Mit Marx in eine neue Zeit?

Die Neue Linke in Westdeutschland widmete sich der Theorie – unter anderem in Zeitschriften. Vor 50 Jahren wurde die «Prokla» gegründet, aus den Konflikten ihrer Zeit heraus

  • Von David Bebnowski
  • Lesedauer: 7 Min.
Marxismus ohne Marx: Titelgrafik der 
Ausgabe 72 der »Prokla« aus dem Herbst 1988 – mit Beiträgen von Elmar Altvater, Michael Heinrich und vielen anderen
Marxismus ohne Marx: Titelgrafik der 
Ausgabe 72 der »Prokla« aus dem Herbst 1988 – mit Beiträgen von Elmar Altvater, Michael Heinrich und vielen anderen

Schlagt den SEW-Leuten eins in die Schnauze, immerhin besser als ein bürgerliches Gerichtsverfahren!« Dies war der knappe Kommentar der »Agit 883«, des Kommunikationsorgans der linksradikalen Szene West-Berlins, zu einem Richtungsstreit in der Redaktion der Zeitschrift »Sozialistische Politik« im März 1971. In der »Agit 883« konnte man erfahren, dass die »Mehrheitsfraktion« der Redaktionskonferenz der »SoPo« um die Politikwissenschaftler Elmar Altvater und Bernhard Blanke gegen die »Minderheitsfraktion« um den Sozialwissenschaftler Frank Stern vor Gericht gezogen war, weil letztere sich mit der Gründung einer GmbH die Verfügungsgewalt über die Zeitschrift gesichert hatte. Gegen diesen »Coup d’État« zog die »Mehrheitsfraktion« vor ein »bürgerliches Gericht« und griff damit zu einem Mittel, das man in der linken Szene sonst tunlichst vermied. Als das West-Berliner Landgericht die Klage abwies, musste eine neue Zeitschrift gegründet werden. Im Juni wurde ein erstes Sonderheft veröffentlicht, bevor die Zeitschrift schließlich ab November 1971 in regelmäßiger Reihenfolge erschien. Der Name der Zeitschrift lautete »Probleme des Klassenkampfs«, bald schon wurde sie unter dem handlicheren Kürzel »Prokla« bekannt.

Wie der Kommentar der »Agit 883« zeigte, ging es um mehr als bloße Eigentumsfragen. Tatsächlich hatte die »Minderheitsfraktion« der »SoPo« parallel zu diesen Entwicklungen für die bevorstehende West-Berliner Abgeordnetenhauswahl dazu aufgerufen, für die SEW zu stimmen, die als West-Berliner Vertretung der SED seit 1949 existierte und als politisches Pendant von der Neukonstituierung der DKP im Jahr 1968 profitierte. Solche Konflikte, Spaltungen, Neugründungen und Usurpationen waren nach dem Bedeutungsverlust des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) und dem Ende der Außerparlamentarischen Opposition (APO) zu Beginn der 70er gang und gäbe. Intellektuelle Aktivisten und Aktivistinnen suchten die Verbindung mit dem Proletariat. Kaderorganisationen wie die maoistischen K-Gruppen, aber auch Parteien wurden wie die DKP neu gegründet oder erhielten wie die SEW, und nicht zuletzt auch die SPD, Zulauf.

Marxismus im Westen

Mit der Entwicklung der 70er Jahre geriet die facettenreiche intellektuelle Suchbewegung der Neuen Linken, deren gedankliche und organisatorische Umrisse seit Ende der 50er Jahre auch international in Zeitschriftenprojekten wie »Das Argument« oder »New Left Review« lagen, in die Krise. Der Impuls, sich zwischen den parteipolitischen Linien zu bewegen und den politischen Raum jenseits von Sozialdemokratie und Parteikommunismus zu beleben, versiegte. Die neu gegründete »Prokla« widerstand diesen Impulsen.

Die Redaktion definierte ihre Aufgabe gerade nicht in Bekenntnissen zum Standpunkt des Proletariats, sondern wollte die bürgerliche Gesellschaft genauso intellektuell analysieren und kritisieren wie marxistisch-leninistische Dogmen. Statt revolutionären Versprechen zu folgen, sollten die »Probleme des Klassenkampfs« analysiert werden. Dies sei die »naheliegendste Aufgabe marxistischer Intelligenz«, hieß es.

Dass die »Prokla«, deren Basis vor allem in den sozialwissenschaftlichen Mittelbauten westdeutscher Universitäten lag, sich überhaupt so selbstverständlich als marxistische Intelligenz verstand, war ein direktes Resultat der Aufbrüche der Neuen Linken. Die Redaktion der »Prokla« bestand vornehmlich aus Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Otto-Suhr-Instituts an der Freien Universität Berlin und der dortigen »Sozialistischen Assistentenzelle«. Die Redaktionsmitglieder hatten ihre politische Prägung während der zurückliegenden Jahre in SDS und APO erfahren und vertraten nun selbstbewusst marxistische Positionen. Als direktes Resultat der Aufbrüche der Neuen Linken war dieser »akademische Marxismus« ein historisches Novum an den traditionell konservativen Universitäten Westdeutschlands.

Stamokap oder Ableitungsmarxismus

Der Marxismus beinhaltete ein Wahrheitsversprechen. Arbeit an der Marx’schen Theorie wurde als Beitrag zur politischen Positionsbestimmung und damit als Bestandteil der politischen Praxis begriffen. Die Debatten wurden mit einem entsprechend heiligen Ernst geführt. Die Autorinnen und Autoren der »Prokla« wie Elmar Altvater, Bernhard Blanke, Bernd Rabehl, Christel Neusüß, Rudi Schmidt und Wolfgang Müller versuchten in ihren vielfach auch in Redaktionskollektiven verfassten und präzise sezierenden politökonomischen Beiträgen, Ansätze für eine unorthodoxe Linke zu liefern.

In den zeittypischen Begriffen hieß dies, dass die »Prokla« sich selbst als »antirevisionistisch« verstand. Das »revisionistische« Lager umfasste in erster Linie K-Gruppen, DKP/SEW - aber auch jenen Flügel der SPD-Jusos, der offen mit der DKP sympathisierte und in Hochschulparlamenten mit dem DKP-Verband MSB Spartakus paktierte. Die deutlichste Grundlage hierfür lieferte die auf Lenin zurückgehende Theorie des Staatsmonopolistischen Kapitalismus. Die Stamokap-Theorie besagte, dass das Kapital über den Staat verfüge und diesem revolutionär die Macht entrissen werden müsse, damit der Staat sozialistisch umfunktioniert werden könne, bevor er schließlich im Kommunismus absterben würde.

Die »Prokla« bezog hingegen als Hauptvertreterin des »Ableitungsmarxismus« Stellung. Grundlage dieser marxistischen Strömung bildete die Überzeugung, dass politische Institutionen - wie der Staat -, Phänomene und Akteure - etwa Parteien oder Gewerkschaften - untrennbar ins Kapitalverhältnis verwoben waren. Mit ihnen konnten zwar in einem gewissen Umfang Freiheiten erkämpft werden, revolutionäre Umgestaltungen erlaubten sie indes nicht. Das Vertrauen in den Staat müsse deshalb zwangsläufig in solchen Erstarrungen des Sozialismus resultieren, die in den Staaten des real existierenden Sozialismus beobachtet werden konnten.

Auf diese Weise hatte sich die »Prokla« Platz nach allen Seiten verschafft und entwickelte eine flexible marxistische Theorie. In diese waren Vorstellungen des einflussreichen trotzkistischen Theoretikers Ernest Mandel - der wiederum ein besonders enges Verhältnis zu Elmar Altvater pflegte, der ohne Frage die prägende Kraft der Redaktion war - ebenso eingeflossen wie Analysen osteuropäischer Dissidenten. Durch ihre Betonung der begrenzten politischen Veränderungsmöglichkeiten innerhalb der kapitalistischen Institutionen wurde die »Prokla« auch zu einem Forum für die Regulationstheorie, in der die Kräfteverhältnisse zwischen Kapital und Arbeit als historische Etappen wie beispielsweise dem Fordismus analysiert wurden.

Suchbewegung in der Neuen Linken

Die neulinke Haltung der »Prokla« setzte dabei die Suche nach Kräften fort, die auf der Grundlage des marxistischen Koordinatensystems potenziell revolutionär in die Gesellschaft eingreifen könnten. Schon zu Beginn der 70er Jahre hatte die Zeitschrift Verbindungen mit dem kampagnenförmig organisierten »Sozialistischen Büro« um dessen Cheftheoretiker Oskar Negt gesucht. Im weiteren Verlauf hatte die »Prokla« schließlich vergleichsweise geringe Probleme damit, sich den Neuen Sozialen Bewegungen zu öffnen. Tatsächlich entwickelte sie sich zu einem Organ, in dem die Ökologie nicht als außerhalb des Kapitalverhältnisses stehender »Nebenwiderspruch« behandelt, sondern mit marxistischen Ansätzen in Verbindung gebracht wurde. Ausdruck dessen war unter anderem Elmar Altvaters Anregung, die aktuellen Debatten um den Einfluss des Menschen auf die Erdgeschichte nicht unter dem Stichwort des Anthropozäns, sondern des Kapitalozäns zu führen.

Zum Zeitpunkt dieser Äußerungen hatte Altvater die Redaktion allerdings bereits verlassen. Als er 2006 seinen Austritt erklärte, sprach er davon, dass ein Projekt der »68er-Generation« an sein Ende gekommen sei. Dies traf insofern den Punkt, als dass die Liaison von Marxismus und Universitäten sich auch deshalb erschöpft hatte, weil die nachhaltige Verankerung und Institutionalisierung marxistischer »Schulen« kaum gelungen war. Auch glichen die politischen Konfliktlagen denen der 60er und frühen 70er Jahre kaum mehr. Im Laufe der Zeit hatte die »Prokla« diesen Veränderungen in ihrem Layout Rechnung getragen. Aus der »Zeitschrift für politische Ökonomie und sozialistische Politik« war eine »Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft« geworden, wie der Untertitel zeigte.

Und trotzdem wäre es falsch, die »Prokla« in ihrer 50-jährigen Geschichte als eine Chronik des Niedergangs und Verfalls linker Aspirationen zu begreifen. Der Anspruch, kritische und vielfach noch immer marxistische Wissenschaft und Theorie zu betreiben, ist eine bleibende Errungenschaft der Neuen Linken. So war und ist die »Prokla« mit ihrer politökonomischen Ausrichtung ein wichtiger Kristallisationspunkt für jüngere marxistisch orientierte Wissenschaftler und Theoretiker. Sie bleibt wichtig für eine engagierte linke Wissenschaft, die die Verbindung zu linken Bewegungen sucht. Und mit »SEW-Leuten« wird sich dabei heute niemand mehr auseinandersetzen müssen.

Die Ausgabe 200 der »Prokla« vom Herbst 2020 ist zu »Problemen des Klassenkampfs - heute« erschienen. Die aktuelle Ausgabe 203 widmet sich dem Thema »Die USA vor, nach und mit Trump«. Von David Bebnowski erscheint demnächst seine Promotion »Kämpfe mit Marx. Neue Linke und akademischer Marxismus in den Zeitschriften ›Das Argument‹ und ›Prokla‹ 1959-1976«.

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