Florentina Holzinger: Nackte Möse versus das Böse

Florentina Holzinger lädt am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin zur Messe – mit ein wenig Paul Hindemith und viel nackter Haut

Auf dem Weg zu Gott? In Holzingers Bekenntnistheater werden keine Mühen gescheut.
Auf dem Weg zu Gott? In Holzingers Bekenntnistheater werden keine Mühen gescheut.

Zunächst zum regionalen Kontext: Mecklenburg wurde vor knapp einem halben Jahrtausend reformiert. Die Geschichte der christlichen Religion in der Gegend ist eine des stetigen Bedeutungsverlusts. War Mitte des 19. Jahrhunderts annähernd die gesamte Bevölkerung Mecklenburg-Vorpommerns christlicher Konfession, bekennen sich heute etwa noch 16 Prozent zum christlichen Glauben. Drei Prozent sind katholisch. Da geht es der Kirche in Sachen Publikumsschwund noch deutlich schlechter als den strauchelnden Theatern.

Warum ist das wichtig? In der Landeshauptstadt Schwerin hat die Performance-Künstlerin Florentina Holzinger, selbst aus dem religiös durchaus anders geprägten Österreich stammend, am Mecklenburgischen Staatstheater zu einer Heiligen Messe unter veränderten Vorzeichen geladen. Soll heißen – mit den üblichen Versatzstücken ihrer Theaterabende: eine splitternackte Frauengang, etwas Blut, etwas unchristliche Selbstkasteiung und etwas Sex. Ob das Publikum vor Ort über weitreichende Kenntnisse der katholischen Liturgie verfügt, ist nicht bekannt; es darf aber bezweifelt werden. Es handelt sich nicht um ein Spektakel für eine Zuschauerschaft in einer bestimmten Region, sondern die internationale Koproduktion wird schon im nächsten Monat weiterziehen und nimmt auf derlei Petitessen offenbar keine Rücksicht.

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Holzingers derzeit gehyptes, feministisch gelabeltes Tanz-Performance-Theater kennt eine klare Rezeptur. Sie schöpft aus den Mitteln der Aktionskunst und zitiert gelegentlich den klassischen Tanz. Die größte Stärke ihrer Arbeiten besteht in den beeindruckenden szenischen Bildern, die sie zu schaffen versteht. Davon abgesehen, fallen ihre abendfüllenden Inszenierungen nicht durch Ideenreichtum aus. Ihnen ist etwas befremdlich Revueartiges, gelegentlich Kitschiges eigen. Eine Nummer reiht sich an die nächste. Und so steigern sich die Abende dramaturgisch, bis die unvermeidliche Müdigkeit einsetzt.

Der Schlenker der Choreografin und Regisseurin ins Musiktheaterfach hätte durchaus ein Ausweg sein können, nicht zum Opfer des eigenen begrenzten Theaterwerkzeugkoffers zu werden. Aber Holzinger vertraut zu sehr auf ihre Mittel. Sie wählt Paul Hindemiths Operneinakter »Sancta Susanna« und dann geht es weiter mit zweieinhalb Stunden der üblichen Nummern, die sie in den Rahmen eines – feministisch interpretierten – christlichen Zeremoniells einpasst.

Hindemiths nur um die 25 Minuten umfassende Komposition war ein Skandal, als sie vor fast hundert Jahren an der Frankfurter Oper uraufgeführt wurde. Die neusachliche Orchestermusik begleitet kommentierend eine von dem expressionistischen Dramatiker August Stramm als Libretto entliehene Szene.

In einer Nacht im Wonnemonat Mai verspürt die Nonne Susanna, einem Kruzifix in einer klösterlichen Kirche gegenüber, plötzlich eine unbekannte Fleischeslust. Ein Licht erlischt. Die Schwestern ahnen den Satan. Schon einmal hatte sich hier eine Schwester, Beata genannt, versündigt und in ihrer Erregung am Christusbildnis vergangen, worauf sie tot umgefallen ist, eingemauert wurde und ebenjene Sühnekerze entzündet wurde. Susanna lässt sich nicht beirren, feiert ihren Körper und lässt sich nicht zur Keuschheit bekehren.

Das Schweriner Orchester bringt die wenig bekannte Hindemith’sche Musik zum Klingen und Holzinger setzt zunächst zwei als Ordensschwestern kostümierte Sängerinnen in Szene. Aber »Sancta Susanna«, hier auf den Titel »Sancta« verkürzt, ist ihr nichts anderes als ein Sprungbrett für ihr durchexerziertes Inszenierungsprinzip. Schon bald kommen nackte Performerinnen dazu, die paarweise und sich gegenseitig manuell unterstützend befriedigen. Und so nimmt dann seinen Lauf, was den Effekt herausfordert, aber kaum szenische Wirkung entfaltet.

Im Folgenden wechselt die Musik zwischen Sakralem und allzu Profanem, zwischen Bach und Pop, Gounod und Musical. Szenisch wird alles aufgefahren: Rollschuheinlagen auf der Halfpipe, eine durch Menschenkörper angeschlagene Kirchenglocke, Zaubertricks, Kannibalismus in homöopathischen Dosen, Live-Beichte auf der Bühne und eine Masturbationschoreografie an tönernen Penissen.

Aber hat die Inszenierung denn über ihren Schauwert hinaus gar nichts zu erzählen? Eine müde Kritik an der Brüderschaft von Katholizismus und Patriarchat wird geübt, die so neu nicht ist, vor allem aber schon auf weitaus höherem Niveau geäußert worden ist. Ansonsten sind hier auf der Bühne alle sehr mit ihrem Glauben im Reinen. Hier wird noch von Wundern geschwärmt. Die Liebe hochgehalten. Und ein bisschen mit rebellischem Gestus geprahlt, ganz so, als gäbe es im 21. Jahrhundert noch die Widerstände, mit denen Hindemith zu kämpfen hatte.

Abgesehen von den mit einer Live-Kamera eingefangenen Verwundungen, die sich die Performerinnen auf der Bühne bereitwillig zufügen, tut der Abend niemandem weh und zeigt sich als ein kalkulierter Skandal, bei dem der Schock doch ausbleibt.

Nächste Vorstellungen in Schwerin: 31. Mai, 1. und 2. Juni
www.mecklenburgisches-staatstheater.de
Die Inszenierung wird außerdem an der Berliner Volksbühne, der Staatsoper Stuttgart und im Rahmen der Wiener Festwochen gezeigt.

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