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  • Ausstellung »Als hätten wir die Sonne verscharrt im Meer der Geschichten«

Nordeurasischer Rundumschlag

Eine Ausstellung im Berliner HKW zeigt künstlerische Arbeiten, die sich mit russischer Herrschaft befassen

  • Larissa Kunert
  • Lesedauer: 6 Min.
Jaanus Samma erträumt sich in seiner Installation Riga Postcards (2020) die lettische Hauptstadt als historisch queeres Urlaubsparadies.
Jaanus Samma erträumt sich in seiner Installation Riga Postcards (2020) die lettische Hauptstadt als historisch queeres Urlaubsparadies.

Wer als Schriftsteller nicht so richtig viel zu sagen hat, aber aus irgendwelchen Gründen trotzdem schreiben will, bedient sich gerne vermeintlicher Volten. Es bietet sich etwa an, die Anführungszeichen bei wörtlicher Rede durchgängig wegzulassen, um interessanter zu wirken – ganz gleich, ob es dem Inhalt in irgendeiner Form nützt oder schadet (so gelesen etwa bei der dieses Jahr buchpreisnominierten Terézia Mora).

Vielleicht ist das kuratorische Äquivalent solcher Schreibpraktiken, in einer Ausstellung die Schilder neben den Werken wegzulassen – schlicht, innovativ, formal radikal? So gibt sich derzeit etwa die Schau »Als hätten wir die Sonne verscharrt im Meer der Geschichten«, die seit vergangener Woche im Berliner Haus der Kulturen der Welt (HKW) zu sehen ist. Vor einem Exponat stehend, muss man hier das Handbuch aufschlagen und sich in den darin befindlichen Zeichnungen des Ausstellungsraums orientieren, was sich leider nicht immer einfach gestaltet. Aber man soll ja nicht voreilig urteilen. Vielleicht fehlten auch einfach Zeit, Geld oder Muße für die Plaketten?

Hätte es diese Ausstellung, deren Titel Zeilen Ossip Mandelstams und des kaschmirischen Autors Agha Shahid Ali amalgamiert, denn nötig, sich interessanter zu machen, als sie ist? Das lässt sich zumindest nicht eindeutig abstreiten. Das, was hier zu sehen ist, bleibt nämlich insgesamt ziemlich oberflächlich – was wohl auch daran liegt, dass der Anspruch lediglich war, »Fragmente« zusammenzutragen. Fragmente »zu einer Geopoetik Nordeurasiens«, damit sind Bruchstücke von kulturellen Traditionen und Selbstverständnissen gemeint, die vom russischen imperialistischen Kolonialismus und den verschiedenen Moskauer Regimes – vom Zarenreich über die UdSSR bis zum zeitgenössischen Russland unter Putin – zerstört oder unterdrückt wurden beziehungsweise werden. Das HKW will ihrem Erbe anhand künstlerischer Zeugnisse nachspüren und die Frage nach der »Rolle und Verantwortung von Kunst im Verhältnis zur Gesellschaft« stellen.

Es versteht sich von selbst, dass eine solche Ausstellung und das dahinterstehende Forschungsprojekt im Kontext des Ukrainekriegs mit einiger Brisanz daherkommen – vermutlich wurden sie aus diesem Anlass überhaupt erst konzipiert. Denn sollte sich Russland im Zuge seines Invasionskriegs weitere ukrainische Gebiete einverleiben, ist davon auszugehen, dass Ukrainerinnen und Ukrainer, die ukrainische Sprache und ukrainische Traditionen auch dort unterdrückt beziehungsweise sanktioniert würden. Davor warnen und an vorangegangene Oppression durch russische Herrschaft erinnern zu wollen, ist selbstredend legitim – und doch beschleicht die Rezensentin in der Ausstellung bisweilen ein Unbehagen, dem der Eindruck einer unterschiedslosen Opposition gegen alles Russische zugrunde liegt.

Ein Beispiel ist die Videoarbeit »If not now, when?« des ukrainischen Künstlers Anton Kats (*1983). Laut Handbuch hat sich Kats dafür nicht vom Russischen, sondern vom »Ukrainischen Kosmismus« inspirieren lassen – ein Begriff, der bislang nicht geläufig und möglicherweise geschichtsfälschend ist. Irritierend ist das auch, weil die Russischen Kosmisten – von denen übrigens gar nicht alle ethnische Russen waren – als Avantgardisten autoritäre Herrschaft eher unterliefen als affirmierten und selbst gerade nicht in nationalen Begrenzungen dachten. Eben deshalb wurden sie schon früh vom stalinistischen Regime verfolgt.

Das Video von Kats zeigt zwei Menschen aus der Ukraine – einen Fischer, der von einer Frau gespielt wird, und eine Schweißerin, die von einem Mann gespielt wird –, die im gegenwärtigen Krieg getötet und in anderen Körpern wiedergeboren wurden. Mit leuchtenden geometrischen Formen, die an generisches Grafikdesign aus Berlin-Neukölln erinnern, bekommt diese queere Fantasie einen Extraschuss Hipness – besonders vielschichtig ist sie allerdings nicht.

Viele Arbeiten in der Schau muten mystizistisch, folkloristisch an – an indigene Traditionen anzuknüpfen, bedeutet schließlich auch, historisch hinter Aufklärung und Moderne zurückzugehen. So befragt etwa die aus Burjatien in Südsibirien stammende Künstlerin Natalia Papaeva (*1989) in ihrer Videoarbeit »The River I grew up with« ihre Mutter nach den alten Mythen und Traditionen ihrer Heimatregion. Das Gespräch der beiden Frauen, in dem sich die Muttersprache mit der Herrschaftssprache vermischt, wird vor unseren Augen mitgeschrieben, die russischen Wörter in Rot, die burjatischen in Grün. In ihrer Performance »Yokhor«, auf Video aufgezeichnet, singt und schreit Papaeva dazu passend zwei Zeilen aus einem gleichnamigen burjatischen Tanzlied – die einzigen Zeilen, an die sie sich erinnern kann.

Naturverbundenheit und Animismus assoziiert man auch mit den Arbeiten des estnischen Malers Kaljo Pollu (1934–2010). In den 60er Jahren zunächst Pop- und Op-Art-Künstler, wandte er sich im nächsten Jahrzehnt dem Erbe seiner finnugrischen Ahnen zu. Seine düsteren Schwarz-Weiß-Drucke entfalten mit ihren stillen, mitunter transzendentalen Motiven eine eindringliche Wirkung. So zeigt etwa das Bild »Päikesevene« (Sonnenboot) einen Kahn, auf dem in einer Reihe (vermutlich indigene) Menschen sitzen. Er ruht auf einem See, die Gestalten – eine dreiköpfig – blicken die Betrachterin geradewegs an, ihre aus Tierköpfen und Pflanzen bestehenden Kopfbedeckungen erscheinen skurril – und dennoch hat die Szene etwas seltsam Würdevolles.

Auch ein wenig unheimlich und dabei psychedelisch wirken die Gemälde des lettischen Malers Auseklis Baušķenieks (1910–2007) mit ihren Sonnen aus Menschengesichtern. Baušķenieks, so kann man im Handbuch lesen, begegnete den Absurditäten, denen er sich im Alltag durch das sowjetische Regime ausgesetzt sah, künstlerisch mit Humor und Ironie.

Es gibt durchaus Interessantes zu entdecken in dieser Schau – und doch bleibt diese letztlich ein etwas beliebig wirkender Rundumschlag. Man sieht hier Textilkunst der romani-polnischen Künstlerin Malgorzata Mirga-Tas (*1978), Sperrholz-Sonnenuntergänge des als Kind vor dem stalinistischen Regime von Estland nach Finnland geflohenen Enno Hallek (*1931) und eine Videoarbeit des taschkentischen Künstlers Furqat Palvan-Zade (*1986), der den Ursprüngen des Polospiels in Zentralasien nachspürt. Klar, alle Exponate verbindet, dass der russische Imperialismus die Kultur, mit der sie sich jeweils auseinandersetzen, irgendwie unterdrückt hat – aber das war es dann auch schon. Viel über die einzelnen Künstlerinnen und Künstler und ihre Werke erfährt man nicht. Vielleicht wäre es besser gewesen, die Ausstellung hätte sich auf einen bestimmten Zeitraum, eine bestimmte Region oder einen bestimmten Topos fokussiert. Und dann überzeugen eben auch nicht alle ausgestellten Arbeiten. So kann man etwa die Videoarbeit »The Tongue and the Hunger. Stalin’s Silk Road«, die die in den 1930er Jahren durch den sowjetischen Kollektivierungsdruck ausgelöste Hungersnot in der kasachischen Bevölkerung anprangert, schwerlich als gelungen bezeichnen. Zwischen zwei Bildschirmen, die historische Bilder auf Feldern liegender Leichen zeigen, ist hier eine Performance mit einem Skelett zu sehen. Ein bisschen sehr in your face, oder?

Mit »Als hätten wir die Sonne verscharrt im Meer der Geschichten« folgt das HKW dem Trend in der Kunstwelt, sich indigenen Vermächtnissen zu widmen. Gerade erst lief im Berliner Gropius-Bau etwa die Schau »Indigo Waves«, die sich mit untergegangenen Kulturen rund um den Indischen Ozean befasste. Sehr viel Folklore in der aktuellen Kunst also. Leider drängt sich zuweilen der Eindruck auf, dass die dahinterstehenden politischen Botschaften, die mit der postkolonialen Bewegung assoziiert sind, mangelnde kuratorische und künstlerische Qualitäten kompensieren sollen.

»Als hätten wir die Sonne verscharrt im Meer der Geschichten. Fragmente zu einer Geopolitik Nordeurasiens«, bis zum 14. Januar 2024, Haus der Kulturen der Welt, Berlin

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