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»Wir fahren zusammen«: »Nicht an der Bratwurst spalten lassen«

Konferenz zur Verbindung von Nahverkehrsstreiks und Klimakampf

Konzentrierte Debatten in der Kölner Universität
Konzentrierte Debatten in der Kölner Universität

Die Kämpfe für mehr soziale Gerechtigkeit und Klimagerechtigkeit verbinden, das ist die Idee hinter der Kampagne »Wir fahren zusammen«. Aktive aus der Klimabewegung, viele von Fridays for Future, und Beschäftigte von Nahverkehrsbetrieben und der Gewerkschaft Verdi haben sich darin zusammengeschlossen. Die so simple wie logische Idee: Ein besserer Öffentlicher Personennahverkehr (ÖPNV) hilft dem Klima. Und für einen anständigen ÖPNV braucht es motivierte Beschäftigte, die gute Arbeitsbedingungen haben – und vor allem mehr von ihnen. Die in einigen Bundesländern noch laufenden Tarifverhandlungen im Nahverkehr waren die erste Probe, wie es mit dem Verbinden von Kämpfen praktisch klappt.

In Köln haben am Wochenende rund 300 Verkehrswendeaktivist*innen ein erstes Fazit gezogen. Wie lief die Öffentlichkeitsarbeit? Wie kam die Kampagne in der Klimagerechtigkeitsbewegung an? Wie sehr ist der Gedanke, dass soziale und Klimagerechtigkeit zusammenhängen, in den Gewerkschaften angekommen? Und vor allem: Wie hat »Wir fahren zusammen« in den Betrieben gewirkt?

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Eine Frage, die beim Kongress viele bewegt. »Klar haben wir gedacht, was wollen denn jetzt die Klimaleute von uns?«, erzählt ein Beschäftigter aus Magdeburg von Vorbehalten, die es zunächst gab. Dann habe man sich kennengelernt und festgestellt, dass die Interessen zueinander passen.

Schwierig war es auch auf Seiten der Aktivist*innen. Eine junge Frau erzählt beispielsweise, wie sie nach einer Telefonnummer für einen Whatsapp-Verteiler fragte und als Antwort kam: »Klar, wenn du mir deine gibst.« Für sie erst mal Sexismus. Im weiteren Gespräch konnte man dann klären, dass das als Witz gemeint war, der nicht gut ankam. Eine andere Frau erzählt, wie ihr ein Beschäftigter als erstes gesagt habe: »Du siehst aus wie ’ne Vegetarierin.« Er hatte recht, aber sie wollte nicht über Essgewohnheiten diskutieren. Ihr Fazit: »Wir dürfen uns nicht an der Bratwurst spalten lassen.«

Über kulturelle Differenzen hinaus gab es aber auch harte Faktoren, die über die Verankerung von »Wir fahren zusammen« in Betrieben entschieden haben. Besonders oft wurde dabei die Rolle der Gewerkschaftssekretär*innen genannt. Waren sie aufgeschlossen und verfügten über ein gutes Standing im Betrieb, funktionierte auch die Zusammenarbeit. Wo das nicht der Fall war, lief die Kampagne teilweise entkoppelt von den Beschäftigten.

Eine Möglichkeit, dieses Problem zu lösen: über den Kontakt zu einzelnen Beschäftigten einen Draht zum Verkehrsbetrieb bekommen. In einzelnen Orten soll das funktioniert haben. Solche Kontakte wollen die Aktiven von »Wir fahren zusammen« ausbauen und verstetigen – und weitere Beschäftigte ansprechen.

Über die nächsten Aufgaben wurde am Wochenende ebenfalls beraten. Zentrale Termine für die Kampagne sind die Ende des Jahres anstehenden Tarifverhandlungen im öffentlichen Dienst, die Bundestagswahl im nächsten Jahr und die Ende 2025 beginnende nächste Tarifrunde im ÖPNV. Ein anderer Gedanke, der wohlwollend diskutiert wurde, kommt aus dem klassenkämpferischen Flügel von »Wir fahren zusammen«. Man könnte sich doch auch mal der Industrie zuwenden. »Wenn wir System Change ernst meinen, müssen wir da hingehen«, sagte ein Vertreter der Gruppe »Klima und Klasse«. Streiks seien dort ein »echter Machthebel«.

Viele Teilnehmer*innen der Konferenz vermuteten allerdings, dass sie bei der IG Metall mit solchen Vorhaben auf größere Widerstände stoßen und es auch in den Betrieben weniger Offenheit dafür gibt. Anstöße in einzelnen Unternehmen etwa der Autoindustrie würden manche aber schon wagen wollen. Dass für die sozialökologische Transformation weniger Autos und mehr Busse und Bahnen gebraucht werden, da waren sich nämlich alle einig.

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