Frieden in Nahost: Zusammen reden und trauern

Israelis und Palästinenser setzen sich bei den Combatants for Peace für Frieden in Nahost ein

  • Anna Hoffmeister
  • Lesedauer: 8 Min.
Im Oktober 2021 protestieren israelische Aktivisten im Westjordanland dagegen, dass Palästinenser von der Wasserversorgung abgeschnitten sind.
Im Oktober 2021 protestieren israelische Aktivisten im Westjordanland dagegen, dass Palästinenser von der Wasserversorgung abgeschnitten sind.

Wo die Geschichte anfängt, bestimmt der Erzähler. Und für Osama Eliwat beginnt sie mit der Nakba. Sie beschreibt die Flucht und Vertreibung der Palästinenser aus dem ehemaligen britischen Mandatsgebiet zwischen 1948 und 1949. Auch wenn er sie nicht selbst erlebt hat, begleitet den 46-Jährigen die Geschichte seiner Großmutter bis heute. Darüber, wie ihr das Haus, das Dorf und ihre Erinnerung genommen wurde. Nach der Flucht seiner Familie wuchs Eliwat schließlich in Jericho nahe der jordanischen Grenze auf, in einer Zeit, als die Stadt noch vom israelischen Militär besetzt war.

Neben Eliwat sitzt der Israeli Rotem Levin und blickt nachdenklich auf den Boden. Er hat diese Geschichte schon oft gehört, doch müde scheint er ihrer nicht zu werden. Wie der Palästinenser ist er nach Deutschland gekommen, um aus seinem Leben zu erzählen. Beide gehören zu den Combatants for Peace, einer Gruppe ehemaliger israelischer Soldaten und palästinensischer Widerstandskämpfer, die 2006 gegründet wurde. Sie setzt sich für ein Ende der israelischen Besatzung, Gewaltfreiheit und den Dialog zwischen der israelischen und palästinensischen Bevölkerung ein. Gemeinsam organisiert die Gruppe unter anderem Gesprächsformate, die offenbar immer größeren Anklang finden. Wo früher 50 Menschen saßen, seien es heute 200, sagt Levin. In den vergangenen Wochen war er gemeinsam mit Eliwat auf Vortragsreise quer durch Deutschland, an Schulen, in Kirchgemeinden und Kulturhäusern.

Neben Diskussionen organisiert die Gruppe einen israelisch-palästinensischen Erinnerungstag, an dem sowohl israelischer als auch palästinensischer Opfer von Gewalt gedacht werden soll. Auch dieser bekommt immer mehr Zulauf. Laut der Zeitung »The Times of Israel« sollen an den Veranstaltungen im vergangenen Jahr rund 15 000 Personen teilgenommen haben – auch wenn sie umstritten sind. Denn immer wieder kommt es zu Protesten dagegen. Auch, weil die Zeremonie am israelischen Nationalfeiertag Jom HaZikaron stattfindet, dem Gedenktag für die Gefallenen der Feldzüge Israels und die Opfer der Akte des Hasses, der immer am 4. des Monats nach dem jüdischen Kalender Ijjar abgehalten wird.

Eliwat und Levin wollen vor allem reden – nicht nur als Israeli und Palästinenser, sondern als zwei Menschen, die zwar nicht weit voneinander entfernt leben, aber doch unter sehr unterschiedlichen Bedingungen. Von der Nakba, erzählt der Israeli Levin, habe er zum ersten Mal mit Anfang 20 gehört. Und das, obwohl er in einer Siedlung in der Nähe von Tel Aviv aufgewachsen ist. Dort lebt der 33-Jährige ausschließlich unter Jüdinnen und Juden. Während der zweiten Intifada, dem zweiten gewaltsamen Aufstand der Palästinenser zwischen 2000 und 2005, hörte er immer wieder von Anschlägen der Palästinenser. Vor denen, so lernte er in der Schule, müsse man sich fürchten. Was er auch lernte: Schutz könne nur das israelische Militär bieten. Besonders die Ehrung der israelischen Soldaten beeindruckte ihn: »Ich erinnere mich, wie die Soldaten am Nationalfeiertag in Uniform und mit Gewehr in die Schule kamen. Ihnen wurde immer viel Respekt entgegengebracht. Und ich weiß noch, wie ich dachte: Eines Tages möchte ich auch so sein.« Es sind Menschen, so wird ihm immer wieder signalisiert, die ihr Leben riskieren, um das israelische Volk zu schützen. Und das wollte Levin auch. Mit 18 Jahren ging er deshalb zur israelischen Armee.

Eliwat entwickelte in Jericho ein jüdisches Feindbild. Das war gegen Ende der 80er Jahre, als die erste Intifada ausgebrochen war, der erste gewaltsame Aufstand der Palästinenser zwischen 1987 und 1993. »Wenn ein Schüler auf die Idee kam, eine Flasche oder einen Stein auf einen Soldaten zu werfen, wurde sofort Tränengas eingesetzt.« Das israelische Militär, das die Stadt seit dem Sechstagekrieg 1976 besetzt hält, ist im Jericho seiner Kindheit allgegenwärtig, auf der Straße, in der Schule, auf dem Markt. »Das war alles, was ich damals über die Juden dachte: Sie sprechen nicht unsere Sprache, sie verhaften uns und schießen auf uns.« Als sein Vater einige Jahre später, kurz vor Ende der ersten Intifada und dem Beginn des Osloer Friedensprozesses, von einem Soldaten zusammengeschlagen wurde, war das der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Eliwat begann, mit seinen Freunden palästinensische Fahnen zu basteln und in der Nachbarschaft zu hissen. Wenig später kam er dafür ins Gefängnis.

Auch das Osloer Abkommen von 1993, zu dieser Einsicht kam Eliwat einige Jahre später, brachte langfristig keinen Frieden. Es sollte den Palästinensern unter anderem erlauben, sich im Gazastreifen und Westjordanland selbst zu verwalten. Doch zahlreiche Vorfälle stellten den neuen Frieden auf die Probe: Palästinensische Anschläge versetzten Israel in Angst und Schrecken, und in Ostjerusalem kam es trotz des Abkommens zur Grundsteinlegung einer israelischen Siedlung. Im Jahr 2000 brach schließlich die zweite Intifada aus, bei der Eliwat verhaftet wurde. Warum, bleibt unklar. Danach schloss er sich dem palästinensischen Widerstand an: »Ich hatte das Gefühl, dass ich sowieso das Ziel bin. Ich dachte, ich bin sowieso ständig in Gefahr, also kämpfe ich.«

Die Geschichten, von denen Eliwat und Levin erzählen, zeugen von jahrzehntelangen Traumata, von seelischen Erschütterungen – ausgelöst durch existenzielle Bedrohungen, die zum Hass auf das jeweils imaginierte Andere, auf das Arabische und die Palästinenser oder das Jüdische und die Israelis geführt haben. Aber es gibt auch strukturelle Benachteiligungen, insbesondere mit Blick auf die Palästinenser – darin sind sich die beiden Friedensaktivisten einig. Immer wieder betont Eliwat in seiner Erzählung die unterschiedliche rechtliche Behandlung von Palästinensern beispielsweise in Ostjerusalem. In der Stadt haben Palästinenser im Gegensatz zu Israelis nur Residenzrecht, das widerrufen werden kann, wenn sie mehrere Jahre außerhalb der Stadtgrenze leben. Die israelische Regierung begründet ihr Vorgehen damit, dass sie ihren Lebensmittelpunkt nicht nachweisen können.

Die Begegnung des Palästinensers und des Israelis zeugt aber auch von der Möglichkeit, sich jenseits von Stereotypen als Individuen zu begegnen, die nach einer gewaltfreien Lösung des Konflikts suchen. Im Fall von Eliwat war es ein Freund, der ihn eines Abends zu einem Treffen der Combatants for Peace mitnahm. Der Palästinenser war zunächst entsetzt, auf Juden zu treffen. Es fiel ihm anfangs schwer zu glauben, dass es auch jüdische Menschen gibt, die sich für Frieden einsetzen. Anders verlief es bei Levin. Als er schließlich Soldat wurde, merkte er, was Militär auch bedeutet – nämlich ungefragt zu gehorchen. Bei einem nächtlichen Einsatz im Westjordanland warf er auf Befehl seines Kommandanten eine Blendgranate in den Garten eines Hauses – ohne erkennbare Gefahr. Der Vorfall war für ihn der Auslöser, nach drei Pflichtjahren den Dienst zu quittieren: »Ich hatte das Gefühl, ich muss erst mal weg. Ich brauchte ein bisschen Abstand, um von dieser Denkweise wegzukommen, von dieser Programmierung als Soldat, der Befehle befolgt und keine Fragen stellt.« Auf seiner Reise durch Europa lernte er in Deutschland die Combatants for Peace kennen und trat der Gruppe bei.

Mitglieder von Combatants for Peace treffen sich regelmäßig, um über ihre Ideen und Visionen für politische Lösungen zu reden.
Mitglieder von Combatants for Peace treffen sich regelmäßig, um über ihre Ideen und Visionen für politische Lösungen zu reden.

Seit sieben Jahren reisen Levin und Eliwat immer wieder für mehrere Wochen durch verschiedene Länder, um ihre Geschichte zu erzählen. Normalerweise ist Levin als Mediziner und Eliwat als Vorstand des Combatants for Peace tätig. Und auch inmitten des neuerlichen Krieges scheinen sich beide darin einig zu sein: Der Ursprung des Konfliktes liege bei der israelischen Regierung und ihrer Unterstützer. Immer wieder kritisieren sowohl Eliwat als auch Levin die israelische Besatzung, die rechtliche Ungleichbehandlung von arabischen und jüdischen Israelis sowie die fehlende Anerkennung von Palästina als Staat. Kein Wort hingegen über die Vertreibung von Juden aus den arabischen Ländern, das Terrorregime der Hamas sowie die fehlende Unterstützung der Nachbarstaaten gegenüber den Palästinensern. Die israelnahe Organisation Monitor wirft den Combatants for Peace deshalb auch einen einseitigen Blick auf den Konflikt vor.

Anfang Februar dieses Jahres sind die beiden Aktivisten in der Probsteikirche in Leipzig – der Saal ist voll, etwa 200 Menschen haben sich eingefunden. Bei der Fragerunde auf den Anschlag der Hamas und Israels Recht auf Selbstverteidigung angesprochen, antwortet Eliwat: »Als Palästinenser, der seit seinem vierten Lebensjahr unter israelischer Besatzung lebt, möchte ich sagen, dass wir wie alle Menschen auf der Welt das Recht auf Widerstand haben.« Anschließend wird er die Taten der Hamas als Verbrechen verurteilen, die nicht in seinem Namen passiert sind. Es gibt Applaus.

Doch besonders die Erzählung vom Widerstand der Palästinenser scheint in Leipzig auf Resonanz zu stoßen. Immer dann, wenn der Raum sich öffnet für Kritik an Gewalt, die von Palästinensern ausgeht, verweist Eliwat auf die lange Geschichte des Konfliktes: Wer den Konflikt nur vom Anschlag am 7. Oktober 2023 betrachte, der schaue nur die letzte Folge der ganzen Staffel einer Serie. Stattdessen müssen man nach »den Wurzeln des Problems suchen, wenn wir eine Lösung des Problems finden wollen«. Auch hierfür gibt es Applaus.

Aber gibt es eine Lösung des Konfliktes? Für Eliwat ist das eine Frage der Durchsetzung des Völkerrechts. Schließlich gibt es mittlerweile rund 700 000 Siedler im Westjordanland und Jerusalem, die dort illegal lebten. Für Levin ist klar: Vor allem im Sinne der zahlreichen zivilen Opfer im Gazastreifen, sei sobald wie möglich ein Waffenstillstand nötig. Genauso wie einen Austausch der von der Hamas als Geisel genommenen israelischen Gefangenen.

Auch wenn es im Angesicht der Aggressionen schwieriger geworden ist, für den Frieden zu werben, Eliwat und Levin ziehen weiter. Zwar ist die Friedensbewegung nicht so groß, wie es sich die Aktivisten wünschen. Die Menschen, die ihnen zuhören und die vielen Gespräche, die sie führen, geben ihnen jedoch Hoffnung. Für die beiden Aktivisten sind sie der Schlüssel zum Frieden.

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