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Theatertreffen: »Vermächtnis« - Elf Freunde müsste man sein

Das Berliner Theatertreffen eröffnet mit Matthew Lopez’ »Das Vermächtnis« – einem siebenstündigen Bühnenepos über die Gay-Community in den USA

  • Dorte Lena Eilers
  • Lesedauer: 6 Min.
v. l. Nicola Mastroberardino, Simon Zagermann, Vincent zur Linden, Patrick Bimazubute, Florian Jahr
v. l. Nicola Mastroberardino, Simon Zagermann, Vincent zur Linden, Patrick Bimazubute, Florian Jahr

Toby trägt seine Sehnsucht wie ein Billboard vor sich her. Toby Darling. Das ist sein Name. Würden alle lesen können, was sein Nachname in großen Lettern buchstabiert, wäre der Theaterabend, gerade begonnen, gleich auch schon wieder vorbei. So aber verfolgen wir über sieben Stunden lang, wie der Protagonist aus Matthew Lopez’ Bühnenepos »Das Vermächtnis« nach einer Liebe fahndet, die er selbst immer wieder zerstört. »Die Welt«, sagt sein altersweiser Freund Henry, »fällt auseinander, seit es sie gibt.« Daher braucht es elf Freunde auf der Bühne, die versuchen, sie permanent zu kitten. Ja, elf Freunde müsste man sein.

Die Eröffnung des Berliner Theatertreffens unter der neuen Leitung von Olena Apchel, Carolin Hochleichter und Joanna Nuckowska war ein ungewöhnlicher Abend. Ungewöhnlich in dem Sinne, dass er auf ausgefeilte Art »gewöhnlich« sein will. »Das Vermächtnis« ist reinstes Erzähltheater ohne Metatext oder doppelten Boden, schnörkellos von Philipp Stölzl am Residenztheater München auf die Bühne gebracht. Der amerikanische Dramatiker Matthew Lopez zeichnet in seinem Stück das Leben einer Gruppe homosexueller Männer im New York im Jahr 2016 nach, die nach dem Schock des Wahlsiegs von Donald Trump beginnen, sich mit der Geschichte der Schwulenbewegung in den Vereinigten Staaten auseinanderzusetzen.

Das ist der große gesellschaftspolitische Bogen, der hier geschlagen wird: vom Beginn der Aids-Epidemie in den 80er Jahren und den vielen Opfern insbesondere in der LGBTQ-Community bis hin zu den wieder zunehmenden homophoben Anfeindungen aus dem Lager republikanischer Trumpisten. Die privaten Liebesgeschichten – die in die Brüche gehende Beziehung zwischen dem Schriftsteller Toby Darling und seinem Partner Eric Glass etwa, die Erotik, die der jugendliche Adam in die Runde bringt, die Weisheit des älteren Paares Walter und Henry – sind darin so etwas wie der Treibstoff in der zuverlässig schnurrenden Maschine des »Storytellings«, wie es im Programmheft im schönsten Writers-Room-Jargon heißt.

Zu Beginn des Abends stehen alle elf Schauspieler in schlichter schwarzer Kleidung auf der Bühne, nach dem Anfang dieser Geschichte suchend, die unbedingt, wie sie sagen, erzählt werden muss. Als Pate der ganzen Unternehmung entpuppt sich der britische Schriftsteller E. M. Forster, der seine Homosexualität nie offen auszuleben wagte und aus dessen 1910 erschienenem Roman »Howards End« Matthew Lopez einige Motive entnahm. Die Passagen, in denen die »Scriptwriter« mit ihrem personifizierten Idol in Verhandlung treten, wirken trotz des durchlässigen Residenztheater-Ensembles mitunter etwas bemüht, zumal Lopez diesem Morgan (Michael Goldberg) Sätze in den Mund legt wie: »Es gibt nichts, was ich euch noch beibringen kann … Seid mutig«, während sich drei seiner Gegenüber eifrig an den Händen fassen.

Letztlich aber liegt genau in jenem Bild die angepeilte Utopie des Stückes: Galt in den vergangenen Jahrzehnten des Pop-Punk- und Protest-Regietheaters die Devise »Macht kaputt, was euch kaputtmacht«, geht es hier um so schillernde Begriffe wie Heilung und menschliche Empathie. »Das Vermächtnis« will nicht nur, wie Tony Kushners »Angels in America«, in einem epischen Tableau die jahrzehntelangen Kämpfe der Gay-Community verhandeln – die Ängste, die Scham, das Wegducken, aber auch die Anerkennung, die Befreiung, Liebschaften, Lust und Erotik –, sondern sich auch den großen gesellschaftlichen Friktionen des 21. Jahrhunderts widmen.

Nach der ersten Pause des Abends kommt es an Erics Geburtstag zum Streit: Der Immobilien-Millionär Henry (Oliver Stokowski) entpuppt sich als Republikaner, der zum Entsetzen der übrigen Demokraten-Bande auch noch für Trumps Wahlkampf gespendet hat. Zudem werden immer wieder Klassenfragen thematisiert: Eric (Thiemo Strutzenberger) definiert sich nicht nur als mittelmäßig, sondern als ganz klar Middle Class, eine Herkunft, die sein Ex-Partner Toby Darling (Moritz Treuenfels) teilt, aber vehement hinter einer Fassade aus Glitzer und Glamour zu verstecken versucht. Der junge Adam ist superreich, der junge Leo (beide gespielt von Vincent zur Linden) völlig verarmt.

Letztlich bleiben die ökonomischen Hintergründe jedoch folgenlos. Vielmehr werden sie von einem Gedanken überspielt, der zwar schön und erstrebenswert klingt, das eigentliche Übel in der Gesellschaft aber nicht tilgt. Am Ende aller Irrungen, Wirrungen und Verletzungen treffen sich die Männer (in weiteren Rollen: Patrick Bimazubute, Vincent Glander, Florian Jahr, Nicola Mastroberardino, Noah Saavedra und Simon Zagermann) in einem Landhaus wieder, in dem der mittlerweile verstorbene Walter vor vielen Jahren Aids-infizierte Freunde bis in den Tod begleitete. An die 200 sollen es gewesen sein, berichtet die Gutsverwalterin Margarete (Nicole Heesters), eine Zahl, die noch einmal mehr verdeutlicht, wie verheerend die Aids-Epidemie vor der Entwicklung wirksamer Medikamente gewütet hat. Auch Eric gedenkt hier, den nunmehr HIV-positiven Leo zu pflegen. Die »Kette der schwulen Männer«, die über alle Klassenschranken hinweg, so beschwört es das Stück, eine sorgende Gemeinschaft bilden, setzt sich fort.

Philipp Stölzl hat sich für diese Erzählung ein Bühnenbild gebaut, das ohne jegliche Zweideutigkeit auskommt. Als wäre man versehentlich in eine Inszenierung der dem Residenztheater benachbarten Staatsoper geraten, sehen wir bürgerliche Interieurs, die bis hin zur realistischen Fototapete hinter deckenhohen Fenstern detailversessen das »echte Leben« zitieren. Stück und Bühne sind somit derart zugänglich, dass man in ihnen, wie es Moritz Baßler in seinem Buch »Populärer Realismus. Vom International Style gegenwärtigen Erzählens« für spezielle Formen der zeitgenössischen Literatur analysiert, wohnen könnte.

Die Jury begründete die Einladung zum Theatertreffen – frei formuliert – damit, dass diese Inszenierung dem Bedürfnis des Publikums nach großen, linear erzählten Geschichten nachkomme. Und tatsächlich funktioniert das Stück wie ein politisch grundiertes Well-made-Play: schnelle Dialoge, viel Wortwitz, fröhliche Anspielungen auf Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll (»Wie weit in aufgerichteten Penissen bist du von der Jungfräulichkeit entfernt?«).

Während Lopez’ Nebencharaktere wie Henrys Söhne in der Eindimensionalität tumber Rich Kids stecken bleiben, widmet sich der Autor seinen Hauptfiguren mit psychologischer Akribie, was insbesondere bei Toby Darling zu einem sonderbaren Effekt führt: War sein am Broadway aufgeführtes Stück »Love Boy« noch ein Zeichen biografischer Camouflage, strebt er zum Schluss nach einem Schreiben, das einer unmittelbaren Wiedergabe seines Lebens dienen soll (»Ich habe mir dieses Stück aus den Adern geschnitten«). Eine merkwürdige Auffassung von Kunst, die ja – trotz des derzeit herrschenden Trends zu autofiktionalen Stoffen – immer auch Rollentausch, Spiel und Fiktion sein will.

Das Ergebnis dieser Seelenvivisektion ist, dass Lopez’ Figuren die Schuld an den Verhältnissen beständig bei sich selbst suchen – ebenso wie eine Lösung. Natürlich ist es wünschenswert, wenn Reiche wie Henry den Armen helfen. Aber wäre es nicht ebenso wünschenswert, wenn nicht realpolitisch ungleich notwendiger, dass man durch Verbesserung der Erwerbssituation dafür sorgen würde, dass Armut gar nicht existiert?

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