Ernährungsarmut: Kein Happen Glück

Seit 20 Jahren erfüllt Deutschland die Leitlinien für das Recht auf Ernährung nicht

Containern ist unter den Voraussetzungen in Deutschland verständlich, findet Sabine Werth, Vorsitzende der Berliner Tafel.
Containern ist unter den Voraussetzungen in Deutschland verständlich, findet Sabine Werth, Vorsitzende der Berliner Tafel.

Kaffee, Kaffeefilter, Zucker, Tomatenmark, Toilettenpapier. Dafür gab Michael Stiefel, Leiter des Projekts »Beteiligung von Menschen mit Armutserfahrung« der Diakonie, früher sechs bis sieben Euro die Woche aus. Viele Jahre habe er von gesammelten Lebensmitteln gelebt, erzählt er. Diese Produkte musste er trotzdem kaufen – und mit dem Geld würde er heute nicht mehr auskommen, sagt er am Mittwoch in einem kleinen Café in Kreuzberg. Hier haben sich Vertreter*innen von Sozialorganisationen zusammengefunden, um vor der internationalen Konferenz »Politik gegen den Hunger« kommende Woche auf die Lage in Deutschland hinzuweisen.

Auf der Konferenz in Berlin besprechen Personen aus Politik, Forschung und Zivilgesellschaft das Recht auf angemessene Nahrung entsprechend den Leitlinien der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO). Seit nunmehr 20 Jahren erfüllt Deutschland diese internationalen Leitlinien nicht. Wer an diesem Tag nach Kreuzberg kommt, setzt sich für die »sozial-ökologische Ernährungswende« ein. Zu den Forderungen gehören eine warme Mahlzeit pro Tag und die Anhebung der Grundsicherung, um eine gesunde Ernährung zu ermöglichen.

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Die Situation in Deutschland sei nicht mit jener im Globalen Süden vergleichbar, betont Saskia Richartz vom Ernährungsrat Berlin. Das heiße aber nicht, dass die Lage deswegen nicht problematisch sei. Diese Fehlannahme führe dazu, dass Ernährungsarmut, also die unzureichende Ernährung und ein etwaiger daraus resultierender sozialer Ausschluss, hierzulande unzureichend diskutiert werde. Das hängt auch mit der mangelnden Datenlage zusammen. Im Vergleich zu Schweden und Großbritannien gibt es in Deutschland keine nationale »Verzehrsstudie«, die die Situation von armutsgefährdeten Personen untersucht. Auch gibt es keine Schuleingangsprüfungen wie in Frankreich, die die Versorgung der Kinder testen. Die aktuellsten Zahlen zu gesunder Ernährung stammen von 2009.

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Was wir wissen: Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfahl 2023 einen Tagessatz von 7,50 Euro für Nahrung, Sozialgeldbeziehende haben zurzeit einen Anspruch auf 6,42 Euro. Laut Eurostat konnten sich 2023 13,1 Prozent der deutschen Bevölkerung nicht einmal jeden zweiten Tag ein warmes Essen leisten, dieser Anteil stieg im Vergleich zu 2021 um 2,6 Prozent. In armutsgefährdeten Haushalten konnten sich sogar 27,6 Prozent dies nicht einmal alle zwei Tage leisten. Im Vergleich der europäischen Statistikagentur liegt Deutschland damit auf Platz 5 des Negativrankings innerhalb der EU. Besonders von Armut betroffen sind Kinder, Jugendliche und ältere Menschen. Die Diakonie fordert deswegen eine warme Mahlzeit pro Tag insbesondere für Kinder und Jugendliche, auch ohne eine stigmatisierende Bedürftigkeitsprüfung. Schließlich wisse man aus anderen Ländern, wie wichtig ein gemeinsames Essen für Sozialkompetenzen sei, so Stiefel.

Laut FAO waren 2021 rund 1,2 Millionen Menschen von schwerer Ernährungsunsicherheit betroffen. Das bedeutet, 1,4 Prozent der Bevölkerung haben kaum oder keine Lebensmittel und im Extremfall tagelang nichts gegessen. Diese Zahlen sind aber nicht sehr aussagekräftig, da sich die Situation mit Inflation, Pandemie und Krieg verschärft hat und zugleich karitative Einrichtungen einiges abfedern – wie viel, sei nicht klar, sagt Andreas Aust vom Paritätischen Wohlfahrtsverband.

Eine dieser Einrichtungen ist die Tafel. Seit Kriegsbeginn in der Ukraine vermeldet sie bundesweit 50 Prozent mehr Nutzer*innen, in Berlin sogar 100 Prozent. »Wir setzen überall an, wo die Politik versagt«, stellt Sabine Werth, Vorsitzende der Berliner Tafel, fest. Dass es auch keine Zahlen zur Gemeinschaftsverpflegung, zur regelmäßigen Verpflegung von Menschengruppen in Betrieben, Gesundheits- und Pflegeinstitutionen sowie Bildungseinrichtungen gebe, sei »sehr bitter«.

Der von der Diakonie vorgeschlagenen Abschaffung der Bedürftigkeitsprüfung schließt sich Werth dagegen nicht an: »Dann setzen sich wieder diejenigen mit den schärfsten Ellbogen durch.« Schon jetzt müssten die Tafeln ihre Ausgaben in Berlin staffeln, da sie nicht mehr genügend Lebensmittel zur Verfügung hätten. Politisch müssten Maßnahmen für Armutsbetroffene und die Lebensmittelrettung gemeinsam gestärkt werden. Start-Ups, die Supermärkte dazu brächten, ihre Lebensmittel billiger zu verkaufen, helfen dagegen nur dem Gewissen.

»In Schleswig-Holstein gibt es für uns Ältere oft nicht einmal erreichbare Tafeln«, sagt Renate Antonie Krause vom Armutsnetzwerk. Sie verweist auf die Framingham-Heart-Studie von 2008, laut der Glück auf Menschen im 1,5-Kilometer-Umkreis ausstrahlt. Um glücklich zu sein, müssen Menschen, so die Studie, hoffnungsvoll sein, das Leben genießen und sich als genauso gut wie andere empfinden. Unter gegebenen Voraussetzungen sei das schwer möglich, sagt Krause. Dementsprechend müssten wir uns über Hass und Frust in der Gesellschaft nicht wundern.

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