Die Suche nach dem Zwischenwirt

Dass Sars-CoV-2 von Fledermäusen kommt, gilt als belegt. Haben Pelztierfarmen für die Verbreitung gesorgt?

  • Von Barbara Barkhausen, Sydney, Fabian Kretschmer, Peking, und Kurt Stenger
  • Lesedauer: 5 Min.
Fledermäuse waren höchstwahrscheinlich auch bei Sars-CoV-2 der Ursprung. Doch wie fand das Virus seinen Weg zum Menschen?
Fledermäuse waren höchstwahrscheinlich auch bei Sars-CoV-2 der Ursprung. Doch wie fand das Virus seinen Weg zum Menschen?

Eineinhalb Jahre nach Beginn der Corona-Pandemie ist immer noch nicht klar, wie das neuartige Virus auf den Menschen übergesprungen ist. Dass der Ursprung in China liegt, ist zwar unumstritten. Doch zu den Details gibt es unterschiedliche Theorien.

Um Licht ins Dunkel zu bringen, waren im März Experten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) nach China gereist. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass das Virus »wahrscheinlich bis sehr wahrscheinlich« in Fledermäusen entstanden ist, bevor es über ein anderes Tier auf den Menschen übertragen wurde. Der Zwischenwirt wird im Bericht nicht benannt. Allerdings beklagte WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus, dass das Team während seiner Mission nicht ausreichend Daten zur Verfügung gestellt bekam.

Gibt es von staatlichen Stellen etwas zu verbergen? Schon länger kursiert ein Gerücht, das Virus könnte von Menschen erschaffen und durch einen Laborunfall verbreitet worden sein. Kürzlich berichtete das »Wall Street Journal« unter Bezug auf US-Geheimdienstquellen, dass im November 2019 drei Mitarbeiter des Instituts für Virologie in Wuhan im Krankenhaus behandelt werden mussten. Daraufhin kündigte US-Präsident Joe Biden Ermittlungen an und verärgerte damit die Führung in Peking, die ein politisches Manöver wittert.

Dominic Dwyer hält nichts von solchen Spekulationen. Der Mikrobiologe von der School of Medicine der University of Sydney, der Teil des WHO-Teams in China war, sagte jetzt dem australischen Sender ABC, es gebe keine Beweise für die »Labortheorie«. Die WHO-Experten hätten die US-Geheimdienste gebeten, hilfreiche Informationen weiterzugeben. Das sei nicht geschehen.

Laut dem Infektiologen waren die Behörden in der Millionenstadt Wuhan, wo das Virus zuerst grassierte, während der Ermittlungen »ziemlich offen« gegenüber dem Team. »Die Beweise, die wir bekommen haben, die Fragen, die wir gestellt haben und die Antworten, die wir bekommen haben, sind wie das, was ich erwarten würde, wenn ich die gleichen Ermittlungen in Australien durchführen würde«, sagte er. Ohnehin dürfte es sehr lange dauern, bis die Ursprünge wirklich geklärt seien. Beim ersten Sars-Virus, das im Jahr 2003 auftauchte, waren es 10 oder 15 Jahre. Um die Ursprünge von Sars-CoV-2 zu klären, sei es wichtig, offen und transparent zu kooperieren. Deswegen würde er bitten, »dass sich die Diplomatie verbessert«. Die Labortheorie nennt Dwyer »äußerst unwahrscheinlich«, denn die Einrichtung in Wuhan sei »ordentlich geführt« und die Wissenschaftler würden regelmäßig auf Anzeichen einer Infektion getestet.

Auch Christian Drosten, Virologiechef der Berliner Charité, ist dieser Meinung, da chinesische Wissenschaftler äußerst seriös arbeiteten. Er warnt aber vor einer Überbewertung der WHO-Untersuchungen in China. Eine kurze Reise, die auch noch von viel Brimborium und großem Medienecho begleitet war, könne für die genaue Aufklärung »nichts leisten«, wie er am Dienstag im NDR-Corona-Podcast erläuterte. Auch eine direkte Übertragung von Fledermäusen auf Menschen - etwa auf Minenarbeiter, die den in Höhlen lebenden Tieren zu nahe kamen - schließt Drosten aus.

Der Virologe empfiehlt einen Blick auf Sars-1, da Arten von Viren oft die gleichen Ursprungswirte hätten. »Man kann davon ausgehen, dass sie denselben Weg nehmen in ihrer Übertragung von Tier zu Tier.« Damals wurden Marderhunde und Schleichkatzen als Zwischenwirte zwischen Fledermaus und Mensch identifiziert; die Fledermäuse gehören zu ihrem Beuteschema. Tatsächlich wurden auf dem als ersten Cluster geltenden Tiermarkt in Wuhan seinerzeit trotz Verbotes Marderhunde für umgerechnet rund 15 Euro pro Kilogramm verkauft, wie aus einer aktuellen Publikation im Fachmagazin »Nature« hervorgeht. Da es sich aber nur um einzelne Tiere handelt, hält der Virologe nicht den Markt für die Quelle, sondern Zuchtbestände, in denen Tausende Tiere gehalten werden. Gerade bei dem brutalen Schlachtvorgang werden Viren aus Lunge und Darm abgegeben. Hierbei könnte Sars-CoV-2 erstmals auf den Menschen übergesprungen seien. Wie leicht es zu einer Epidemie unter Pelztieren kommen kann, zeigte auch der Fall von Nerzfarmen in Dänemark im vergangenen Herbst.

Dem virologisch naheliegenden Verdacht wird in China bisher nicht nachgegangen. Liegt dies daran, dass es sich um einen wichtigen Wirtschaftszweig handelt? Er entstand während der 1980er Jahre, als sich das Land wirtschaftlich öffnete. Die Regierung sah in der Aufzucht von exotischen Tieren eine Möglichkeit, um die Landbevölkerung aus der Armut zu hieven. Vor vier Jahren bot die Branche laut offiziellen Angaben rund 14 Millionen Menschen Arbeitsplätze und generierte einen Umsatz von umgerechnet 66 Milliarden Euro. Fast 50 Milliarden davon fallen auf den Pelzmarkt, der Rest auf Verzehr als Nahrungsmittel.

Die Zustände in der Pelzindustrie sind bis heute katastrophal, wie Tierschützer unlängst publik machten. Aktivisten hatten im November und Dezember vergangenen Jahres 13 Pelzfarmen in China aufgesucht, um ein Schlaglicht auf die leidvollen Zuchtbedingungen zu werfen. In mehreren Betrieben wurden Marderhunde durch Elektroschläge gelähmt, ehe sie einen langsamen Tod starben. Unzählige Tiere waren in Reihen von Gitterkäfigen eingesperrt, keines größer als ein herkömmliches Tiefkühlfach. Und trotz der Covid-19-Pandemie konnten die Aktivisten die Farmen ganz ohne Gesundheitstests oder grundlegende Hygienevorschriften betreten. »Solche Pelzbetriebe haben keinen Platz in einer modernen Gesellschaft. Es ist essenziell, dass wir den Pelzhandel ein für alle Mal beenden«, sagt Kitty Block aus dem Vorstand von »Humane Society International«.

Wofür man es macht
Menschen auf der ganzen Welt setzen sich für eine gerechte Verteilung der Impfstoffe ein - und für das Impfen selbst, sobald es möglich ist

Den Tierschützern ging es natürlich nicht um die Suche nach dem Ursprung des Coronavirus. Aber in ihren Enthüllungen liegt womöglich auch hier Sprengkraft. Denn wenn sich das Szenario Drostens bewahrheitet, wäre die Pandemie wohl zu verhindern gewesen, hätte die chinesische Regierung ihre Lehren aus der Sars-1-Epidemie vor knapp 20 Jahren gezogen und die Pelzindustrie strenger reguliert und kontrolliert. Dass dies offenbar nicht geschah, ist umso erstaunlicher, als die Regierung gegen die Ausbreitung von Sars-CoV-2 relativ schnell äußerst strenge und erfolgreiche Maßnahmen einleitete.

Natürlich ist die Ausbreitung über die Pelzindustrie erst mal nur eine wissenschaftlich begründete Vermutung, die belegt oder auch verworfen werden kann. Doch dafür bräuchte es Untersuchungen chinesischer Wissenschaftler, zu denen Drosten dringend rät. Das anzustoßen, könnte die WHO besser leisten als eine kurze Spurensuche vor Ort.

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