Letzte Generation: Privatjet und Porsche-Party

Die Letzte Generation nimmt die Verschwendung durch Superreiche ins Visier

Wer das aktuelle Wochenende im Hotel Brudersand auf Sylt verbringen möchte, der wird in der Junior Suite schlappe 2.640 Euro los. Immerhin gibt es eine 20 prozentige Ermäßigung für die Benutzung des Golfplatzes, auf den man vom Zimmer aus blickt. Wer sich am Mittwoch schon im Fünf-Sterne-Hotel erholte, der konnte ganz Ungeheuerliches auf dem Golfplatz beobachten. Eine Kleingruppe der Letzten Generation, beladen mit Spaten und Schaufeln, gräbt den gepflegten Rasen um ein Loch auf, pflanzt Blümchen und Setzlinge ein und verstreut Samen. Die Fahne des Lochs ersetzen sie durch ein Schild mit der Aufschrift Naturschutzgebiet.

Die Aktivist*innen der Letzten Generation haben ein neues Ziel für ihre Aktionen gefunden. Den Ressourcenverbrauch von Superreichen. »Ein Golfplatz in der Klimakrise ist wie eine Essensschlacht mitten in einer Hungersnot«, erklärt die Aktivistin Miriam Meyer, die bei der Aktion auf Sylt dabei war. Warum hat sich die Letzte Generation einen Golfplatz ausgesucht? Die Erklärung der Gruppe ist simpel: wegen des Ressourcenverbrauchs. »Der Wasserverbrauch eines mitteleuropäischen 18-Loch-Platzes, wie etwa dem Golfplatz Budersand auf Sylt, beträgt 35 000 Kubikmeter pro Jahr. Das ist der Wasserverbrauch von über 750 Deutschen pro Jahr.« Die Letzte Generation stört sich an den Emissionen der Superreichen, sie hat viele Zahlen, um ihre Kritik zu untermauern. Der Energieverbrauch der reichsten zehn Prozent ist etwa genauso hoch wie die finanziell schwächsten 40% der Deutschen zusammen verbrauchen.

nd.DieWoche – unser wöchentlicher Newsletter
Mit unserem wöchentlichen Newsletter nd.DieWoche schauen Sie auf die wichtigsten Themen der Woche und lesen die Highlights unserer Samstagsausgabe bereits am Freitag. Hier das kostenlose Abo holen.

Die Aktion auf dem Golfplatz, war nicht die erste in der neuen Kampagne der Letzten Generation. Am vergangenen Wochenende machten Aktivist*innen als ungebetene Gäste bei einer Jubiläumsshow zum 75. Geburtstag des Sportwagenherstellers Porsche auf sich aufmerksam. Pflanzenöl wurde auf der Fahrbahn der Autoshow vor dem Werk in Stuttgart-Zuffenhausen verteilt, die Anreise der 800 geladenen Partygäste durch Sitzblockaden verzögert. Auch auf Sylt war der Golfplatz nicht das erste Ziel der Letzten Generation. Die Bar des Fünf-Sterne-Hotels Miramar wurde mit Farbe besprüht, ein orangenes Pulver verteilt, das »die bedrohlichen Rauchschwaden, die seit gestern die New Yorker Metropole verhüllen« symbolisieren sollte. Auch einen Privatjet erwischte es schon auf der Insel, er wurde komplett mit oranger Farbe eingesprüht.

Ist das ein Strategiewechsel der Letzten Generation oder nur eine Erweiterung der Protestmöglichkeiten, wie sie die Gruppe auch schon bei Aktionen in Museen und Kunstausstellungen gezeigt hatte? »Straßenblockaden sind nach wie vor ein großer Teil unseres Widerstands«, stellt Hendrik Frey von der Letzten Generation im Gespräch mit dem nd klar. Wer also gehofft hatte, in Zukunft von »Klimaklebern« verschont zu werden, wird enttäuscht. Frey erklärt, man habe schon immer verschiedene Protestformen genutzt. Jetzt habe die Gruppe »die gezielten Proteste, die den zerstörerischen Luxus der Superreichen sichtbar machen, verstärkt.« Mit dem Protest gegen Superreiche wolle man den Alltag der selbigen »unterbrechen« und »die Zerstörung durch deren Luxus unignorierbar« machen. Frey erklärt: »Wir können nicht länger zusehen, wie einige wenige die Lebensgrundlagen aller zerstören.«

Auffällig ist, wen die Letzte Generation in den Statements zu ihren Aktionen anspricht. Das sind nicht etwa die Superreichen, sondern Bundeskanzler Olaf Scholz. Er wird daran erinnert, dass er als »Klimakanzler« angetreten ist, ihm wird ein Platz in den Geschichtsbüchern versprochen, wenn er eine wirksame Klimapolitik auf den Weg bringt und er wird auf die regulatorischen Möglichkeiten hingewiesen, die »unsere soziale Marktwirtschaft stark gemacht haben«.

Warum spricht die Letzte Generation den Kanzler an und nicht die Superreichen? »Die Superreichen werden ihre Privatjets und Superyachten nicht freiwillig stehen lassen. Sie wissen, dass sie damit unsere Lebensgrundlagen zerstören, ignorieren diese Verantwortung aber bewusst«, antwortet Hendrik Frey. Scholz sei der richtige Adressat für die Kritik, »weil er mit dem zentralen Versprechen für mehr Gerechtigkeit angetreten ist«. Dieses Versprechen, wie auch das, Klimakanzler zu sein, breche Scholz an jedem Tag. Mit den Protesten will die Letzte Generation den Kanzler daran erinnern, dass er »Politik für die Gesellschaft und für uns alle machen muss«, so Frey. Gerade mache der Sozialdemokrat Politik für Superreiche und ihre Privatjets, dabei sei es seine Aufgabe, die Lebensgrundlagen aller zu schützen.

Die Ziele und Forderungen der Letzten Generation haben sich durch die neuen Aktionen also nicht geändert. Weiter setzt die Gruppe vor allem auf mediale Aufmerksamkeit. Die bringen die neuen Aktionen derzeit auch. Bilder von umgegrabenen Golfplätzen oder eingefärbten Privatfliegern sind noch neu. Ist ein Gewöhnungseffekt eingetreten, wird die Letzte Generation sich umorientieren, das hat sie auch getan, als sich kaum noch jemand für an Kunstwerken festgeklebte Aktivist*innen oder Tomatensuppe auf Bildern interessierte. Bis dahin wird man aber wohl in Luxusherbergen von Sylt bis zur Zugspitze einkalkulieren müssen, dass der Abend in der Bar oder der Nachmittag auf dem Golfplatz anders als geplant ausfallen könnte. Da helfen auch Zimmerpreise von fast 900 Euro pro Nacht nicht.

#ndbleibt – Aktiv werden und Aktionspaket bestellen
Egal ob Kneipen, Cafés, Festivals oder andere Versammlungsorte – wir wollen sichtbarer werden und alle erreichen, denen unabhängiger Journalismus mit Haltung wichtig ist. Wir haben ein Aktionspaket mit Stickern, Flyern, Plakaten und Buttons zusammengestellt, mit dem du losziehen kannst um selbst für deine Zeitung aktiv zu werden und sie zu unterstützen.
Zum Aktionspaket

Linken, unabhängigen Journalismus stärken!

Mehr und mehr Menschen lesen digital und sehr gern kostenfrei. Wir stehen mit unserem freiwilligen Bezahlmodell dafür ein, dass uns auch diejenigen lesen können, deren Einkommen für ein Abonnement nicht ausreicht. Damit wir weiterhin Journalismus mit dem Anspruch machen können, marginalisierte Stimmen zu Wort kommen zu lassen, Themen zu recherchieren, die in den großen bürgerlichen Medien nicht vor- oder zu kurz kommen, und aktuelle Themen aus linker Perspektive zu beleuchten, brauchen wir eure Unterstützung.

Hilf mit bei einer solidarischen Finanzierung und unterstütze das »nd« mit einem Beitrag deiner Wahl.

Unterstützen über:
  • PayPal