Krieg in der Ukraine - Bilder mit Blumen

Meine Großmutter Rachel wollte, dass ich Künstler und universeller Mensch bleibe – auch in Zeiten des Krieges

  • Yury Kharchenko
  • Lesedauer: 7 Min.
Kamille, 2022, Öl auf Leinwand, 200x200cm
Kamille, 2022, Öl auf Leinwand, 200x200cm

Blumen? fragte ich mich. Sind Bilder mit Blumen das Thema, bei dem ich nach meinen Superhelden vor dem KZ gelandet bin? Ich hatte die Superhelden aus den Comics meiner Kindheit vor dem »Arbeit macht frei«-Tor von Auschwitz gemalt. Und jetzt eine Serie mit dem »trivialen« Motiv einer Blume, einer sich öffnenden – plastischen Blüte. Von 2019 bis 2021 fragte ich mich, ob man den Holocaust mit anderen Genoziden vergleichen kann. Was ist ein Zivilisationsbruch und was ist Barbarei?

Nein, sagte ich mir, ich kann nicht mehr Beavis und Butthead vor dem Tor von Auschwitz malen, die Barbarei geschieht im Hier und Jetzt. Ein Krieg hatte 2022 angefangen. Ich möchte die Lebenslust vor dem Hintergrund der Hölle aufgehen lassen, Blumen als Protest gegen den Krieg von Russland in der Ukraine. Ich malte Blumen vor einer Schlucht. Ich konnte nicht mehr, ich wollte auch nicht mehr, was ich aber wollte, war Heilung. Ein Leben vor dem Abgrund der Zerstörung, ich sehnte mich nach Hoffnung. Malereien mit Farbschichten, die auf- und abgetragen werden, mal pastoser, mal fließender, um die Sinne zu beleben. Es sind Öffnungen und Schließungen zugleich.

Es war nicht nur Beginn des Ukraine-Kriegs, sondern auch die Beerdigung meiner Großmutter, Rachel Gorodetskaya, die kurze Zeit später am 8. März gestorben ist. Bei den Juden legt man normalerweise keine Blumen auf ein Grabmal, sondern Steine. Wir sind aber russische Juden und wir haben auf ihre Grabstätte in Dortmund Blumen hingelegt, aber auch Steine. Sie war die letzte Holocaust-Überlebende, die von unserer Familie ging.

Zurück in Berlin standen viele Menschen vor dem Haus, in dem ich meine Wohnung vermieten wollte, die meisten waren Ukrainer. Sie wollten mit mir auf Ukrainisch sprechen, denn mein Nachname ist typisch ukrainisch. Mein Großvater Michael Grynszpan änderte seinen Nachnamen Grynszpan in Kharchenko, kurz bevor er in die Rote Armee berufen wurde. Er wollte Spekulationen vermeiden, darüber, ob er mit dem Herschel Grynszpan verwandt sein könnte, der 1938 in Paris Ernst von Rath, Sekretär an der deutschen Botschaft in Paris, erschossen hatte, um ein Zeichen gegen die ersten Deportationen von Juden nach Polen zu setzen. Diese Tat diente den Nazis als Anlass für die Reichspogromnacht am 9. November 1938.

»Stopp« – sagte ich zu den Ukrainern, »ich verstehe kaum ein Wort, lasst uns alle Russisch sprechen.« Ich fragte eine Frau mit einer Tochter: »Wo kommen Sie her?« – »Aus Mariupol« – antwortete sie. Sie sprach nur, wenn ich sie etwas fragte. Dann fuhren wir zusammen in der U-Bahn und sprachen Russisch. »Ich verstehe nicht, dass Krieg ist«, sagte ich, »wir sprechen doch alle Russisch.« Sie wurde in Mariupol geboren, ich in Moskau. »Sind wir nicht in der Sprache vereint?«, fragte ich. Die Frau schaute mich misstrauisch an und schwieg. Als ich wieder zu Hause war, erinnerte ich mich an die Filme »Schindlers Liste« von Steven Spielberg und an »Shoah« von Claude Lanzmann. Ich schaute mir noch einmal Fotos vom zerbombten Mariupol an. Ich rief die Frau an und sagte ihr, dass sie die Wohnung haben könnte. »Wo sind Ihre Eltern?«, fragte ich. – »Sie sind tot«, sagte sie.

Und dann begann im vergangenen Jahr noch ein Krieg. Die Hamas überfiel Israel und Israel griff Gaza an. In meinem Kopf vermischten sich die Sujets, die ich gemalt habe: T-Rex und Ptyrodaktellus aus »Jurassic Park« und darüber steht »Welcome to Jewish Museum«, fliegende Davidsterne, die sich mit sowjetischen Sternen, Himmelssternen und Sternen der US-Armee vermengen. Meine Großväter in blutgetränkten Superman-Kostümen vor den Toren von Auschwitz und es regnet Davidsterne und Sowjetsterne, Beavis und Butthead rauchen einen Joint vor den Toren von Auschwitz und zeigen das Peace-Zeichen, Israel auf einer schwarzen Landkarte, Porträts von Oppenheimer über David Ben-Gurion bis Jacques Derrida und Amy Winehouse.

»Israel gibt es nicht«, »es war ein Fehler, diesen Staat zu gründen«, »du bist deutscher Jude, aber nur ein Gast in Deutschland«, »du profitierst von unseren Steuern und inszenierst dich als Opfer«, »du bist ein Homo Sovieticus und malst sozialistischen Mist – eine Schande für jede Gesellschaft« – solche Posts schreiben mir die Biodeutschen seit dem 7. Oktober. In letzten vier Monaten habe ich eine Antisemitismus-Dosis bekommen, für die ich normalerweise fünf Jahre brauchen würde. Über die übrigen 25 Jahre erlebten Antisemitismus in Deutschland kann ich nur so viel sagen: In Düsseldorf hat mich eine Neonazi-Attacke fast das Leben gekostet. An der Kunstakademie sagte ein Professor: »das ist ein russischer Jud, aber komischerweise ist er gut«. Ein langjähriger Freund meinte plötzlich: »Für euch ist der Holocaust das größte Heiligtum, wie lange sollen wir Deutsche uns denn noch daran erinnern?«

Trotz dieser dunklen Welt, in der wir gerade leben, in der Faschismus und Nationalismus uns alle zu verschlingen drohen, werde ich nicht aufhören, auf universelle Werte zu setzen. Davon wird mich nicht der stärker werdende deutsche Antisemitismus abhalten, nicht die schreckliche Tragödie vom 7. Oktober in Israel und auch nicht die rechtsradikale Regierung von Netanjahu.

Meine Großmutter Rachel wollte, dass ich Künstler und universeller Mensch bleibe. Jüdisch sein heißt »Nicht gehorchen«, so waren Abraham, Emmanuel Levinas, Viktor Frankl und so war meine Großmutter. Und so war ihr Mann Arkadij, der in der Roten Armee Widerstand gegen den deutschen Nazionalismus geleistet hat, von Stalingrad bis Berlin. Damit wir alle in einer feien Welt leben können.

Meine Großmutter wurde als Rachel Schatz am 26. Januar 1929 in der Stadt Jaroslawl, UdSSR, geboren. Ihr Vater war Boris Schatz und arbeitete als Anwalt für eine Fabrik. Er war auch Dichter und befreundet mit Alexander Block, dem berühmten Poeten und russischen Symbolisten. Ihre Mutter Nadja war Apothekerin. Boris wurde während des Ersten Weltkrieges schwer verletzt und musste deshalb nicht im Zweiten Weltkrieg kämpfen. Als die Deutschen in die Sowjetunion einmarschierten, versteckte sich die kleine Rachel in den Bunkern von Jaroslawl. Nach dem Krieg studierte sie Medizin und arbeitete dann ein halbes Jahrhundert als Kinderärztin.

In den späten 50er Jahren traf sie meinen Großvater. Geboren 1922 als Arkadij Gorodetsky im Vorort der Stadt Smolensk an der Grenze zu Belorussland, sah er mit 13 Jahren, wie die Bolschewiki seinen Vater abführten, weil er eine Mühle besaß. Es begannen die stalinistischen Säuberungen und seine Mutter war allein mit Arkadij und seinen zwei Geschwistern. Als er 15 war, brachte man seinen Vater zurück zur Familie, mit einem gebrochenen Bein. Als er 16 wurde, führte man den Vater wieder ab, er sah ihn nicht mehr wieder. Er wurde als »Feind des Volkes« erschossen. Mit 18 Jahren wurde er in die Rote Armee einberufen und kämpfte in den schrecklichsten Kämpfen von Moskau, Stalingrad, Kursk, Minsk, Warschau und Berlin. Er starb 2013 mit fast 92 Jahren in Dortmund. Seine letzten Worte waren: »Vater, Mutter«.

Ich habe ihn 2023 als Superman vor dem Tor von Auschwitz gemalt, zusammen mit seinen Eltern. Ich möchte hier nicht die Anzahl meiner Familienangehörigen nennen, die alle von der SS umgebracht wurden. Es ist wichtig, dass meine Großeltern mütterlicherseits wie väterlicherseits überlebt haben, sodass meine Eltern auf die Welt kamen und irgendwann auch ich.

In Deutschland wird hauptsächlich die Holocaust-Geschichte bis 1945 verarbeitet, ohne Verantwortung für das Hier und Jetzt der Juden. Sie glauben, das mit Stolpersteinen und schwermütigen Anselm-Kiefer-Bildern die Befreiung 1945 archiviert wurde. Dass aber die Katastrophe des Holocausts und des Zweiten Weltkrieges nach 1945 eine neue Gewaltspirale und unzählige Tote mit sich brachte, wollen viele nicht wahrhaben. Der terroristische Massenmord an Juden am 7. Oktober und der Gaza-Krieg, den Israel heute führt, das sehen viele außerhalb ihrer historischen Verantwortung. Es ist das Schweigen meiner Großeltern, das mich zum Sprechen und zum Malen bringt. Es bleibt eine Leere und eine Aufbruchsstimmung und ein unendliches Verlangen nach Ausdruck.

Yury Kharchenko: Painting 2018–2023, Hirmer, 304 S., 220 Abb., geb., 49,90 €.

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