gewalterfahrung ausmacht, der sich Menschen, die sich dem Geschlecht, das ihnen bei Geburt zugeschrieben wurde, nicht zugehörig fühlen, nahezu alltäglich gegenübersehen. Denn darauf richtet der Bericht schwerpunktmäßig seinen Fokus.

Die meisten trans Menschen befänden sich demnach in einer »konstanten Alarmsituation«, erklärt Riese, die bei der Berliner Arbeitsstelle Gewaltprävention des Forschungsinstituts Camino tätig ist, die den Bericht erstellt hat. Aus Sicht der Justizverwaltung verfügt Berlin mit diesem als einziges Bundesland »über ein Instrument zur Bekämpfung von Hassgewalt gegen Lesben, Schwule, Bisexuelle sowie trans- und intergeschlechtliche Menschen (LSBTI)«.

Der zweite Bericht dieser Art solle helfen, das Dunkelfeld im Bereich homosexuellen- und transfeindlicher Übergriffe aufzuhellen und dazu beitragen, dass sich die Anzeigebereitschaft sowie das Vertrauen in staatliche Stellen erhöhen, sagte Justizsenatorin Lena Kreck (Linke) bei der Präsentation der Daten. »Je mehr Wissen wir haben, umso besser können wir entscheiden, wie Politik nachsteuern muss.«

Neben der wissenschaftlichen Auswertung der polizeilichen Meldestatistik wurde für den Schwerpunkt überdies eine Befragung transgeschlechtlicher Berliner*innen durchgeführt. Dadurch wird auch offenbar, mit welcher schwierigen Realität Transgender konfrontiert sind.

»Ich muss immer aufpassen: Wer ist um mich herum? Ich muss immer überlegen: Was ist mein Ziel, ist der Ort sicher, wie sicher ist der Weg dorthin?« So habe eine*r der Befragten die Situation erklärt, in der sich die Person durch die Großstadt Berlin bewegt, sagt Riese. Denn parallel zum Bild von der toleranten Hauptstadt, geprägt von der Vielfalt von Geschlechtern und Lebensweisen wie von deren Kultur und Geschichte, erfahren gerade auch hier Menschen, die einem Teil der Gesellschaft als Abweichung von der Norm erscheinen, alltäglich Diskriminierung und Gewalt.

Auch wenn ein Großteil bekannt gewordener Fälle wohl auf zunehmende Sensibilisierung und mehr Meldungen zurückgehen: Nach Angaben der Justizverwaltung ist die von der Polizei in Berlin registrierte Zahl der Straftaten, die sich gegen Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche und andere queere Menschen richtet, weiter gestiegen. Statistisch erfasst wurden im vergangenen Jahr 456 Fälle, 2020 waren es 377.

Mit weitem Abstand am häufigsten sind Beleidigungen, die annähernd die Hälfte der Delikte (48,5 Prozent) ausmachen. In nicht ganz einem Drittel (28,7 Prozent) geht es um Körperverletzung, bei einem Zehntel (9,6 Prozent) um gefährliche Körperverletzung. Die bei der Polizei angezeigten Straftaten konzentrieren sich häufig auf Ausgeh- und Wohnviertel der queeren Community. So entfiel ein Viertel der Delikte (24,8 Prozent) auf den Bezirk Mitte, jeweils etwa ein Fünftel auf Tempelhof-Schöneberg (17,6 Prozent) und Friedrichshain-Kreuzberg (17,4 Prozent).

Viele Betroffene erleben den öffentlichen Raum dabei als konstante Bedrohung. Ob es sich um Straßen, Bahnhöfe, dunkle Parks, den öffentlichen Nahverkehr handelt: Immer müssten sie bereit sein, beleidigt, angefeindet oder angegriffen zu werden, viele wechseln prophylaktisch die Straßenseite, wenn sie auf größere Gruppen von jungen Männern stoßen, heißt es in den Berichten.

Justizsenatorin Kreck nennt zwei Faktoren, die im Kontext der Untersuchung zu berücksichtigen seien: Zum einen ist davon auszugehen, dass neun von zehn Fällen nicht erfasst werden, zum anderen gebe es das Dilemma, dass zahlreiche Formen der Herabwürdigung nicht die Schwelle zur Strafbarkeit überschreiten würden.

Das trifft sich mit den Schilderungen von Sarah Riese. Sie erklärt, dass ein sehr großer Teil der als gewaltvoll erlebten Situationen sich im Umgang von Betroffenen mit Behörden, Polizei, Gesundheitswesen und Justiz abspielen. Sehr häufig würden sie im Kontakt mit den Instanzen, die sie eigentlich schützen sollen, »misgendert«, man nenne dort den sogenannten »dead Name«, der abgelegt wurde, aber häufig noch in Ausweispapieren zu finden sei, »oute« die Menschen damit in größeren Gruppen mehr oder weniger bewusst. Oft werden Gewalterfahrungen von trans Menschen in diesem Kontext nicht ernst genommen. »Das Vertrauen in den Rechtsstaat ist bei vielen dauerhaft erschüttert«, sagt Riese. Dazu komme eine Verknüpfung mit anderen Diskriminierungen wie Rassismus.

Zu den Täter*innen erklärt Albrecht Lüter von Camino, dass es sich häufig um Mehrfach- und Wiederholungstäter*innen handele: Mehr als dreiviertel (75,9 Prozent) der ermittelten Tatverdächtigen waren schon zuvor polizeilich bekannt. Strafrechtliche Konsequenzen sind dennoch nicht die Regel: In 40 Prozent der Fälle wurden die Verfahren eingestellt. In 90 Prozent der Fälle handelt es sich um männliche Gewalttäter. Umstehende greifen laut vielen Betroffenen-Schilderungen in der Regel nicht ein. Die wenigen Situationen, in denen dies doch geschieht, werden insofern als bestärkend erlebt – aber nur sieben von den 141 für den Bericht Befragten haben diese Erfahrung überhaupt schon einmal machen können.

Lüter und Riese zählen eine ganze Reihe von Handlungsempfehlungen auf: Vor allem Weiterbildung und Professionalisierung, Sensibilisierungsarbeit in Schulen und Behörden könne den Umgang nachhaltig verändern. Als positives Beispiel werden dahingehend auch von Betroffenen die LSBTIQ-Ansprechpersonen bei der Berliner Polizei genannt.

https://www.lsbti-monitoring.berlin/de/monitoring/

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