Signa am Ku'damm: Sky is the Limit

Architekt Chipperfield will für Signa ein 137-Meter-Hochhaus am Kurfürstendamm bauen

  • Yannic Walther
  • Lesedauer: 6 Min.

Timo Herzberg sagt, er habe mit Freunden einmal durchgezählt. Sie kämen auf bis zu 15 Kinos, die es heute am Kurfürstendamm nicht mehr gäbe. »Oma hat hier das Eis gekauft«, erinnert sich der Deutschland-Chef des Immobilien- und Warenhauskonzerns Signa. Seitdem und ohnehin schon immer hat sich die Einkaufsstraße im Berliner Westen gewandelt. Auch städtebaulich: Zu den Gründerzeithäusern gesellte sich die Nachkriegsmoderne, und im wiedervereinigten Deutschland schossen mit dem Zoofenster und Upper West zwei Hochhäuser knapp 120 Meter in die Höhe. Den höchsten Turm vor Ort könnte Signa aber bald selbst bauen.

Wer hat den Größten?

Am Freitagmittag soll der Sieger eines Werkstattverfahrens zur Bebauung des Karstadt-Areals zwischen Kurfürstendamm und Rankestraße bekannt gegeben werden. Bereits am Mittwochabend haben mit Chipperfield, Henning Larsen, Cobe und Christoph Mecklert die vier konkurrierenden Architekturbüros ihre Entwürfe der Öffentlichkeit vorgestellt. Alle vier wollen – so wünscht es sich der Auftraggeber – in die Höhe bauen und eine hohe städtebauliche Dichte verwirklichen. Aber der Entwurf des Büros Chipperfield spottet dann doch all den Diskussionen, die es um die Hochhauspläne von Signa am Kurfürstendamm gibt. Einen 137 Meter großen sowie einen 109 Meter »kleinen« Turm würden die Architekten gern auf dem Karstadt-Areal bauen. Der höchste Turm würde damit auch die bisherigen Höhendominanten überragen. Die anderen Büros wollen mit ihrem jeweils höchsten Turm jeweils die 120 Meter der vorhandenen Hochhäuser Zoofenster und Upper West erreichen.

So oder so sind Signas Hochhauspläne umstritten. Noch 2018 lehnte es das Baukollegium ab, dass am Breitscheidplatz weitere Hochpunkte entstehen. Doch 2021 änderte das Fachgremium seine Position. Man wolle »keine Höhendefinition« vornehmen, als »Maximalhöhe« nur die bereits vorhandenen Türme definieren. Diese Entscheidung blieb der Öffentlichkeit lange vorenthalten. Mit den 137 Metern des Büros Chipperfield könnte die Maximalhöhe nun auch zu einem eher dehnbaren Begriff werden. »Ein Hochhaus ist nicht schlechter oder besser, wenn es 120 oder 137 Meter hoch gebaut wird«, wiegelt ein Mitarbeiter des Büros Chipperfield bei der Vorstellung ab. Anfangs hätte man auch überlegt, zwei gleich hohe Zwillingstürme für das Areal vorzuschlagen.

Kein Manhatten in der City West

Beim Bau von Hochhäusern wird immer wieder kritisiert, dass diese zur Verschattung und zu starken Winden führen können. Auch ein konkurrierendes Team wundert sich über den Entwurf von Chipperfield. Dieser würde dem Problem der Beschleunigung des Windes überhaupt nichts entgegensetzen – angeblich im Gegensatz zum eigenen Entwurf.

Verschattung und Wind sind nicht die einzigen Gründe für den Argwohn, mit dem auf neue Hochhäuser in der City West geblickt wird. Wenn einmal so hohe Türme stehen, folgen dann bald die nächsten? Mehrere Entwürfe versuchen zumindest, eine Abstufung zu erreichen, damit die Türme nicht als Einladung für weitere nebenan betrachtet werden. Das Büro Cobe ist das Einzige, das statt zwei drei Türme für das Areal am Breitscheidplatz vorschlägt. Von 120 soll die Gebäudehöhe auf 90 und dann auf knapp 50 Meter reduziert werden, um einen Übergang zur Berliner Traufhöhe der angrenzenden Gründerzeithäuser zu schaffen.

»Neben der öffentlich diskutierten städtebaulichen Figur und den Hochpunkten ist uns ganz wichtig, wie die Nutzung am Ende aussehen wird«, sagt Christoph Brzezinski, neuer CDU-Bezirksstadtrat für Stadtentwicklung in Charlottenburg-Wilmersdorf. Gemäß des Berliner Hochhausleitbildes dürfen 70 Prozent der Fläche für Büros, Hotels und Gastronomie genutzt werden. 30 Prozent müssen bei diesen Höhen für Wohnen, kulturelle Einrichtungen und soziale Infrastruktur reserviert bleiben.

SPD-Delegierte sagen Nein

Auch Mathias Schulz, Stadtentwicklungspolitiker der SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus, hat sich die Entwürfe angeschaut. »Der Entwurf von Chipperfield ist derjenige, der mich städtebaulich am wenigsten überzeugt hat, nicht nur wegen der Höhe, auch weil er im Gegensatz zu den Mitbewerbern weniger Augenmerk auf die Kultur- und Gemeinwohlflächen legt«, sagt er zu »nd«.

Seine Partei übt derweil grundsätzliche Kritik an Signas Plänen für die City West. Die SPD-Mitglieder im Senat und Abgeordnetenhaus werden in einem Antrag auf dem Landesparteitag vom vergangenen Wochenende aufgefordert, sich im Rahmen der Bauleitplanung für eine sich in die Umgebung »integrierende und städtebaulich verträgliche Planung« einzusetzen. »Den Bau von Hochpunkten an dem betreffenden Standort in der City West lehnen wir ab.« Auch den Neubau von Signa am Hermannplatz lehne man ab.

Als Grund wird die aus Sicht der SPD-Delegierten mittlerweile obsolete Absichtserklärung zwischen Senat und Signa genannt. Als Galeria Karstadt Kaufhof schon einmal Insolvenz anmeldete, sicherte der Senat dem Konzern 2020 Baurecht für seine Immobilienprojekte zu. Im Gegenzug verpflichtete sich die Warenhauskette zum befristeten Arbeitsplatzerhalt an ausgewählten Standorten. Mit der erneuten Insolvenz 2022 habe diese Vereinbarung »keine Grundlage mehr«. Man müsse jetzt besprechen, wie es am Hermannplatz und Ku'damm weitergeht, sagt Mathias Schulz zu »nd«. »Als Abgeordneter fühle ich mich auch unseren Parteitagsbeschlüssen verpflichtet, gerade wenn sie einstimmig gefasst wurden. Das erwartet die Partei zu Recht von all ihren Amtsträger*innen.«

Konzern mit zwei Gesichtern

Mit dem am Mittwoch beendeten Insolvenzverfahren ist auch der Sanierungsplan des Konzerns rechtskräftig, der die Schließung von rund einem Drittel der deutschlandweit 129 Filialen vorsieht. In Berlin sind die Filialen im Wedding und an der Wilmersdorfer Straße betroffen. Auch die Gläubiger der Warenhauskette sollen auf einen Betrag in Milliardenhöhe verzichten. Durch die Marktentwicklung ist auch Signa gegenwärtig daran interessiert, Immobilien zu verkaufen. Jetzt wurde bekannt, dass sich Signa von der erst 2018 gekauften österreichischen Möbelhausgruppe Kika/Leiner getrennt hat. In der Branche gibt es unterschiedliche Auffassungen darüber, ob Signa damit unterm Strich ein gutes Geschäft gemacht habe.

Bei den Plänen für das Areal am Ku’damm stellt sich diese Frage nicht: Allein das Schaffen von Baurecht für solch ein Hochhausprojekt lässt den Wert des Grundstücks in die Höhe schnellen, bevor überhaupt der erste Kubikmeter Beton vergossen ist.

Korrektur: In einer früheren Version hieß es, die SPD-Delegierten hätten sich dafür ausgesprochen, dass der vorhabenbezogene Bebauungsplan für das Karstadt-Areal am Kurfürstendamm »nicht aufgestellt« werden soll und das bereits eingeleitete Werkstattverfahren »umgehend beendet« werden solle. Diese Formulierung findet sich nicht mehr in der letztlich auf dem Landesparteitag beschlossenen Antragsfassung. Wir haben den Fehler korrigiert.

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