Das ewige Eis schwindet

Expedition »Mosaic« belegt massive Folgen des Klimawandels in der Arktis

  • Kurt Stenger
  • Lesedauer: 3 Min.

»Ich möchte Botschafter der Arktis sein«, sagt die Meereisphysikerin Stefanie Arndt vom Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Bremerhaven. Die Teilnehmerin der Polarexpedition »Mosaic« hat Dramatisches zu berichten: »Das Meereis bildet sich viel später im Jahr und es schmilzt früher als je zuvor.« Gleichzeitig wird es instabiler: 300 Tage brauchte das Schiff »Polarstern« für die 3400 Kilometer lange Drift durch das Nordpolarmeer - bei der »Fram«-Expedition Fridtjof Nansens Ende des 19. Jahrhunderts waren es drei Jahre.

»Mosaic«, die »multidisziplinäre treibende Beobachtungsstation zur Erforschung des Klimas in der Arktis«, stellte mit einem Gesamtbudget von 140 Millionen Euro alle früheren Forschungsprojekte am Nordpol in den Schatten. Mehrere Hundert Wissenschaftler aus 80 Forschungseinrichtungen in 20 Ländern waren beteiligt. Ab September 2019 wurden von der »Polarstern« rund 100 Umweltparameter ständig erhoben. Fast zehn Monate driftete das Schiff, angedockt an eine riesige Eisscholle, durch das Polarmeer.

Bislang fehlten Messungen aus der zen-tralen Arktis, was sich nun geändert hat: Über 150 Terabyte an Daten wurden erhoben und mehrere 10 000 Proben genommen, die ausgewertet werden müssen, wie Expeditionsleiter Markus Rex erläutert. Ziel seien »robustere Klimamodelle« zur besseren Abschätzung der globalen Erwärmung. Es sei der »Versuch, das komplexe Uhrwerk des Klimasystems so genau wie möglich am Computer nachzubauen«.

Am Dienstag wurden nun die ersten Ergebnisse bei einer Pressekonferenz in Berlin vorgestellt. Das Meereis sei noch etwa halb so dick und halb so groß in der Ausbreitung wie zur Zeit Nansens, so Rex. Während des Winters habe es »fast durchgehend um zehn Grad Celsius höhere Temperaturen« gegeben als bei früheren Expeditionen. Doch auch weit oben sind Veränderungsprozesse im Gang: So entdeckte man ungewöhnliche Windmuster in der Stratosphäre. Auch die Hitzewellen des Jahres 2020 in unseren Breiten seien durch die Arktis verstärkt worden, wie der Atmosphärenforscher erläutert. Die Region ist nicht nur als Kühlkammer für das Weltklima bedeutend, sie gilt durch Vorgänge in der Atmosphäre auch als »Wetterküche Europas«.

Eine weitere Beobachtung machten die Forscher: einen schnellen Abbau der Ozonschicht über der Arktis. Damit kehrt ein Thema zurück, das durch das weltweite Verbot von FCKW in den 1990er Jahren eigentlich abgehakt schien. Durch die schwindende Ozonschicht gelangen wieder mehr UV-Strahlen zum Erdboden, was letztlich zu einem Anstieg von Hautkrebs und mehr Todesfällen führen dürfte, wie Rex erläutert.

Gefördert wurde »Mosaic« unter anderem von der Bundesregierung. Forschungsministerin Anja Karliczek (CDU) ließ sich die Gelegenheit nicht entgehen, um die neuen Klimaschutzziele der Koalition zu loben und die Förderung von Umweltschutzforschung durch ihr Haus. So verwies sie auf Projekte zur Untersuchung der CDR-Technologie, mit der das Treibhausgas CO2 aus der Erdatmosphäre entnommen werden soll. Auf Nachfrage eines Journalisten, ob die Regierung nicht mehr für die Senkung der CO2-Emissionen tun sollte, statt sich auf unausgereifte Technologien zu kaprizieren, sprang ihr AWI-Forscher Rex bei: »Wer beides gegeneinander ausspielt, hat die Größe des Problems noch nicht verstanden«, sagte er, bevor ein Seitenhieb folgte: Die Entnahme könne nur eine Ergänzung der Emissionsminderung sein.

»Mosaic«-Leiter Rex hat zudem eine klare Warnung aus der Arktis mitgebracht: »Wir sind kurz davor, einen der wichtigen Kipppunkte des Klimawandels zu erreichen: das Verschwinden des Meereises im Sommer.« Dies könnte dann weitere Kipppunkte in einer »wahren Kaskade« auslösen. Deshalb gelte es jetzt dringend, die Maßnahmen zum Erreichen der Klimaziele zu ergreifen.

Physikerin Stefanie Arndt stellt sich indes auf das wohl Unvermeidliche ein: »Wir sind wohl die letzte Generation, die im Sommer noch Meereisbedeckung beobachten kann.«

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