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  • Politik
  • Rechte Gewalt in Dortmund

Ein trauriger Jahrestag

Die Dortmunder Naziszene gehört in Westdeutschland zwar immer noch zu den größten Strukturen, hat jedoch an Attraktivität verloren

  • Von Sebastian Weiermann
  • Lesedauer: 3 Min.

Der 28. März 2005, früher Abend. In der U-Bahnstation Kampstraße, mitten in der Dortmunder Innenstadt trifft Thomas Schulz, den seine Freunde »Schmuddel« nannten auf den damals 17-jährigen Neonazi Sven Kahlin. Zwischen dem Punk und dem jugendlichen Neonazi entwickelt sich ein Streit, in dessen Verlauf Kahlin ein Messer zückt und auf Thomas Schulz einsticht. Nach einer kurzen Flucht werden Kahlin und seine Freundin von der Polizei gestellt, Thomas Schulz stirbt am späten Abend im Krankenhaus.

In den Tagen danach ergötzte sich die Dortmunder Naziszene an dem Mord. Auf einer Internetseite veröffentlichte sie einen Beitrag unter dem Titel, »Die Machtfrage wurde gestellt und wurde für uns befriedigend beantwortet: Dortmund ist unsere Stadt!«, und wenige Tage nach dem Mord, tauchten Plakate mit der Aufschrift »Antifaschismus ist ein Ritt auf Messersschneide« im Stadtgebiet auf. Der Prozess gegen Sven Kahlin, der ein halbes Jahr nach der Tat begann, wurde allerdings weitgehend entpolitisiert geführt und der Neonazi am Ende nicht wegen Mordes, sondern wegen Totschlag zu einer siebenjährigen Haftstrafe verurteilt.

Was bei dem Prozess gegen Sven Kahlin passierte, war symptomatisch für die damalige Zeit in Dortmund. Neonazistische Gewalt wurde heruntergespielt und entpolitisiert. Von einer gut vernetzten und gewaltaffinen Szene wollte niemand in der Stadtspitze, bei der Polizei oder in den Lokalmedien etwas wissen. Dabei waren einzelne Kader der Neonazis schon seit den frühen 1980er Jahren aktiv und zog fleißig Nachwuchs heran. Einer, der damals zu den jungen Neonazis gehörte, ist Alexander Deptolla, der heute rechte Kampsportevents unter dem Namen »Kampf der Nibelungen« maßgeblich organisiert. Sven Kahlin gehörte in einem »Hooligans Dortmund« T-Shirt zu Deptollas Gästen bei einem Kampfsportevent im sächsischen Ostritz.

In Dortmund hat sich die Situation allerdings gewandelt. Die Neonazis, die sich inzwischen in der Partei »Die Rechte« organisieren, sitzen zwar im Stadtrat und treten, wie Kim Schmidt von der »Autonomen Antifa 170« erzählt, »weiterhin offensiv auf«, zu ihren Aktivitäten würden Straßenaktionen und Graffitis gehören und es gäbe immer wieder »teils gewalttätige« Bedrohungen von Menschen die nicht in das Weltbild der Nazis passen. Doch insgesamt sei »Die Rechte« in letzter Zeit weniger durch öffentliche Aktionen aufgefallen, bilanziert Schmidt. Ein wöchentlicher Demo-Marathon in der migrantisch geprägten Nordstadt, im vergangenen Herbst, hatte unter schwindenden Teilnehmerzahlen und einem dynamischen, antifaschistischen Protest zu leiden. Mehrere zentrale Kader mussten außerdem in den vergangenen Monaten Haftstrafen antreten.

Auch eine andere Strategie, die von den Dortmunder Rechten beinahe perfektioniert wurde, greift inzwischen kaum noch. Das Spiel mit der auf mediale Empörung ausgerichteten Provokation. Auch Versuche, auf diesem Weg in der Corona-Krise für Schlagzeilen zu sorgen, verfingen nicht. Die Dortmunder Naziszene gehört in Westdeutschland zwar immer noch zu den größten und am besten vernetzten Strukturen, jedoch hat sie an Attraktivität eingebüßt und ist weit weg von der Dynamik, die sie noch vor einigen Jahren gezeigt hat.

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