Entschlossene Lokführer

Studie zeigt schärfere Tarifauseinandersetzungen nach erstem Coronajahr

  • Markus Drescher
  • Lesedauer: 4 Min.

Die Ansage der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) an die Deutsche Bahn ist unmissverständlich: Streik. Der dann bereits dritte in der derzeit laufenden Tarifauseinandersetzung. Und der längste. Im Güterverkehr beginnt der Ausstand laut GDL an diesem Mittwoch um 17 Uhr. Im Personenverkehr und der Infrastruktur, auf deren Beschäftigte die Gewerkschaft ihre Organisierungsbemühungen auch im Hinblick auf die konkurrierende Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) mittlerweile ausgeweitet hat, wird die Arbeit ab Donnerstag 2 Uhr niedergelegt. Der Arbeitskampf soll dann am 7. September um 2 Uhr enden. Damit sind von dem Streik nicht nur Pendler und Reisende unter der Woche betroffen, sondern auch am kommenden Wochenende. Das noch dazu ein Rückreisewochenende ist, in Sachsen und Thüringen fängt in der kommenden Woche die Schule wieder an.

Sprechen die dann bald drei Streiks schon eine deutliche Sprache, lassen auch die Wortgefechte von GDL-Chef Claus Weselsky und der Bahnspitze keinen Zweifel daran, dass sich hier zwei Parteien derzeit ziemlich unversöhnlich gegenüberstehen - und die GDL wild entschlossen ist, sich sowohl gegenüber dem Konzern zu behaupten wie auch sich im Bemühen um neue Mitglieder scharf von der EVG abzugrenzen und diese zu attackieren.

So wirft die GDL der Bahn vor, »in voller Absicht an ihrem strikten Verweigerungskurs« festzuhalten und damit »ganz bewusst wirtschaftliche Nachteile und die Belastung der Reisenden in Kauf« zu nehmen. Ziel der Bahn sei es, die GDL - Achtung Seitenhieb Richtung EVG - »als einzig kritische Gewerkschaft im Eisenbahnmarkt zu eliminieren«. Für Weselsky wollten die Bahn-Manager »mit inhaltsleeren Scheinofferten und fadenscheinigen Desinformationskampagnen willfähriger Politiker« die Gewerkschaft »diskreditieren«, so der GDL-Vorsitzende. Er zeigte sich zudem unbeeindruckt vom Agieren der Gegenseite: »Hätten die hochbezahlten Führungskräfte nicht so eine kurze Halbwertzeit im Konzern, wüssten sie, dass der GDL und ihren Mitgliedern damit nicht beizukommen ist.«

Für die Bahn wiederum »überzieht die Spitze der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer mit ihrer Ankündigung einer dritten Streikwelle völlig«, da der Streik »durch nichts gerechtfertigt« sei. »Aus organisationspolitischem Kalkül« - sprich wegen ihrer Konkurrenz zur EVG - mache die GDL »sowohl Kund*innen als auch Mitarbeitende zu Opfern ihrer Machtinteressen«, so die Bahn. Die GDL solle unverzüglich wieder die Verhandlungen aufnehmen.

Die Gewerkschaft fordert eine Lohnerhöhung von 3,2 Prozent sowie eine Corona-Prämie von 600 Euro und bessere Arbeitsbedingungen. Die Bahn hat ein Angebot über 3,2 Prozent mehr Lohn auf den Tisch gelegt, will die Stufen aber später umsetzen. Besonders umstritten ist die Tariflaufzeit. Die GDL will eine Laufzeit von 28 Monaten, das Bahnangebot liefe auf 40 Monate hinaus. Der Konzern hat zudem Verhandlungen über eine Corona-Prämie angeboten, ohne allerdings konkrete Zahlen hierzu zu nennen.

Nun ist die derzeitige Auseinandersetzung ob der durch das Tarifeinheitsgesetz angeheizten Konkurrenzsituation der beiden Bahngewerkschaften und der prinzipiellen großen Bereitschaft der GDL zum Arbeitskampf mit Sicherheit eine besondere Tarifauseinandersetzung. Doch haben sich laut einer Analyse des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in diesem Jahr die Tarifauseinandersetzungen im Vergleich zum Vorjahr generell verschärft: »Während die Tarifverhandlungen im Jahr 2020 unter dem Einfluss der Corona-Pandemie überaus harmonisch geführt wurden, zeichnet sich im laufenden Jahr eine Trendwende ab. Die Konfliktbereitschaft hat im ersten Halbjahr 2021 spürbar zugenommen«, heißt es in der am Dienstag vorgestellten Studie.

Weselsky: »Wir werden immer stärker« - GDL-Vorsitzender Claus Weselsky sieht die Gewerkschaft auf gutem Weg zur Vertretung aller Eisenbahner und rechnet mit weiteren Streiks

Das IW führt dies darauf zurück, dass »nach dem Maßhalten 2020, in dessen Rahmen es den Gewerkschaften vor allem um Beschäftigungssicherung ging«, im zweiten Corona-Jahr »wieder die Lohnentwicklung in den Mittelpunkt der Tarifverhandlungen gerückt« sei. Und auch für die Zukunft prophezeit das IW mit den Auseinandersetzungen bei der Bahn, im Einzelhandel, im Bankgewerbe und bald bei den Tarifverhandlungen im Öffentlichen Dienst der Länder ein hohes Konfliktpotenzial.

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