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Missbrauchte Ideale

Viet Thanh Nguyen: ein kluger Vietnam-, Spionage- und Revolutionsroman

  • Von Reiner Oschmann
  • Lesedauer: 4 Min.

Das Epochenereignis Vietnamkrieg ist in den vergangenen vier Jahrzehnten tausendfach thematisiert, dramatisiert und literarisiert worden. Meist mit amerikanischer Handschrift, oft seriös, nicht weniger oft beschönigend oder verlogen. Der glänzend geschriebene Roman »Der Sympathisant« behandelt den Krieg aus Sicht des Südvietnamesen Viet Than Nguyen. Beim Fall Saigons im Frühjahr 1975, als Washingtons Marionettenregime zusammenbrach, der kommunistische Norden Saigon einnahm und seine Eltern mit ihm in die USA flohen, war er vier. Viet Than Nguyen, dessen Roman voriges Jahr in den USA den Pulitzerpreis erhielt, arbeitet seit seiner Promotion 1997 als Hochschullehrer in Berkeley an der University of California.

• Viet Thanh Nguyen: Der Sympathisant.
Roman. A. d. Am. v. Wolfgang Müller. C. Blessing, 527 S., geb., 24,99 €

Am Beispiel des fiktiven Vietnamfilms »Das Dorf«, der an Francis Ford Coppolas »Apocalypse Now« erinnert, ruft der Autor den brachialen Druck der USA zu amerikanischer Deutungshoheit wach oder, wie der namenlose Ich-Erzähler in diesem raffinierten Politthriller sinniert: »Mit Filmen klopfte Amerika den Rest der Welt weich, erbarmungslos attackierte Hollywood die mentalen Abwehrkräfte des Publikums … Es spielte keine Rolle, welche Geschichte die Zuschauer zu sehen bekamen. Entscheidend war, dass es die amerikanische Geschichte war, die sie sahen und mochten - bis zu dem Tag, an dem sie vielleicht selbst von den Flugzeugen bombardiert wurden, die sie in amerikanischen Filmen gesehen hatten.«

Die Hauptperson des Buchs, eben »Der Sympathisant«, ist Geheimdienst-Hauptmann der geschlagenen südvietnamesischen Armee und ein Mann der CIA. Er geht als Adjutant seines Generals mit ihm ins kalifornische Exil. Was der General und andere alte Kameraden, die in Amerika von der Konterrevolution daheim träumen und allerhand dafür tun, nicht wissen: Dieser Adjutant, Sohn einer vietnamesischen Mutter und eines französischen Priesters aus den Tagen, da Vietnam noch den amerikanischen Kriegsvorgänger Frankreich freihielt, ist zugleich ein kommunistischer Spion. Unter Landsleuten nimmt er nicht nur wegen seiner Eltern eine meist misstrauisch beäugte »Mischlings«-Stellung ein, er führt auch in jeder anderen Hinsicht ein grundsolides Doppelleben, rund um die Uhr.

Diese Doppelbödigkeit und ihre Konsequenzen für das Leben des Sympathisanten, für seine Reflexionen und Entscheidungen formen Rahmen und Kern des Romans, eines Politkrimis in gepflegter Sprache, mit Chandler-haften, trocken-humorigen Monologen, vor allem jedoch voll innerer Kämpfe um den Irrsinn von Krieg und Spionage, um den Schmerz von Flucht und Vertreibung sowie um den hohen Preis, den kleine Staaten für den Kalten Krieg der Großmächte USA, Sowjetunion und China entrichten.

Auch im letzten Punkt macht die vietnamesische Sicht einen Reiz dieses Romans aus. Wiewohl die Familie des Sympathisanten antikommunistisch geprägt ist und er viele Seiten der USA schätzt, trübt dies nicht seinen kritischen Blick auf Amerika. Womöglich glaubt sich jedes Land auf seine Weise anderen überlegen. Doch der Sympathisant ist sich sicher: »Hatte es jemals ein Land gegeben, dessen Narzissmuskonto derart überquoll von Superlativen, das nicht nur superselbstbewusst, sondern auch noch supermächtig war und keine Ruhe gäbe, bis in seinem Schwitzkasten jedes Land der Welt Uncle Sam brüllte?«

Der Geheimagent im Dienst des Kommunismus sieht sein Land als Spielball auch der anderen Großen, die Stärke der Sowjetunion eher in Wodkakonsum und Waffenexport. Mehr und mehr aber treibt den Doppellebemann, zuletzt im Räderwerk der eigenen Genossen, die Frage um, was aus Ho Chi Minhs Maxime »Unabhängigkeit und Freiheit« wird, wenn die Revolutionäre triumphiert haben und die vormals Machtlosen endlich mächtig sind.

Unsere Revolution, schlussfolgert der Sympathisant, in einem Guantánamo-gleichen »Umerziehungslager« der eigenen Genossen dem Wahnsinn nahe, dauerte wesentlich länger und war wesentlich blutiger als die Revolutionen in Frankreich und Amerika. Indes: »Was unsere Lernfähigkeit bezüglich der schlimmsten Angewohnheiten unserer französischen Herren und deren amerikanischer Nachfolger anging, so erwiesen wir uns schnell als unschlagbar. Auch wir konnten erhabene Ideale missbrauchen! Im Namen von Unabhängigkeit und Freiheit - ich war es so leid, diese Worte auszusprechen! - befreiten wir uns selbst und nahmen sie unseren geschlagenen Brüdern.«

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