Sinéad wollte eine Heilige sein

Zum Tod der irischen Protestsängerin

  • Christof Meueler
  • Lesedauer: 2 Min.

Sie war mit niemandem zu vergleichen – und das war auch ihr größter Hit: Mit »Nothing Compares 2 U«, einer Coverversion eines Songs von Prince, wurde die irische Sängerin Sinéad O’Connor 1990 weltberühmt. Es ist auf dem Album »I Do Not Want What I Haven’t Got« zu finden, das sich sieben Millionen Mal verkaufte. An diesen Erfolg konnte sie nie wieder anknüpfen. Trotzdem war sie weiterhin in den Medien, zwischen Wahn, Wut und Wahrheit oszillierend.

Das hatte etwas Heiliges, denn für ihre Auftritte mobilisierte O’Connor ständig religiöse Energie, oder wie Joy Press und Simon Reynolds in ihrem Standardwerk »Sex Revolts« schreiben: »Sinéad will die Königin der Wahrheit sein« – in einer »Kultur des Geständnisses, in der über Schmerzen gesprochen wird und Leidenschaft als erster Schritt zu emotionaler Gesundheit gilt«. Ihr erster großer Schritt war das Abrasieren der Haare, weil sie nicht so hübsch sein wollte, wie ihre verhasste Mutter es ihr befohlen hatte. Deshalb zerriss sie auch ein Foto von Papst Johannes Paul II. auf der Bühne, das sie von ihrer Mutter geerbt hatte. Ihre Mutter hatte sie misshandelt und ins katholische Internat gegeben, wo Geistliche sexuelle Gewalt gegen sie verübten.

Sie beschrieb sich dann als eine Christin, die die Kirche hasst. Trotzdem ließ sie sich 1999 im französischen Wallfahrtsort Lourdes zur Priesterin weihen – für eine Kirche, die sich vom Katholizismus abgespalten hatte. Fortan nannte sie sich Mutter Bernadette Mary. Schon 1994 hatte sie ihr viertes Album »Universal Mother« betitelt. Für Press und Reynolds ist die Pose als »Heilige Mutter« eine extreme »Idealisierung von Mutter Erde im Protestfolk«, den O’Connor konstant gespielt hat.

Später konvertierte sie zum Islam, mit neuem Namen: Shuhada Sadaqat. »Shuhada« heißt auf Arabisch »Märtyrer«. Dem »Guardian« erzählte O’Connor 2021 von langjährigen Aufenthalten in der Psychiatrie und ihrer bipolaren Störung. Sie fragte dabei den Musikjournalisten Alexi Petridis, ob er jemals einen Cowboy-Film gesehen hätte, in dem jemand von hinten erschossen wird und man sieht ein Loch in seinem Rücken – mit so einem Loch sei sie zeitlebens durch die Welt gelaufen. Doch dann nahm sie Medizin und das Loch war zubetoniert.

Am Mittwoch ist Sinéad O’Connor im Alter von 56 Jahren in London gestorben.

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