Der Digitalminister glaubt an Wunder

Die Anzeichen für ein Platzen der KI-Blase mehren sich. Aber die Bundesregierung verbreitet weiter Zuversicht, kommentiert Anne Roth.

  • Anne Roth
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Digitalminister Karsten Wildberger (CDU) und Anne Le Henanff, Ministerin für Künstliche Intelligenz in Frankreich, beim »Gipfel zur Europäischen Digitalen Souveränität«.
Digitalminister Karsten Wildberger (CDU) und Anne Le Henanff, Ministerin für Künstliche Intelligenz in Frankreich, beim »Gipfel zur Europäischen Digitalen Souveränität«.

In die sogenannte Künstliche Intelligenz wird unfassbar viel Geld investiert. Überall werden neue Rechenzentren gebaut, Chips gegen neuere ausgetauscht und die Energie für den Betrieb der Anlagen gibt es auch nicht umsonst. Hunderte von Milliarden Dollar gehen an die Datenzentren, um die KI-Modelle zu trainieren. Weil selbst die größten Tech-Unternehmen nicht so viel Geld einnehmen, besorgen sie sich welches an der Börse, aktuell braucht etwa Amazon die Kleinigkeit von 15 Milliarden Dollar. Gemeinsam mit Google, Meta und Oracle waren es bis Anfang November 81 Milliarden Dollar.

Anne Roth

Anne Roth gehört zu den Pionierinnen linker Netzpolitik. Für »nd« schreibt sie jeden ersten Montag im Monat über digitale Grundrechte und feministische Perspektiven auf Technik. Seit November 2025 ist sie Referentin für Digitalpolitik bei der Bundestagsfraktion der Partei Die Linke.

Die Hoffnung ist natürlich, dass sich das rentiert und mit KI das Geld auch irgendwann wieder reinkommt. Der Haken: Bisher ist davon nicht viel zu sehen. Eine vielbeachtete Studie des Massachusetts Institute of Technology (MIT) zum Stand der Dinge im Bereich Generative KI stellte dieses Jahr fest, dass lediglich fünf Prozent dieser KI-Unternehmen Geld verdienen. Die übrigen 95 Prozent machen keinen Gewinn.

Inzwischen wird immer häufiger die Frage gestellt, ob wir es mit einer KI-Blase zu tun haben, die ähnlich platzen könnte, wie die »Dotcom-Blase« vor 25 Jahren. Die Europäische Zentralbank warnte vor einigen Tagen vor deutlichen Preiseinbrüchen, will aber noch keine Gefahr für einen großen Krach erkennen.

Auf das Platzen der Blase sollte sich trotzdem niemand freuen.

Während hier und da handfeste Zweifel an den Versprechungen der KI-Wunder wachsen, ist die deutsche Politik in die entgegengesetzte Richtung unterwegs. Beim Digitalgipfel vor knapp zwei Wochen feierten Digitalminister Wildberger und Kanzler Merz neue Milliarden-Investitionen in Rechenzentren und beschworen die digitale Souveränität. Sie meinen damit, dass europäische Unternehmen endlich mit denen in den USA und China mithalten können sollen und riefen dazu auf, in sie zu investieren.

An welche Wunder deutsche Politiker*innen dabei glauben, wurde in Reden von Wildberger und auch von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen in den letzten Monaten deutlich. Wildberger erklärte bei einer Pressekonferenz zur Bekanntgabe eines KI-Rechenzentrums der Telekom in München, das eine Milliarde Euro kosten soll: »KI ist nicht die nächste Stufe der Digitalisierung – sie ist etwas völlig Neues, ein neues Paradigma. Zum ersten Mal übertreffen Maschinen den Menschen in dem, was uns bisher einzigartig machte: unsere Intelligenz.«

Und von der Leyen sagte bei der EU-Haushaltskonferenz im Mai: »Als der aktuelle Haushalt ausgehandelt wurde, dachten wir, dass die KI erst um 2050 dem menschlichen Verstand nahekommt. Jetzt gehen wir davon aus, dass das bereits nächstes Jahr der Fall sein wird

Eine Vorstellung, die vielen Menschen Angst macht, die aber einfach Unsinn ist, das muss immer wieder ganz deutlich gesagt werden. Gut siebzig KI-Forscher*innen waren von der Aussage in von der Leyens Rede so verwundert, dass sie ihr dazu einen offenen Brief schrieben. Darin weisen sie darauf hin, dass die Behauptung, KI könne schon bald dem menschlichen Verstand nahekommen, falsch und unwissenschaftlich sei. Unterlagen der Kommission selbst belegten, dass von der Leyens Aussage allein auf Statements mehrerer Tech-Unternehmer basiert und vor dem Hintergrund von deren finanziellen Interessen zu sehen sind. Empirische Belege für von der Leyens These gibt es keine.

Nach der Aussage von Digitalminister Wildberger diesen Monat, Maschinen seien schon jetzt zu menschlicher Intelligenz fähig, fragte die Linke Bundestagsabgeordnete Sonja Lemke die Bundesregierung, ob die die Auffassung der Kommission teile, dass für die nächste Generation von KI-Modellen ein Leistungssprung in Richtung »Artificial General Intelligence«, die menschlichen Fähigkeiten gleichkommen würde, zu erwarten sei.

Die Antwort aus dem Forschungsministerium spricht Bände und verdient es, vollständig zitiert zu werden: »Die angesprochene Entwicklung in Richtung ›Artificial General Intelligence‹ (AGI) sowie die benötigten Ressourcen sind seit einiger Zeit Gegenstand kontroverser Debatten, insbesondere bezüglich des zeitlichen Rahmens bis zur Entwicklung von AGI. Die Bundesregierung pflegt einen intensiven Austausch mit der KI-Fachwelt auch zu diesem Thema. Unter anderem hat sich die vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt geförderte Plattform Lernende Systeme unlängst in einer Kurzpublikation mit dem Thema AGI auseinandergesetzt. Die Bundesregierung nimmt die im Kontext AGI diskutierten Chancen und potenziellen Risiken ernst.«

Oder, übersetzt: Die Bundesregierung hat keine Belege dafür, dass Maschinen in absehbarer Zeit zu etwas wie menschlicher Intelligenz in der Lage sein werden.

Auf das Platzen der Blase sollte sich trotzdem niemand freuen. Menschen werden Jobs, Geld und Altersvorsorge verlieren. Wer viel hat, kann das besser verkraften. Für die anderen werden die Folgen härter sein.

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