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Heinz Zander: Ein überzeugter Realist

Das Literarische ist das Vornehmste in der Kunst: zum Tod des Malers Heinz Zander

  • Peter Arlt
  • Lesedauer: 3 Min.
Heinz Zander, Selbstbildnis, Öl auf Leinwand, 1981
Heinz Zander, Selbstbildnis, Öl auf Leinwand, 1981

Sein Wunsch, »zugleich Maler und Schriftsteller« zu werden, war von früher Gewissheit getragen. Zu realisieren begann er sich, als Heinz Zander, der am 2. Oktober 1939 in Wolfen geboren wurde, vor dem Abitur in Bitterfeld in seiner Theaterbegeisterung Schülerinszenierungen mit seinen Bühnenbildern organisiert hatte, wobei die Lust zugrunde lag, sich in Gestalten hineinzusehnen, in ihnen zu verschwinden und aus ihnen heraus zu reden.

Zanders Talent zeigte sich beim Studium in Leipzig an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Ende der 50er Jahre, als sich der Lehrkörper, über die Schulter dieses Studenten blickend, über Zeichenkunst belehren ließ. Als Meisterschüler von Fritz Cremer konnte er zu Recht behaupten, kein Schüler zu sein, sondern »ein Meister, der zur Schule geht bei einem noch größeren Meister«. 1965 brachte der Kunsthistoriker Dieter Gleisberg im Lindenau-Museum von Altenburg Zanders »magisches Zauberspiel« in der ersten Einzelausstellung zur Aufführung.

1981 veröffentlichte Zander im Hinstorff-Verlag Rostock seinen ersten Roman »Stille Landfahrten« mit eigenen Illustrationen. Seine Bilder und späteren Romane zeigen, wie bei Zander literarische und bildnerische Fantasie untrennbar ineinander und oft mit antiker Mythologie verschmolzen, ja auch von Musik beschwingt sind, er war mit dem Komponisten Tilo Müller-Medek befreundet. Und er hatte eine zärtliche Zuneigung zu Insekten und anderen Tieren, das zeigen seine frühen und letzten Bilder, angeregt auch durch den Entomologen Peter Thoms aus Mühlhausen.

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»Das Literarische ist das Vornehmste in der Kunst« lautet ein Aphorismus Heinz Zanders, der das Literarische innerhalb der bildenden Kunst selbst meint, unter dem der Maler nie die »plumpe Abbildung eines vorgeschriebenen Gedankens« verstand, sondern eine Bilddichtung als gestalthafte Sinnfindung. Wer allerdings, vom Reinlichkeitsgedanken beschränkt, Literarisches in der bildenden Kunst für eine unerlaubte Mischung hält, bleibt solcher Kunst fern, obwohl diese bis weit ins Mittelalter zurückreicht.

Zanders Bildsprache, angetrieben von seiner sich ständig erneuernden Imaginationskraft, war die einer prallen sinnlichen Präsenz mit gestreckten, gebogenen, gewendeten, gekrümmten Figuren in spannendem, auch abseitig grotesk inszeniertem Geschehen, das auch Helene Weigel und Ekkehard Schall lobten. Hinzu kamen die leuchtenden Farben, für die sich Zander begeisterte. Seine Bilder wurden von Grazien aus der Frührenaissance, dem Manierismus und dem Symbolismus besucht und lächelnd von des Künstlers eigener Grazie eingelassen.

In Leipzig war Zander ein fantastischer Realist, der 1976 betonte, ein überzeugter Realist zu sein: »Wer sich nicht seiner Geschichte bewusst ist, findet auch kein echtes Verhältnis zur Gegenwart.« Zander befasste sich intensiv mit historischen Themen. Der fünfteilige Gemäldezyklus »Der große deutsche Bauernkrieg« für die säkularisierte, als Bauernkriegsmuseum eingerichtete Kornmarktkirche in Mühlhausen in Thüringen befindet sich im Panorama-Museum Bad Frankenhausen, wo der Direktor Gerd Lindner einen großen Zander-Schatz zusammengetragen hat.

Für das Gewandhaus Leipzig schuf Zander das Triptychon »Tristan – Parzival – Gawan«. Seine Kreativität schöpfte ebenso aus mittelalterlicher Literatur wie aus den literarischen Stoffen von Johann Wolfgang Goethe, Thomas Mann und Bertolt Brecht. Er malte die historischen Künstlerpersönlichkeiten Tilman Riemenschneider und Matthias Grünewald ebenso wie die Brecht-Chanteuse und Schauspielerin Sonja Kehler.

In einer der letzten Zeichnungen, »Argonautenstrand« von 1991, sieht man zerstückelte, zerfressene, in Seilen verhedderte Sucher nach dem Goldenen Vlies und nach einem neuen Weg, den sie aber nicht fanden. Sie sind ebenso gescheitert wie früher die »Gelehrten«, die ihren Weg, weit entfernt vom leuchtenden Gipfel durch den Bach mit Stöcken staksend und stürzend, verloren haben. Über sie ist die Zeit hergefallen, Wege verschwanden aus der Erinnerung, sind vergessen. So könnte man denken, weil die Kontinente unserer Bestrebungen gewandert, Interessen weitergezogen, vermessene Berge enthauptet, Hoffnungen im Erdfall verschwunden sind.

Heinz Zander starb am 15. Mai in Leipzig.

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