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  • Klimagerechtigkeitscamp

Jede Zelle ist voll aktiv

Die Klimabewegung macht sich warm für die anstehenden Wahlen und Koalitionsverhandlungen

  • Von Louisa Theresa Braun
  • Lesedauer: 5 Min.
Klima-Aktivistin Michelle Grunwald (Mitte) und ihre Freund*innen machen mit einem Flashmob vor dem Brandenburger Tor auf ihre Forderungen aufmerksam.
Klima-Aktivistin Michelle Grunwald (Mitte) und ihre Freund*innen machen mit einem Flashmob vor dem Brandenburger Tor auf ihre Forderungen aufmerksam.

Routiniert klickt Michelle Grunwald sich am Aktionslaptop durch die Internetwache der Berliner Polizei, um einen spontan für den Abend am Brandenburger Tor geplanten Tanz-Flashmob anzumelden. Im Infozelt des Klimagerechtigkeitscamps stapeln sich Mehrfachstecker und Batterien, die mit einer großen Solarzelle verbunden sind, die vor dem Zelt in der Sonne glitzert. Hier werden Grunwald und andere Klima-Aktivist*innen in den kommenden Wochen die anstehenden Aktionen planen, mit denen sie auf die Bedeutung der Klimakrise für die Wahlen und die Koalitionsverhandlungen aufmerksam machen wollen.

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Schon am dritten Tag des Klimacamps, das seit Montag auf der Wiese am Haus der Kulturen der Welt im Berliner Regierungsviertel aufgebaut ist, macht sich Schlafmangel bemerkbar. Am Vortag hat Grunwald hier bis drei Uhr in der Nacht gearbeitet. »Ich bin die ganze Zeit unter Strom. Es wird sehr anstrengend, das Camp Tag und Nacht zu halten«, sagt die 23-jährige Studentin, während sie noch schnell den Schichtplan für den nächsten Tag durchgeht.

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Ein Yoga-Workshop hat schon angefangen, als sie ihr Tuch neben zwölf Mitstreiter*innen ausbreitet, die hier ein bisschen zu entspannen versuchen. »Wir sind nur im Hier und Jetzt«, erklärt der Yoga-Lehrer, nachdem er mit einer Atemübung die Chakren durchgegangen ist. Michelle Grunwald schüttelt vehement den Kopf. »Ich habe an alles gedacht, was ich noch tun muss«, sagt sie anschließend. Und das ist so einiges: über Instagram zum Flashmob mobilisieren, eine Schulklasse durch das Camp führen, eine dauerhafte Stromversorgung und die Demo am Freitag organisieren, an zahlreichen Plena teilnehmen und sich darum kümmern, dass Aufgaben verteilt werden. Grunwald ist Ansprechpartnerin für fast alles.

Vom Weltschmerz zum Empowerment

»Nach so langer Zeit des Aktivismus ist die Motivation oft fast schon am Ende, aber Michelle hat so viel Energie und schafft es immer wieder, uns zu bestärken«, sagt Helene Freitag, die sich wie Grunwald bei Fridays for Future Berlin engagiert, über ihre Freundin. Hinter dem Engagement verbirgt sich »ein krasser Weltschmerz«, wie Grunwald es nennt, über die Ungerechtigkeit in der Welt. Für sie alle ist das Klimathema emotional. »Ich wäre heute nicht hier, wenn ich nicht eine gewisse Wut in mir hätte«, sagt Lena Hess. Wut, vor allem auf die momentane Regierung, die die Klimakrise noch immer nicht ernst genug nimmt. »Aber seit ich in der Welt des Aktivismus drin bin, macht mich nichts anderes mehr glücklich«, so Hess weiter. »Es ist wie eine Droge, mit der man nicht mehr aufhören will«, überlegt Clara Duvigneau, die mit 19 Jahren zu den jüngsten Aktivist*innen in der Gruppe gehört.

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Das Vollzeit-Engagement strengt die jungen Menschen sichtlich an, doch das gemeinsame Ziel schweißt auch zusammen. Mit dem Klimacamp haben die Aktivist*innen sich einen Ort des gegenseitigen Empowerments geschaffen, an dem sie Pläne schmieden und für eine Weile ihr Leben teilen werden. Selbst diejenigen, die wie Grunwald, Freitag, Hess und Duvigneau in Berlin leben, haben ihre Zelte im Camp aufgeschlagen, werden Online-Uni und Homeoffice vor Ort machen.

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Michelle Grunwald arbeitet als Werkstudentin bei Enertrag, einem Unternehmen für erneuerbare Energien, in der Wasserstoffforschung. Im Oktober beginnt ihr klimawissenschaftlicher Masterstudium »Climate, Earth, Water, Sustainability« an der Uni Potsdam. »Ich möchte die Dinge, für die ich als Aktivistin kämpfe, auch verstanden haben und etwas tun, das gebraucht wird«, sagt sie. Auch die Klimabewegung habe in den vergangenen Jahren schon viel erreicht. »Durch unsere Proteste hat das Klimathema enorm an Zuspruch gewonnen. Ich glaube, dass die Regierung Angst vor uns hat«, sagt Grunwald.
Das Klimacamp scheint die Energien zahlreicher junger Menschen wie ihr zu bündeln. Am Nachmittag stellt sich die vegane Solidarische Landwirtschaft Plantage aus Frankfurt (Oder) auf der Bühne neben dem Infozelt vor – »da hab’ ich im Winter auch schon mal mitgemacht, da gab es ganz viel Kohl«, erzählt Grunwald, als sie ein paar Minuten Zeit zum zuhören hat.

Wenig später wird eine Gruppe der Fahrradprotestbewegung Ohne Kerosin nach Berlin (OKNB) mit Applaus im Camp empfangen. Fast drei Wochen haben die 40 Aktivist*innen auf ihren Rädern verbracht, um von Karlsruhe bis hierher zu fahren und so für eine nachhaltige und sozial gerechte Verkehrswende zu protestieren. »Es ist ziemlich krass, jetzt hier zu sein. Es fühlt sich gar nicht so an, als ob ich gerade über 1000 Kilometer Fahrrad gefahren bin«, sagt Vera Sons von der OKNB-Südwest-Tour. Nachdem ihre Gruppe ihre Zelte aufgebaut hat, verdoppelt sich deren Anzahl schlagartig auf etwa 60 Stück. Zum Abendprogramm sind fast 200 Personen im Klimacamp.

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Fast alle nehmen am Flashmob-Tutorial teil. Inga Thao My Bui, eine Aktivistin aus Mainz, macht auf der Bühne die Tanzschritte vor, auch Michelle Grunwald und ihre Freund*innen tanzen mit. Als die Performance sitzt, brechen über hundert Aktivist*innen mit Demoschildern und neuer Energie zum Brandenburger Tor auf, wo sie ihre Forderungen tanzend unter den Passant*innen verbreiten und Richtung Reichstagsgebäude rufen: »Climate Justice!« (Klimagerechtigkeit!) Auch für solche Momente lohne sich die viele Arbeit: »Bei den Flashmobs krieg’ ich immer Gänsehaut«, sagt Grunwald. Die eigentliche Arbeit geht jedoch erst los. Das Klimagerechtigkeitscamp soll solange bleiben, wie die Aktivist*innen es für nötig befinden, gemäß dem Motto: »Wir bleiben, bis ihr handelt!«

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