Dokumentationsstelle Antiziganismus: Immer mehr Vorfälle

Aus der Ukraine geflüchtete Roma erfahren Ungleichbehandlung und Ausschluss

Auf die Roma-Flagge haben sich die Delegierten auf dem ersten Weltromakongress geeinigt, am 8.4.1971.
Auf die Roma-Flagge haben sich die Delegierten auf dem ersten Weltromakongress geeinigt, am 8.4.1971.

»Die Zahlen an dokumentierten antiziganistischen Vorfällen sind so hoch wie noch nie«, sagt an diesem Mittwoch Violeta Balog, Projektleiterin der Berliner Dokumentationsstelle Antiziganismus (Dosta), zu Beginn der Vorstellung des entsprechenden Berichts mit den Fallzahlen 2021 und 2022. Man sei kaum aus der Corona-Pandemie heraus gewesen, mit all den diesbezüglichen Roma*-feindlichen Narrativen, als der Krieg gegen die Ukraine losging. Beides habe gezeigt: »Solidarität in Krisenzeiten gilt nicht für alle.«

Im Zuge des Krieges seien fliehende Roma*, ebenso wie Schwarze Flüchtende und People of Color, diskriminiert worden. »Diese Diskriminierungserfahrungen setzen sich hier fort«, sagt Valeria Laukat von Dosta. Ein Beispiel: Einer aus der Ukraine eingereisten Familie sei am Berliner Hauptbahnhof der Zugang zu einer Covid-Teststation verweigert worden. Die Familie habe Fahrkarten zur Weiterreise nach Kiel gehabt und habe sich vorher testen lassen wollen, das Sicherheitspersonal der Deutschen Bahn habe dies aber nicht geglaubt und der Familie unterstellt, sie wollten sich am Hauptbahnhof aufhalten.

Ähnliche Situationen hätten sich in den Unterkünften und dem Ankunftszentrum für Geflüchtete abgespielt, Roma*-Familien seien wiederholt Hausverbote ausgesprochen worden. »Es gab antiziganistische Äußerungen vom Personal in den Unterkünften, von Mitarbeiter*innen der Deutschen Bahn und auch von ehrenamtlich Helfenden«, so Laukat. In vielen Fällen, wie zum Beispiel auch in dem beschriebenen Fall am Hauptbahnhof, hätten sensibilisierte Helfer*innen eingreifen und die Situationen klären müssen.

Die Vorfälle in Verbindung mit dem Krieg und der Flucht aus der Ukraine machen nur einen Teil der von Dosta dokumentierten Fälle aus. 2021 hat Dosta 147 antiziganistische Vorfälle aufgenommen, 2022 waren es 225 – eine Steigerung von 53 Prozent. »Das hängt auch damit zusammen, dass die Bekanntheit von Dosta gewachsen ist«, sagt Laukat. So würden immer mehr Menschen Vorfälle bei der Dokumentationsstelle melden, die vom Verein Amaro Foro betrieben wird.

Die Zahlen der Dokumentationsstelle geben nur einen Einblick in die Ausschlusserfahrungen von in Berlin lebenden Roma*. »Die Dunkelziffer ist viel höher«, sagt Laukat. Dennoch gehe aus den aufgenommen Fällen deutlich hervor, dass die Zustimmung zu Antiziganismus groß ist in der »deutschen Dominanzgesellschaft«. Das werde unter anderem daraus ersichtlich, dass immer wieder die rassistische Fremdbezeichnung (das Z*-Wort) benutzt werde, um über Roma* zu sprechen, und dass es bei Vorfällen und Übergriffen kaum Solidarität von Umstehenden und Passant*innen gebe.

Ein besonderer Fokus in der diesjährigen Auswertung von Dosta liegt auf dem Bildungsbereich, in welchem nach »Alltag und öffentlicher Raum« und »Kontakt zu Leistungsbehörden« die meisten der gemeldeten Fälle aufgenommen wurden. »Kinder erfahren in der Schule Mobbing durch Mitschüler*innen, durch Lehrer*innen und durch weiteres Personal«, sagt Laukat.

In einem sehr heftigen Fall wurde ein Kind von einer Lehrkraft geschlagen, beleidigt und diskriminiert. Daraufhin sei das Kind nicht mehr zur Schule gegangen und den Eltern wurde deshalb eine Geldstrafe ausgesprochen. Schließlich wechselte das Kind die Schule. »Das ist ein Fall von Täter-Opfer-Umkehr, dass die Eltern dann auch noch eine Strafe zahlen sollten«, so Laukat.

Außerdem würden Roma*-Kinder vermehrt nicht an Schulen oder Kitas aufgenommen und würden so schlechtere Bildungschancen erhalten, sagt Laukat. »Es fehlt eine unabhängige Beschwerdestelle mit Handlunsgmacht.«

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