Identitäten aus der Buchstabensuppe

Patu und Antje Schrupp erzählen im Comic eine kleine Geschichte des Feminismus

  • Von Regina Stötzel
  • Lesedauer: 3 Min.

Wer bislang fürchtete, dicke, schwierige Bücher lesen zu müssen, um zu verstehen, was es mit diesem Feminismus auf sich hat, kann nun beruhigt sein. Mit ihrer gezeichneten »Kleinen Geschichte des Feminismus im euro-amerikanischen Kontext« machen die Autorin Antje Schrupp, die Zeichnerin Patu und der Unrast Verlag den Einstieg leichter als je zuvor. Aber natürlich auch nur eben diesen; schließlich handelt es sich nicht um die Gebrauchsanleitung für ein Regal vom Möbeldiscounter, das, hat man alles richtig gemacht, irgendwann fertig dasteht. »›Den Feminismus‹ gibt es nicht, sondern immer wieder neue Vorschläge, Forschungsergebnisse und Erkenntnisse«, heißt es gleich am Anfang unmissverständlich. Niemand werde darum herumkommen, sich selbst ein Urteil zu bilden und einen eigenen Standpunkt einzunehmen.

Ebenso wenig kommt man darum herum, bei Interesse weiterzulesen. Denn auf 83 Comic-Seiten finden naturgemäß nur kleine Häppchen des ambitionierten Projektes Platz, einen Überblick über feministische Ideen von der antiken Lyrikerin Sappho bis zu jenen, die in der Gegenwart an WG-Tischen diskutiert werden, zu bieten. Mit jeweils kurzen, einleitenden Sätzen, hübschen Zeichnungen, fiktiven und wörtlichen Zitaten - die durch unterschiedliche Schrifttypen voneinander abgehoben sind, wie man etwa nach der Hälfte der Lektüre versteht - werden die ausgewählten Episoden aus der Geschichte des Feminismus anschaulich gemacht.

Platz finden sogar noch Reaktionen von Männern, sei es auf weibliches Verhalten generell oder auf konkrete weibliche Konkurrenz. So dampft es dem Apostel Paulus ordentlich aus den Ohren vor Wut, weil die Frauen in der Gemeinde entgegen seinen Vorstellungen keineswegs schweigsam sind. Und Marx und Engels sitzen bei einem guten Tropfen beisammen und unterhalten sich über die Theoretikerin des Frühsozialismus Flora Tristan, die schon vor dem »Kommunistischen Manifest« ein Bündnis aller Arbeiterinnen und Arbeiter gefordert und eine analytische Verbindung zwischen der Unterdrückung der Frauen und der Unterdrückung der Besitzlosen gezogen hatte. Marx: »Tristan? Noch nie gehört ...« Engels: »Doch! Weißt du noch ...« Marx: »PSSSSST!«

Je dichter Autorin und Zeichnerin an die Gegenwart rücken, desto unterhaltsamer wird das Büchlein. Da erhebt sich der totgesagte Feminismus aus seinem Grab und verjagt ein spießiges Heteropärchen, das für den Backlash steht. Aus einer Buchstabensuppe ragen die Lettern »LGBTQI« (Lesbian-Gay-Bi-Trans-Queer-Inter), und zwei Frauen unterhalten sich: »Queersein ist sooo cool! Ich fahr grad voll drauf ab.« Antwort: »Ja voll! Willst du auch pinken Glitzernagellack?«

Es ist zu erahnen, dass die Autorin sich selbst nicht gerade als Protagonistin der »dritten Welle« des Feminismus sieht, für die etwa Rrriot Girls, »Missy Magazin« und Slutwalks stehen, jedoch ohne dies alles abzulehnen. Wer Genaueres wissen will, findet im Internet Antje Schrupps Blog »Aus Liebe zur Freiheit. Notizen zur Arbeit der sexuellen Differenz«, dort unter vielem anderem etwa ihre »Fünfzehn Thesen zu Feminismus und Post-Gender« und ist schon richtig drin in der aktuellen Diskussion - und das immer noch ohne dicke, schwierige Bücher lesen zu müssen.

Patu/Antje Schrupp: Kleine Geschichte des Feminismus im euro-amerikanischen Kontext. Unrast Verlag, Münster. 88 S., br., 9,80 €.

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