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Fußball: Nachvollziehbarer Fan-Protest, DFL macht es sich einfach

Lange Spielunterbrechung beim wichtigen Heimsieg des 1. FC Union gegen Wolfsburg

  • Alexander Ludewig
  • Lesedauer: 4 Min.
Schlussjubel mit Tennisball: Unions Benedict Hollerbach vor dem Fanblock
Schlussjubel mit Tennisball: Unions Benedict Hollerbach vor dem Fanblock

Der deutsche Profifußball ist in Aufruhr. Ein gutes Bild über dessen Zustand lieferte am Sonnabend die Partie des 1. FC Union gegen den VfL Wolfsburg in der Alten Försterei. In der Halbzeitpause gab Christopher Trimmel ausgeruht und mit klarem Kopf darüber Auskunft. »Ein Protest sollte schon wehtun, sonst sieht und hört man ihn nicht«, sagte der rot-gesperrte Berliner Kapitän nach dem ersten Durchgang, der durch erneute Fanproteste gegen den geplanten Einstieg eines Investors in die Deutsche Fußball-Liga (DFL) und daraus folgenden Unterbrechungen nicht nach 45, sondern 80 Minuten abgepfiffen wurde.

Aus Spielersicht sei das natürlich nicht optimal, räumte Trimmel ein: »Wir führen, also ziehe ich was Positives raus.« Kurz vor dem Pausenpfiff hatte Danilo Doekhis Kopfball die Gastgeber in Führung gebracht. Es blieb beim 1:0 – ein wichtiger Sieg für Union im Abstiegskampf. Bemerkenswert war aber nicht das ereignisarme Spiel, das die Wolfsburger dominiert hatten, sondern die Rahmenbedingungen.

»Tennisbälle sind kein Verbrechen«, sangen die Fans beider Vereine, Hunderte davon hatten sie auf das Spielfeld geworfen. Der DFB als Organisator des Spielbetriebs sieht es anders und bittet für das Werfen von Gegenständen die Vereine zur Kasse. Seine Schiedsrichter haben für derlei Vorkommnisse einen Vier-Stufen-Plan: Unterbrechung, Verlassen des Spielfeldes, Gang in die Kabine, Spielabbruch. Nachdem Referee Matthias Jöllenbeck die ersten drei Register gezogen hatte und bereit war, die Teams wieder auf den Platz zu führen, verkündete Stadionsprecher Christian Arbeit: »Es ist der letzte Versuch des Schiedsrichtergespanns, das Spiel zu Ende zu bringen.«

Unmut von Zuschauern – wie in anderen Stadien – über die lange Unterbrechung war in der Alten Försterei nicht zu vernehmen. Entspannt wurde auf den Rängen diskutiert, die Spielpause zum Gang an die Getränkeausgabe genutzt. Diese gute Stimmung könnte die Folge der Aufklärung über den komplexen Konflikt sein. Im Stadionheft informierte Unions Ultragruppierung »Wuhlesyndikat« auf zwei Seiten darüber. Verkürzt war deren Kritik auf Spruchbändern im Stadion zu lesen: »DFL-geprüfte Investoren: mitfanziert vom saudischen Blutgeld«. Die zwei »Privat-Equity-Unternehmen« Blackstone und CVC sind die vom Ligaverband favorisierten Investoren. Deren generelles »Heuschrecken-Verhalten« als Geschäftsprinzip, die speziellen Verbindungen nach Saudi-Arabien und vielfachen Verflechtungen im Weltsport wurden im Stadionheft ausführlich thematisiert.

Einfach macht es sich die DFL. In der Woche hatte sie medienwirksam ein »Dialog-Angebot« an die Fanszenen veröffentlicht. Damit wurden wieder einmal die Fußballfans öffentlich in die böse Ecke gestellt. Denn die Ablehnung dieses Angebotes war abzusehen. Warum, das erklärte die bundesweit größte Fanvereinigung »Unsere Kurve« in ihrer darauffolgenden Pressemitteilung: »Es enthält kein Angebot für Verhandlungen«. Konkreter formulierten Unions Ultras die Kritik auf einem anderen Banner: »Ein Gesprächsangebot nach einer bereits getroffenen Entscheidung? Wen wollt ihr verarschen?«

Das Ziel der DFL ist klar: Geld. Für eine Milliarde Euro sollen über eine Laufzeit von 20 Jahren zwischen sechs und neun Prozent der Medienerlöse verkauft werden. Wie zweifelhaft und umstritten dieses Konzept ist, zeigen selbst die Abstimmungen der 36 Profiklubs. Die erste war im vergangenen Mai an der nötigen Zwei-Drittel-Mehrheit gescheitert. Diese »demokratische Entscheidung« akzeptierte Aufsichtsratschef Hans-Joachim Watzke, anders als angekündigt, nicht. Bei der zweiten Abstimmung im Dezember entschieden sich dann 24 Klubs dafür, genau die notwendige Zahl. Dass dabei Martin Kind als Vertreter von Hannover 96 entgegen der Forderung seines Vereins mit einem Ja gestimmt haben soll, ist ein weiterer, wichtiger Kritikpunkt.

Die Absicht der – friedlichen – Fanproteste formulierte »Unsere Kurve« am Freitag stellvertretend für alle Szenen noch einmal: »Wir fordern umgehend eine offene und damit transparente Neuabstimmung zum DFL-Investoren-Deal einzuleiten.« Das ist keineswegs vermessen. Nicht nur angesichts des bisherigen Verlaufs des Konfliktes, auch der Tatsache wegen, dass dies auch einige Klubs fordern.

Ein Teil des turbokapitalistisch organisierten Geschäfts sind die Fußballprofis. Wichtig sind deshalb Stimmen wie die anfangs erwähnte von Christopher Trimmel – live am Mikrofon des übertragenden Fernsehsenders umso mehr. Erwähnt sollen auch andere werden. Maximilian Arnold stand nach der Niederlage in Berlin enttäuscht Rede und Antwort. Die Meinung des Wolfsburger Kapitäns zu den Fanprotesten: »Wie sollen sie es sonst zeigen? Sie versuchen, Aufmerksamkeit zu generieren, was ihr gutes Recht ist.«

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