Éric Hazan: Büchermacher gegen die Macht

Der Pariser Verleger Éric Hazan ist gestorben

  • Vincent Sauer
  • Lesedauer: 3 Min.
Gegen Staat, Kapital und Macht: Éric Hazan
Gegen Staat, Kapital und Macht: Éric Hazan

Am Freitag verstarb in Paris im Alter von 87 Jahren Éric Hazan: einer der wichtigsten Verleger der radikalen Linken Frankreichs. Dabei gründete er seine »Editions La Fabrique« erst spät im Berufsleben, 1998. Davor war er viele Jahre als Herzchirurg tätig und leitete im Anschluss an die Karriere als Arzt den Verlag seines Vaters, »Edition Hazan«, wo keine politische Theorie oder gesellschaftskritische Literatur auf dem Programm stand, sondern schicke Kunstbände angeboten wurden.

Hazan kam 1936 in Neuilly-sur-Seine, einem Vorort von Paris, auf die Welt. Seine Mutter war rumänische Jüdin, der Vater ägyptischer Jude. Ein Schulbesuch kam wegen der deutschen Besatzung nicht infrage, stattdessen las sich der junge Éric zu Hause durch die Bibliothek der Eltern, die sich in Marseille vor den Nazis versteckten.

Nach der Befreiung ging er auf die Eliteschule Lycée Louis-le-Grand, kam dort mit Kommunisten in Kontakt, wurde militant. Dann spitzte sich der Algerien-Krieg zu und der Medizin-Student engagierte sich für Nationale Befreiungsfront Algeriens. Auch seine rigorose Parteinahme für die Palästinenser – Hazans Mutter wurde im Britischen Mandatsgebiet Palästina geboren – beginnt in dieser Zeit. 1975 ging er als Sanitätsarzt in den Libanon, wo der Bürgerkrieg tobte.

Apropos Parteinahme: Éric Hazan gab stets freimütig zu, in seiner »Fabrique« Freunde zu verlegen; er wollte einen »Sammelpunkt« schaffen, es ging um eine publizistische Gemeinschaft gegen Staat, Kapital, Macht. Besonders vehement stand immer wieder die Polizei in der Kritik.

Glücklicherweise ist Hazans Freundeskreis allerdings deckungsgleich mit dem Who’s who der linken französischen Philosophie, Geschichtswissenschaft, Literaturtheorie und Soziologie und umfasst auch zahlreiche wichtige Autoren anderer Länder und Sprachen. Nicht wenige davon sind in Deutschland noch nicht ausreichend bekannt – wer kennt hier Dionys Mascolo oder Sophie Wahnich?

Und dann noch all die toten Freunde (von Baudelaire bis Marx)! Viele Klassiker der kommunistischen und anarchistischen Literatur legte Hazan neu auf. Meist handelt es sich um keine dicken Wälzer, sondern schmale Bände für den Gebrauch im alltäglichen Kampf gegen Abstumpfung und Verdummung.

Auffällig sind auch die zahlreichen Kollektiv-Publikationen im Verlag, die den in akademischen Kreisen weitverbreiteten Genie-Kult zumindest ein bisschen abschwächen. Bis ins bürgerliche deutsche Feuilleton schafften es die Pamphlete des »Unsichtbaren Komitees«.

In dem internationalen Programm zeichnete Hazan selbst etwa für die Übersetzungen von Edward Said und Tariq Ali aus dem Englischen verantwortlich, die Konflikte im Nahen Osten analysieren. Zu den wenigen lebenden deutschen »Fabrique«-Autoren (Engels, Heine, Benjamin finden sich auch im Programm) gehört übrigens die Literaturwissenschaftlerin Elfriede Müller, die auch schon für diese Zeitung geschrieben hat.

Im Jahre 2020 brachte Matthes & Seitz Berlin Hazans umfangreiches Buch »Die Erfindung von Paris« neu auf den satten Buchmarkt, dem dieser historisch-kritische Hauptstadtführer aus der Perspektive linken Widerstands allerdings nicht schaden kann. In der französischen Presse hieß es bei Erscheinen des Originals: »Suchen Sie den Weg zum Glück? Kaufen Sie dieses Buch und gehen Sie spazieren.«

Wem das Lachen und Grinsen beim Spaziergang durch gentrifizierte Städte mittlerweile immer schneller vergeht, der sei auf einen Titel Hazans verwiesen, der bereits 2019 im Unrast-Verlag erschienen ist und als Anleitung zur Veränderung dienen soll: »Die Dynamik der Revolte. Über vergangene und kommende Aufstände«. Wer solche Bücher schreibt, ist kein gemütlicher Melancholiker vergangener (oft vermeintlicher) linker Größe und Macht, sondern will, dass es zum Guten kracht.

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