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Rücktritt von Peter Fischer: Der polarisierende Präsident

Der ewige Präsident Peter Fischer tritt bei Eintracht Frankfurt zurück. Sein Kampf gegen rechts beschert ihm ein Andenken weit über den Sport hinaus

  • Frank Hellmann, Frankfurt am Main
  • Lesedauer: 5 Min.
Peter Fischer ließ bei seinem letzten Heimspiel als Präsident der Eintracht den Tränen freien Lauf.
Peter Fischer ließ bei seinem letzten Heimspiel als Präsident der Eintracht den Tränen freien Lauf.

Mitunter ist der Blick zurück ja überaus erkenntnisreich. Und wenn einer fast ein Vierteljahrhundert später über die Anfänge seiner Amtszeit schmunzeln darf, dann Peter Fischer. Seine Verabschiedung als Präsident am kommenden Montag bei der Mitgliederversammlung von Eintracht Frankfurt könnte ähnlich emotional werden wie beim letzten Heimspiel gegen den FSV Mainz 05, als dem 67-Jährigen die Tränen nur so über die Wangen kullerten. Was er vor dem letzten Applaus mit Fug und Recht rückblickend sagen kann: »Wir sind sportlich, personell und wirtschaftlich so gut aufgestellt wie nie, nie, nie zuvor.«

Das war beileibe nicht so, als der Werbekaufmann am 26. Juli 2000 zu diesem Amt kam wie die Jungfrau zum Kinde. Stefan Effenberg stellte damals klar, niemals mehr für die Nationalmannschaft zu spielen. So lange ist das schon her. Die launische Diva namens Eintracht Frankfurt wechselte damals als echter Sanierungsfall ihre Führung aus, weil Rolf Heller den Klub mit seinem Kurs bis an den Rand des Konkurses getrieben hatte. Sieben Teilnehmer auf einer Verwaltungsratssitzung stimmten aus Mangel an Alternativen für einen extrovertierten Unternehmer mit Zweitwohnsitz auf Ibiza. Blonde Haare, blaue Augen, fast zwei Meter groß.

Auf der Geschäftsstelle am Riederwald fand eine tatendurstige Führungskraft damals acht Mitarbeiter, eine Kaffeemaschine, einen Computer vor – und kein Geld. »Wir hatten nicht mal genug Kohle, um unsere Mitglieder per Frankiermaschine zur fälligen Hauptversammlung einzuladen«, erzählt Fischer, »aber dafür hatten wir Ratten im Keller.« Er muss an dieser Stelle immer wieder schmunzeln, aber es stimmte ja, dass die Anfänge an Folklore erinnerten. »Es gab nichts, keine Struktur, keine Ablage, keine Organisation, keine Idee, keine Chefs.«

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Als der neue Präsident auf seiner ersten Pressekonferenz davon sprach, der Klub müsse mehr als 10 000 Mitglieder haben und ein Trainingszentrum bauen, musste der Mittelhesse tags darauf in der Zeitung lesen, dass er doch »lieber wieder surfen« gehen solle. Die Entwicklung des Klubs seither ist auch Fischers Weichenstellungen zu verdanken – er holte früh den heutigen Vorstandssprecher Axel Hellmann als Strategen dazu – und insbesondere in den vergangenen Jahren bemerkenswert. Kein Traditionsverein wuchs zuletzt sportlich und wirtschaftlich so rasant wie der Frankfurter Bundesligist.

Die Marke mit dem Adler vereint mittlerweile 130 000 Menschen hinter sich, liegt bei mehr als 300 Millionen Euro Umsatz im Jahr, überdies sammelte der Europa-League-Sieger 2022 in den vergangenen Jahren nach dem FC Bayern München die meisten deutschen Punkte im Europapokal für die Uefa-Fünfjahreswertung ein. Das Bild, wie Fischer nach dem DFB-Pokalsieg 2018 – der erste Titel nach 30 Jahren – auf dem Römer den Cup über seinen Kopf reckte, ist heute auf Aufklebern verewigt, die überall in der Stadt hängen. Der gesundheitlich angeschlagene Frontmann ist mit seinem Lebenswandel gewiss kein Vorbild, gilt aber längst als Identifikationsfigur für die Eintracht und für die ganze Stadt am Main.

Lange hatte er mit seinem Etikett als feiersüchtiger Party-Präsident (»Peter gibt einen aus«) gut gelebt, in den vergangenen Jahren war er dagegen als engagierter Demokratiebewahrer in aller Munde. Vor allem sein Kampf gegen Rassismus, Diskriminierung, Antisemitismus und Rechtsextremismus bescherte Fischer ein Andenken weit über den Sport hinaus. Ihm ist es ein Hauptanliegen, dass die Eintracht als »ein buntes Bild aus Willkommenskultur, Toleranz, Akzeptanz und Integration« wahrgenommen wird.

Als einer der ersten Fußballfunktionäre positionierte sich Fischer schon vor Jahren öffentlich gegen den Aufstieg der AfD. Wann immer dieses Thema zur Sprache kommt, schwillt ihm die Zornesader. Mit seinem gesellschaftspolitischen Engagement will er auch künftig als Ehrenpräsident oder Redner nicht nachlassen. »Dieses Thema berührt mich stark. Da will ich Spuren hinterlassen. Der Kampf gegen rechts ist und bleibt meine Lebensaufgabe, selbst wenn ich über 1000 Anzeigen gegen mich aushalten musste«, sagte er der »Frankfurter Rundschau«. Für sich hat er geschlussfolgert: »Wer Charakter hat, hat Feinde.«

Auf vielen Ebenen polarisierte dieser laute, schrille Präsident, dem der Geschäftsmann Mathias Beck folgen soll. Die in Frankfurt immer wiederkehrende Gewalt der Ultras hat er gerne mal verharmlost (»Unsere Jungs wehren sich und hauen auch mal drauf«). Vor dem unrühmlichen Abstieg 2011 brüllte er ins Mikrofon: »Dann schlagen wir halt den Scheiß-BVB.« Der heutige Liga-Aufsichtsratsboss Hans-Joachim Watzke war mächtig sauer. Auch RB Leipzig als unbeliebtes Kunstprodukt blieb von seinen Tiraden nicht verschont, doch irgendwie schien das auch zu seiner klaren Haltung zu gehören, sich gegen fremdfinanzierte Eindringlinge in den bezahlten Fußball zu wehren.

Als persönlicher Tiefpunkt müssen die staatsanwaltschaftlichen Drogenermittlungen gelten. Auch wenn das Verfahren vor knapp einem Jahr eingestellt wurde, blieb für den Beobachter ein fader Beigeschmack übrig. Für Fischer war es »eine reine Luftnummer« – gleichwohl aber auch ein letzter Anstoß, von seinem Amt mit langem Anlauf nun zurückzutreten.

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