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Gold bleibt unplanbar

Der deutsche Sport versucht mit Datenanalysen aus seiner Misere zu kommen

Nach knapp zwei Stunden Debatte wollte Dirk Schimmelpfennig mal etwas klarstellen: »Wäre Sport berechenbar, hätten wir keine Wettbüros mehr.« Der Leistungssportvorstand des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB) hatte am Montagvormittag in Berlin der Vorstellung der Potenzialanalyse im Spitzensport gelauscht und selbst ein paar Anmerkungen gemacht. Als dann die Frage eines Journalisten aufkam, warum immer noch ein Drittel des Steuergelds, mit dem Leistungssportler vom Bundesinnenministerium (BMI) gefördert werden, nicht auf Basis von Datenanalysen verteilt würden, fühlte er sich anscheinend gezwungen, darauf hinzuweisen, dass Erfolg nicht bis ins kleinste Detail zu planen sei – so sehr das in Deutschland mittlerweile auch versucht wird.

Fast fünf Jahre sind vergangen, seitdem der DOSB – unter öffentlichem Druck – eine Reform beschloss, mit der die Sportförderung an messbare Erfolgspotenziale geknüpft werden sollte. 2017 berief das BMI eine Kommission, die das dafür nötige Potenzialanalysesystem (PotAS) aufbauen sollte, um damit die Sportverbände auf ihre Wettbewerbsfähigkeit zu überprüfen. Heraus kamen Hunderte Kriterien und Fragen, die die Sportfunktionäre des Landes beantworten sollten. Und nach den verschobenen Olympischen Spielen von Tokio wurde nun endlich der erste Kommissionsbericht für die Sommersportarten vorgestellt. Das Ergebnis: Der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) steht am besten da, die Basketballer sind Schlusslicht.

Ob eins seiner vier Sport treibenden Kinder, von denen BMI-Staatssekretär Markus Kerber am Montag erzählte, auf der Tartanbahn rennt oder lieber Körbe wirft, verriet er nicht. Insgesamt freue er sich aber über den Bericht, da er »für mehr Transparenz sorgt und es uns ermöglicht, die Förderentscheide besser an einzelnen Disziplinen auszurichten.« Es werde ja von allen erwartet, »dass die Medaillenzahl wieder nach oben geht«, so Kerber. Deutschlands Athleten sind seit Rang drei im Medaillenspiegel 1992 mittlerweile auf Platz neun in Tokio abgestiegen. Und dieser Trend soll gestoppt werden.

Ab diesem Dienstag entscheiden BMI und DOSB in einer Förderkommission über die neuen Mittelzuwendungen. Dabei werden nun also zwei Drittel der Gesamtsumme anhand der PotAS-Werte auf die Verbände verteilt. Dabei kann es auch innerhalb der Verbände zu Unterschieden kommen. So hat die Abteilung der Freiwasserschwimmer die besten Werte aller 103 Teildisziplinen im Sommersport erreicht, darf also auf mehr Geld hoffen. Die Synchronschwimmerinnen – ebenfalls zum Deutschen Schwimm-Veband gehörig – müssen ganz unten in der Tabelle dagegen Kürzungen befürchten.

2020 zahlte das BMI eigenen Angaben zufolge rund 60 Millionen Euro allein an die Sommersportverbände. Auf Grundlage von PotAS werden manche nun weniger bekommen, andere dafür mehr. »Die Spreizung wird zunehmen«, sagte Kerber voraus.
Mit dem letzten Drittel des Geldes sollen dann explizit jene Spitzenkader gefördert werden, denen bereits bei den nächsten Sommerspielen 2024 in Paris Erfolgschancen zugetraut werden. Hier spielt PotAS keine so große Rolle, sondern eher die sportfachlichen Einschätzungen der Verbände und des DOSB.

Ganz ohne Datengrundlage geschehe aber auch das nicht, erläuterte Professor Urs Granacher am Montag das Bilden von Prognosen für Paris: »Der Erfolg in der jüngeren Vergangenheit ist der beste Prädiktor, den wir haben, für Erfolge in der Zukunft«, sagte der Vorsitzende der PotAS-Kommission. Die ist dafür zuständig, Verbandsstrukturen zu bewerten, Kaderpotenziale auszumachen und zurückliegende Erfolge in einer komplizierten Berechnung zu gewichten.

Interessanterweise ließen letztere die Leichtathleten unter allen Verbänden ganz nach oben steigen, obwohl deren Ausbeute in Tokio mit drei Medaillen unter den Erwartungen geblieben war. Coronabedingt ließ die Kommission jedoch Resultate von Wettkämpfen vor der Pandemie stärker einfließen als zuletzt. So wirkten die 2019 gewonnenen WM-Medaillen von Zehnkämpfer Niklas Kaul, Speerwerfer Johannes Vetter sowie den Läuferinnen Gesa Krause und Konstanze Klosterhalfen noch nach, obwohl alle vier 2021 ohne olympisches Edelmetall geblieben waren.

Ganz von der Hand zu weisen ist dieser Ansatz nicht, da es in manchen Sportarten keine zwei Jahre mehr sind, bis die Olympiaqualifikationen für Paris anstehen. Selbst die besten Nachwuchsathleten wären kaum so schnell an die Weltspitze zu führen.
So bleiben auch in einem System, das seinem Namen nach auf Potenziale für die Zukunft ausgerichtet sein soll, immer noch die Medaillen der Gegenwart mitentscheidend für die Verteilung von Fördergeld. Die Reiter sprangen dank ihrer vielen Erfolge in Tokio im Vergleich zur reinen Struktur- und Potenzialanalyse noch um 14 Plätze nach oben auf Rang drei, während der in Tokio erwartungsgemäß medaillenlose Badmintonverband um ebenso viele Plätze vom Spitzenrang abrutschte. Ganz am Schluss steht der Deutsche Basketball-Bund auch, weil er in drei seiner vier Disziplinen (Frauen-Basketball sowie dem neuen 3x3-Format bei beiden Geschlechtern) Tokio verpasst hatte.

Kaum besser steht Fechten da. Die einstige Medaillenschmiede kommt nicht um einen Neuaufbau herum, der frühestens 2028 fruchten kann, weil kaum noch erkennbare Medaillenpotenziale für Paris gefördert werden können. Ob PotAS wirklich wirkt, dürften also erst die Spiele in Los Angeles zeigen. Bis dahin darf noch fleißig gewettet werden.

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