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  • Nachwuchsarbeit in Dänemark

Jeder kann Fußball spielen

Dänemark trifft im EM-Viertelfinale auf Tschechien: Seine Erfolgsgeschichte ist auch in einer inklusiven Nachwuchsarbeit begründet

  • Von Jirka Grahl, Kopenhagen
  • Lesedauer: 4 Min.

Ganz Dänemark hofft an diesem Samstag auf eine Fortsetzung des Fußballmärchens, das mit dem Herzstillstand von Christian Eriksen im Auftaktspiel gegen Finnland so dramatisch begann, nun aber schon bis ins Viertelfinale dieser 16. Europameisterschaft geführt hat - in die Begegnung mit Tschechien im Olympiastadion von Baku. 1000 Fans sind in die Stadt am Kaspischen Meer gereist, um ihr Team anzufeuern.

Als Vater des unverhofften Erfolgs feiern die Dänen Trainer Kasper Hjulmand: 49 Jahre alt, einst auch mal kurz Bundesligatrainer beim FSV Mainz 05, seit Sommer 2020 Chefcoach beim nationalen Verband Dansk Boldspil-Union (DBU). Ruhig und mit klarem Kopf hat er die dänische Nationalmannschaft in die Runde der letzten Acht geführt. In Mainz hatte man dem Taktik-Nerd noch vorgeworfen, seine Spieler emotional nicht zu erreichen - vermutlich, weil er auch in einer Niederlagenserie immer ruhig und gefasst blieb. Nach acht Monaten musste er 2015 gehen, viele Mainzer Spieler bedauerten es, gerade weil sie ihn für menschlich so kompetent hielten. Die dänischen Fußballer von heute lieben ihn: »Er ist für mich ein richtig guter Trainer, aber dazu auch ein Freund der Spieler«, so Joakim Maehle.

Dass es die Generation um Maehle und Co. nun schon bis in dieses Viertelfinale der Überraschungsmannschaften geschafft hat, führt der Kopenhagener Jesper Jacobsen auch auf Hjulmands Nachwuchsphilosophie zurück. Jacobsen, 37, ist bei der DBU der Hauptverantwortliche für den Kinderfußball. Auch er ist voller Respekt für Hjulmand: Der sei nicht nur ein begnadeter Coach, sondern eben auch der Mitbegründer der neuen dänischen Fußballphilosophie, die Jacobsen gegenüber »nd.DieWoche« in einem Satz zusammenfasst: »Jeder kann Fußball spielen!«

Konkret heißt das: Jedes Kind kann in einem Klub mitspielen, unabhängig davon, wie weit seine fußballerischen Fähigkeiten schon entwickelt sind. »Bei uns wird bis zur U14 nicht in erste, zweite und dritte Mannschaft unterteilt, sondern die Kinder trainieren alle zusammen«, so beschreibt es Kinderfußballkoordinator Jacobsen. Das Kind stehe im Mittelpunkt. Dänemarks Verband muss sich zumindest auf dem Land um Nachwuchs bemühen: Dort gibt es viele gut ausgestattete Fußballplätze, aber zu wenig Nachwuchs.

Genau anders herum ist es in Großstädten wie Kopenhagen. Dort mangelt es nicht an fußballwilligen Kindern, sondern an Fußballplätzen, die Wartelisten der Klubs sind lang. Mittlerweile haben sich die Vereine eine neue Strategie überlegt. Bei Nørrebro United etwa kommen die Trainer direkt auf die kleinen umzäunten Hartplätze, die oft in den Hinterhöfen von Sozialwohnsiedlungen liegen. Die Kinder müssen dann quasi nur kurz das Haus verlassen, schon sind sie bei ihren Trainern. Kommt es zu Spielen gegen andere Kopenhagener Vereine, werden die kleinen Spielerinnen und Spieler zwar durchaus nach Leistungsstärke in verschiedene Teams sortiert, um keinen Frust zu erzeugen. »Aber das Resultat ist am Ende nicht so wichtig«, so Jacobsen. »Das Spiel soll wie eine Fortführung des Trainings sein.« Ist es den Kinder etwa egal, ob sie gewinnen oder verlieren? »Nein, nein. Darauf achten die schon genau. Aber die Trainer geben dem Ergebnis nicht so große Bedeutung. Wir wollen, dass sich die Kids weiterentwickeln. Deswegen gibt es auch bis zur U9 keine Tabellenwertung.«

310 000 organisierte Fußballer waren Ende 2020 Mitglied bei einem Verein der DBU - bei 5,8 Millionen Einwohnern. Dass die Nationalmannschaft bei der EM so stark aufspielt, werde für einen zusätzlichen Run auf die Fußballklubs führen, glaubt Jacobsen. Insofern hat Chefcoach Kasper Hjulmand auf zweierlei Wegen für neue DBU-Mitglieder gesorgt: Schließlich ist er der Co-Autor des Buches »Holdning og handlinger« (Haltung und Handlung) von 2006, auf dessen Ideen in den vergangenen 15 Jahren die Nachwuchsphilosophie des Verbandes entwickelt wurde.

Die Jugendnationalmannschaften Dänemarks schlagen sich mittlerweile wacker, etliche der Viertelfinalspieler vom Samstag standen 2015 im Halbfinale der U21-EM, so zum Beispiel der Leipziger Yussuf Poulsen. »Ja, wir erreichen auch mit den Eliteteams im Nachwuchs gute Resultate«, freut sich Jesper Jacobsen. Doch für den Kinderfußball-Koordinator der DBU ist das nur von geringer Bedeutung: »Mir ist nicht wichtig, ob unsere Besten große Erfolge landen. Ich will erreichen, dass von den 150 000 Kindern, die gerade spielen, 150 000 als Erwachsene weiterspielen. Weil sie es lieben und weil es ihnen Spaß macht.«

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