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Zwischen Shoah und Alltag

Das Jüdische Filmfestival Berlin Brandenburg zeigt vielfältiges jüdisches Leben – zum ersten Mal ohne Gründerin Nicola Galliner

  • Von Kira Taszman
  • Lesedauer: 5 Min.

Trauerfeiern sind per Definition keine freudigen Angelegenheiten. Doch was Danielle in dem Spielfilm »Shiva Baby« bei einer jüdischen Schiv’a erlebt, die für eine verstorbene Verwandte stattfindet, ist Albtraum pur. Der jungen Frau laufen in den vor Trauergästen überbordenden Räumlichkeiten sowohl ihre Ex-Freundin Maja als auch ihr aktueller älterer Liebhaber Max über den Weg. Die Spannung zwischen den Dreien erreicht ihren Höhepunkt, als Max’ nichtjüdische Ehefrau auftaucht.

»Shiva Baby« von Emma Seligman ist der Eröffnungsfilm des diesjährigen Jüdischen Filmfestivals Berlin und Brandenburg (JFBB). Das preisgekrönte Kammerspiel beleuchtet mit einiger Komik eine US-amerikanische jüdische Community von innen und offenbart eine allgegenwärtige Klaustrophobie. Man ist aufeinander angewiesen und tratscht doch genüsslich über andere Gäste - wie die blonde Schickse und ihr schreiendes Baby. Verwicklungen mit erotischen SMS und aufgeflogenen Geheimnissen enden buchstäblich wie symbolisch in einem Scherbenhaufen. Dennoch glimmt am Schluss ein Fünkchen Hoffnung für die liebenswerte Heldin.

Hoffnung machen sich auch die neuen Betreiber des Festivals, die in diesem Jahr das Erbe von Nicola Galliner, der Gründerin und langjährigen Leiterin des größten jüdischen Filmfestivals in Deutschland, antreten. Die Geschäftsführer des Festivals sind Doreen Goethe und Andreas Stein, die auch dem Filmfestival Cottbus vorstehen. Kuratiert wurde das JFBB 2021 von einem fünfköpfigen Gremium, dem Bernd Buder (Programmdirektor in Cottbus) und der Filmemacher Arkadij Khaet (»Masel Tov Cocktail«) angehören.

Die Tradition des Festivals, jüdisches Leben auf der Leinwand in all seinen Facetten abzubilden, möchten die Kuratoren wahren. Buder erklärt: »Es geht um eine Vielfalt an Produktionsländern, an Themen, an Dramaturgien, an Protagonistinnen und Protagonisten und an verschiedenen Genres. Darum, dass auch Thriller dabei sind oder familientaugliche Filme.«

Dennoch fällt auf, dass in diesem Jahr im Vergleich zu vergangenen JFBB-Jahrgängen sich auffallend viele Spiel- und Dokumentarfilme mit dem Themenkomplex der Shoah beschäftigen. So erzählt das deutsch-israelische Drama »Plan A« von Doron und Yoav Paz ein kaum bekanntes Kapitel der Nachkriegszeit. Der Shoah-Überlebende Max (August Diehl) plant mit Leidensgenossen, das Trinkwasser der Stadt Nürnberg zu vergiften. Der Film reflektiert über Leid, Rache und die Verzweiflung der jüdischen Überlebenden in einer von Tätern und Mitläufern dominierten Gesellschaft, auch wenn er ästhetische Schwächen aufweist.

»Es geht beim JFBB sicherlich viel um die Shoah, weil sie ein elementarer Teil von jüdischen Biografien ist«, bestätigt Arkadij Khaet. Doch viele Filme handelten auch von jüdischer Identitätssuche, Migration oder Flucht: »Wir sind ein jüdisches Filmfestival, aber präsentieren einen palästinensischen Film wie ›200 Meters‹, weil er auch mit jüdischen Lebensrealitäten zu tun hat.« Überhaupt wolle man Erwartungen und Vorurteile - so setzen viele Leute jüdische mit israelischen Filmen gleich - beim JFBB durchbrechen. Khaet sagt: »Mir ist ganz wichtig, eine Diversität zu zeigen und nicht nur das, was viele Leute für jüdischen Film und jüdisches Leben halten, nämlich Shoah, Israel, Antisemitismus. Die israelische Vater-Sohn-Geschichte ›Here We Are‹ von Nir Bergman hat zum Beispiel gar nichts mit dem Nahostkonflikt zu tun.«

Wie immer beim JFBB finden sich in der Sektion Dokumentarfilm etliche sehenswerte Werke. So handelt »Schocken« von Noemy Schory von dem deutsch-jüdischen Kaufmann Salman Schocken, der Anfang des 20. Jahrhunderts in Deutschland eine Kette von Kaufhäusern gründete, die speziell für Arbeiter gedacht waren. Andererseits erwies er sich auch als großer Sammler von Judaica und rettete seine umfassende Bibliothek von Autoren aus aller Welt ins Exil nach Palästina.

Wie auch im letzten Corona-Jahr läuft das JFBB 2021 analog und online. Einige Filme können aufgrund eines Verwertungsstaus bereits gedrehter Filme im Internet nicht gezeigt werden. Bernd Buder: »Es ist nachvollziehbar, dass Produzenten und Lizenzinhaber von Filmen, die einen Verleihstart vor sich haben, keine bundesweite Onlinepräsenz wollen. Doch insgesamt sind wir glücklich, dass circa die Hälfte des Programms online angeboten wird.« Bei Kino- und Open-Air-Vorführungen ist wegen des Gesundheitskonzepts die Zuschauerzahl begrenzt. Auch werden wohl nicht alle Gäste aus Israel wie geplant einreisen, denn ab dem 11. August stünde für sie nach ihrer Rückreise eine Quarantäne an.

Mit einem Straßenschild auf Jiddisch wollte der Künstler Sebestyén Fiumei an die Vergangenheit des Berliner Scheunenviertels erinnern. Dann entfernte das Bezirksamt sein Werk. Ein Gespräch über die Grenzen der deutschen Erinnerungskultur.

Ein weiteres Highlight des JFBB ist das Podiumsgespräch in der Reihe »Jüdische Erfahrung im Kalten Krieg: deutsch-polnische Zeitreise und filmhistorischer Vergleich anlässlich 75 Jahre Defa«, das mit dem Jüdischen Filmfestival Warschau organisiert wurde. Deren Kuratorin Lihi Nagler, die Filmwissenschaftlerin Lisa Schoß und Kornel Miglus vom Polnischen Institut Berlin diskutieren am 15.8. über Spielfilme mit jüdischer Thematik in der DDR und Polen - über Interessenlagen, Tabus und Entwicklungen.

Das Jüdische Filmfestival Berlin Brandenburg findet vom 12.8. bis 22.8. in Berlin, Potsdam und online statt. Infos unter: www.jfbb.info

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