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Brutale Menschen, brutale Natur

Der Regisseur Václav Marhoul hat für seinen Film »The Painted Bird« den gleichnamigen Roman von Jerzy Kosiński adaptiert

  • Von Nicolai Hagedorn
  • Lesedauer: 4 Min.
Das Kind (Petr Kotlár) hat keine Chance zu entkommen und flieht stattdessen in eine Fantasie- und Traumwelt.
Das Kind (Petr Kotlár) hat keine Chance zu entkommen und flieht stattdessen in eine Fantasie- und Traumwelt.

Um den Roman »The Painted Bird« aus dem Jahr 1965 von Jerzy Kosiński ranken sich manche Mythen und Dubiositäten. So musste Kosiński einräumen, dass es sich bei den beschriebenen Vorgängen nicht, wie zuvor von ihm behauptet, um Autobiografisches handelt, auch gab es Zweifel an seiner Urheberschaft überhaupt.

Nun hat der tschechische Regisseur Václav Marhoul den Stoff adaptiert - sein Film »The Painted Bird« erhielt unter anderem 2019 eine Nominierung für den Goldenen Löwen in Venedig und kommt diesen Donnerstag in die deutschen Kinos.

Marhoul bezieht sich nur teilweise auf Kosińskis Plot und erspart dem Publikum die krassen Gewaltdarstellungen der Romanvorlage weitgehend, allerdings dürften diese auch kaum angemessen verfilmbar sein. Der immer noch sehr brutale, knapp dreistündige Film erhielt hierzulande eine Freigabe ab 18.

Film und Roman zeigen die Barbarei einer osteuropäischen dörflichen Gesellschaft während des Zweiten Weltkrieges. Geprägt von mittelalterlichem Aber- und Geisterglauben, Religiosität und tradiertem Antisemitismus lassen die Bewohner der Dörfer angesichts der Besetzung durch die faschistischen Deutschen alle Zurückhaltung fahren und misshandeln den fremden Achtjährigen (Petr Kotlár) brutal, den sie »Zigeunerjuden« nennen und der auf der Flucht vor den Nazis nach Schutz und Obdach sucht. Das Kind ist mehrmals gezwungen, Reißaus zu nehmen.

Kosińskis detaillierte Beschreibungen der Quälereien und Misshandlungen, die bis zu nackter Folter reichen, werden in dem Roman als Erinnerungen des Ich-Erzählers präsentiert und wirken entsprechend stark. Die meisten Dörfler werden als durch und durch amoralische, dümmliche und sadistische Brutalos dargestellt. Das Kind hat keine Chance zu entkommen; es flieht stattdessen in eine Fantasie- und Traumwelt, die es neben seiner tatsächlichen Reise durch die Dörfer eine zweite erleben lässt und es über Aberglauben, Ablasshandel mit Gott und einen Pakt mit dem Bösen schließlich in die Befreiung durch Stalinismus und Militarismus führt.

Letzteres aufgrund der Erfahrung, dass die in Polen ankommenden siegreichen Rotarmisten für das Kind erstmals so etwas wie zivilisatorischen Schutz bedeuten. Doch auch die Soldaten werden mit ihren autoritär-sozialistischen Vorstellungen, ihrem Führerkult und ihrer Selbstjustiz von Kosiński als gute Vorbilder letztlich verworfen.

Metaphorisch setzt die Romanvorlage stark auf Naturbilder, die das Geschehen begleiten, besonders stark in dem Bild des titelgebenden Vogels, der zunächst von dem Jungen und einem seiner Gastgeber bemalt und bald darauf von seinen Artgenossen wegen seiner Andersartigkeit gnadenlos getötet wird.

Dieses Setting übernimmt Marhoul grundsätzlich und bemüht sich, die psychische Verwahrlosung des Heranwachsenden sichtbar zu machen - durch die filmische Entschärfung verliert das aber an Schlagkraft. Auch die extreme Verzweiflung des Kindes und seine innere Flucht bekommt Marhoul kaum zu fassen, ebenso wenig die politische Dimension. Insbesondere der Sinti-, Roma- und Judenhass, der bei Kosiński für die Dörfler ihre Schandtaten legitimiert, spielt im Film kaum eine Rolle - eine mindestens fragwürdige Entscheidung.

Dennoch: Auch wenn Kosińskis Geschichte Marhoul nur als vage Vorlage dient und er vieles darin nicht adäquat übersetzt, dies auch gar nicht versucht, ist ihm ein beeindruckender Film gelungen. Die Figuren sind weitgehend entmenschlicht, es wird kaum gesprochen, praktisch nie mitgefühlt. Marhoul präsentiert darüber hinaus die Schönheit der Natur, das Beeindruckende der Landschaft, die Wälder, die Tiere, all das also, was in keiner völkischen Ideologie als Heimatsymbolik fehlen darf, als Boden für animalische Gemeinheit, ganz explizit etwa in dem Bild einer Teenagerin, die sich von einem Ziegenbock penetrieren lässt, um dem Jungen, mit dem sie zuvor sexuelle Handlungen versucht hatte, zu zeigen, wie es richtig geht.

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Das Kind hat auch sonst bei seinen Wanderungen die Wahl zwischen den Gefahren eines Lebens in der auf Dauer tödlichen »freien« Natur und den Übergriffen der Dorfbauern bzw. den Vernichtungszügen der Nazis. So führt »The Painted Bird« die häufig verklärte Naturschönheit und -reinheit in beeindruckenden Schwarz-Weiß-Bildern als konsistente Kulisse für den perversen Dorffaschismus vor. Gleichzeitig retten die Dörfler dem Jungen das Leben, indem sie ihn nicht töten oder den »zivilisierten« Deutschen ausliefern. Auch diese bedrückende Dialektik entgeht dem Film nicht.

»The Painted Bird«: Tschechien/Ukraine/Slowakei 2019. Regie, Drehbuch, Produzent: Václav Marhoul nach dem gleichnamigen Roman von Jerzy Kosiński. Mit: Petr Kotlár, Udo Kier, Stellan Skarsgård, Harvey Keitel, Julian Sands, Barry Pepper. 169 Min. Start: 9. September.

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