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  • Russlands Rückkehr in den Sport

Weltsport spaltet sich in der Russland-Frage

Verbände sind uneins, ob Sportler aus Russland und Belarus Startrecht bekommen sollen. Die Politik mischt kräftig mit.

  • Oliver Kern
  • Lesedauer: 5 Min.
Bei der Box-WM in Taschkent treten Russlands Boxer wie Gabil Mamedov (l.) schon wieder unter russischer Flagge an.
Bei der Box-WM in Taschkent treten Russlands Boxer wie Gabil Mamedov (l.) schon wieder unter russischer Flagge an.

Wenn das Internationale Olympische Komitee die Einheit des Weltsports bewahren wollte, dann hat es mit seinen Leitlinien, wie Athleten aus Russland und Belarus wieder in den internationalen Sport zurückkehren können, versagt. Von den geplanten Sportarten der Olympischen Sommerspiele 2024 in Paris haben im vergangenen Monat erst zwölf Verbände entschieden, den umstrittenen Vorgaben des IOC zu folgen, acht prüfen diesen Schritt noch und zehn bleiben beim Ausschluss der Athleten aus den Aggressor-Staaten im Ukraine-Krieg. »Es droht organisierte Verantwortungslosigkeit und ein Flickenteppich«, kritisiert Maximilian Klein, Direktor Sportpolitik von Athleten Deutschland die Lage. Andere befürchten gar die Spaltung des Weltsports. Eine Einigung auf gemeinsame Regeln ist jedenfalls nicht absehbar.

Mehr als ein Jahr nach Kriegsbeginn hatte das IOC Ende März Sportverbänden einen Rahmen vorgegeben, wie sie Sportler aus Russland und Belarus wieder zulassen sollten, wenn sie dies wünschen: völlige Neutralität, keine Flagge, keine Hymne, keine Landesfarben auf der Kleidung, keine Teams. Da jedoch immer noch viel vage blieb, herrscht selbst dort, wo Russen wieder zugelassen sind, ein Durcheinander. Die Boxer – deren Olympiastatus ohnehin auf dem Spiel steht – pfeifen unter ihrem russischen Präsidenten Umar Kremlew auf jegliche Neutralität. Deswegen wird die WM von vielen westlichen Ländern gerade boykottiert. Auch der Deutsche Boxsportverband schickte keine Athleten nach Taschkent.

Die Judoka ließen Russen als neutrale Sportler zwar zu, schickten vor dem WM-Start am Sonntag in Doha aber gleich acht wieder nach Hause, da sie offenbar in sozialen Medien den Krieg unterstützt hatten und somit nicht als neutral gelten könnten. Der ukrainische Verband hatte trotzdem seine Delegation zurückgezogen, da die Regierung bei der Teilnahme an Wettkämpfen mit Russen die finanzielle Förderung einstellt.

Ganz eindeutig mischt die Politik also kräftig mit in der Debatte, und selbst die Parlamentarische Versammlung des Europarates verhandelte vergangene Woche in Straßburg über einen Antrag, Athleten der Aggressor-Parteien von der olympischen Bewegung auszuschließen. »Eine Zulassung im Kontext des Krieges gegen die Ukraine wird von vielen als starker Verstoß gegen die olympischen Werte der Friedenserhaltung gesehen und als mögliches Propagandavehikel der Angreifer«, sagte Versammlungspräsident Tiny Kox.

Der zugeschaltete stellvertretende ukrainische Sportminister Andriy Chesnokov bezweifelte grundsätzlich, dass es so etwas wie neutrale Athleten überhaupt geben könne. Das IOC habe zudem keinen effektiven Mechanismus entwickelt, der verhindert, »dass die russische Staatsführung Erfolge ihrer Athleten zu Propagandazwecken ausnutzt«.

Da Russland seit Kriegsbeginn aus der Versammlung ausgeschlossen ist, wäre die Anhörung recht einseitig verlaufen, wären da nicht die Abgesandten des IOC gewesen. Präsident Thomas Bach war der Einladung nicht gefolgt, ließ seine Vertreter aber vor allem eine Botschaft vermitteln, die Gaby Ahrens, Athletensprecherin der afrikanischen NOKs, so formulierte: »Sportler sollten nie den Preis für einen Konflikt zahlen. Und die Politiker sollten keinen Druck ausüben.« Das klang ganz danach, als habe das IOC einen erneuten Bann russischer Sportler bei Olympia 2024 schon ausgeschlossen, obwohl darüber offiziell erst später entschieden werden soll.

Weiterhin sind viele Fragen ungeklärt, wie Frankreichs Sportministerin Amélie Oudéa-Castéra erklärte: »Gelten Doppel im Tennis oder Duos im Rudern schon als Mannschaften, die ausgeschlossen werden? Können Sportler, die finanziell vom Staat oder staatlich kontrollierten Sponsoren unterstützt werden, wirklich neutral sein? Der Auswahlprozess müsste doch eigentlich unabhängig vom Staat in Russland und Belarus ablaufen.« Auf diese Argumente gingen die IOC-Delegierten nicht ein.

Stattdessen beruft sich der Verband auf UN-Berichterstatterin Alexandra Xanthaki, die immer wieder die Diskriminierung der Menschenrechte russischer Athleten als illegal darstellt: »Sie werden bestraft für Taten ihrer staatlichen Führung, und das untergräbt auch die friedensstiftende Wirkung des Sports. Ein pauschales Verbot fördert eher die weitere Teilung des Weltsports«, behauptete die griechische Rechtswissenschaftlerin. Dem hielt die ukrainische Abgeordnete Yevheniia Kravchuk entgegen, »dass es kein Grundrecht darauf gibt, bei Olympia eine Bühne zu bekommen«.

Tatsächlich ist es strittig, ob ein internationales Startverbot tatsächlich das Menschenrecht auf sportliche Betätigung beschränkt oder lediglich ein Berufsverbot darstellt. Gäbe es wirklich ein unumstößliches Recht auf eine Olympiateilnahme, müssten auch Mannschaftssportler zugelassen werden. Das IOC selbst empfiehlt aber weiterhin deren Ausschluss – also auch deren Diskriminierung, die es an anderer Stelle anprangert?

Francesco Ricci Bitti, Präsident des Verbands der Sommersportarten, betonte für das IOC lieber, dass man den Dialog offenhalten müsse und der Sport als Ort für friedliche Veranstaltungen geeignet sei, wo offenbar jener Dialog befördert werde. Wie das funktionieren soll, wenn selbst das IOC Staatsvertreter aus Russland und Belarus nicht einladen will und sich die neutralen Athleten politisch nicht äußern dürfen, erklärte der Italiener nicht.

Seine Kollegin Ahrens aus Namibia argumentierte daher auch nicht mit einer ohnehin fragwürdigen friedensstiftenden Wirkung des Sports, sondern warb eher für simple Toleranz: »Wenn Olympische Spiele nur zur Plattform für Sportler ähnlich denkender Länder wird, sind sie keine gute Vertretung der Welt mehr. Das würde das Ende des Weltsports bedeuten.«

Oleksii Goncharenko ist das zu wenig. Der ebenfalls aus der Ukraine stammende Parlamentarier forderte vom IOC eine Art Gesinnungstest, wenn man Olympia schon als Veranstaltung des Friedens preist: »Wenn Sie wollen, dass Sportler aus Russland und Belarus teilnehmen, dann fordern Sie sie auf, sich schriftlich gegen den Krieg auszusprechen!« Sonst würde Olympia zur Schande, so Goncharenko. Mit der Umsetzung dieses Plans ist jedoch nicht zu rechnen. »Die Athleten werden eine Erklärung unterschreiben müssen«, sagte Ricci Bitti später der »L’Équipe«. Sie würden aber nicht aufgefordert, sich gegen den Krieg auszusprechen, weil das in Russland strafrechtlich relevant sei.

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