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Junglehrer verzweifelt gesucht

Zahl der klassischen Referendariate an Berlins Schulen massiv eingebrochen

  • Von Rainer Rutz
  • Lesedauer: 4 Min.
Lehrkräfte gesucht: Beim Berlin-Tag wirbt die Berliner Bildungsverwaltung Jahr für Jahr um Nachwuchs für das pädagogische Personal.
Lehrkräfte gesucht: Beim Berlin-Tag wirbt die Berliner Bildungsverwaltung Jahr für Jahr um Nachwuchs für das pädagogische Personal.

An Berlins Schulen gibt es immer weniger »klassische« Lehramts-Referendare und -Referendarinnen. Das geht aus einer Antwort der Senatsbildungsverwaltung auf eine Schriftliche Anfrage der Linke-Abgeordneten Regina Kittler hervor, die »nd« exklusiv vorab vorliegt.

Zwischen 2019 und 2021 sackte die Zahl der Einstellungen in den herkömmlichen 18-monatigen Vorbereitungsdienst auf den Lehrerberuf am Ende des jeweiligen Schuljahres demnach von 551 auf 427 ab - ein Einbruch um fast 25 Prozent. Nicht viel besser sieht es bei den Halbjahreseinstellungen aus. Wurden zum Februar 2020 noch 494 Absolventinnen und Absolventen eingestellt, waren es in diesem Jahr nur noch 417.

»Das dürfte auch auf Corona zurückzuführen sein«, sagt Linke-Politikerin Kittler zu »nd«. Die Bildungspolitikerin der Linksfraktion verweist in diesem Zusammenhang auf die monatelangen Schließungen der Universitäten, die viele Studierende dazu bewogen hätten, lieber noch ein Semester dranzuhängen. Insgesamt müsse man aber auch feststellen, dass die Ausbildungsbedingungen für angehende Lehrkräfte in Berlin zu wünschen übrig lassen. »Ich weiß von jungen Kolleginnen, die pausenlos unterwegs sind, weil die unterschiedlichen Seminarorte über die komplette Stadt verteilt sind«, so Kittler.

»Die Belastung für die Referendarinnen und Referendare ist tatsächlich immens«, bestätigt Tom Erdmann von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Nicht nur, dass sie wie Seiteneinsteigende angesichts der angespannten Personalsituation »zunehmend als Lückenfüller« dienen. »Es gibt auch einfach vor Ort viel zu wenig Unterstützung, weil die Schulen schlichtweg alle Hände voll zu tun haben, die Seiteneinsteigenden anzuleiten«, sagt Berlins GEW-Chef zu »nd«.

Wie die Zahlen der Bildungsverwaltung auch zeigen, bewegen sich die Abbrecherquoten im regulären Schulvorbereitungsdienst mit unter fünf Prozent zwar in einem niedrigen Bereich. Zugleich entscheiden sich jüngere Lehrkräfte immer häufiger gegen eine anschließende Beschäftigung in Vollzeit. So arbeiteten zuletzt mehr als ein Drittel der unter 40-Jährigen in Teilzeit oder stundenweise. Auch hierfür macht die Bildungsexpertin der Linksfraktion die Ausbildungsbedingungen wenigstens mitverantwortlich. »Die jungen Kolleginnen und Kollegen sind nach dem Referendariat im doppelten Sinne fertig, die kommen schon ausgelaugt aus der Ausbildung«, sagt Kittler.

Immerhin: Wie die langjährige Mathematiklehrerin auf Basis der Daten ausgerechnet hat, bleiben 86 Prozent der Absolventinnen und Absolventen nach bestandener Staatsprüfung in Berlin. Für Regina Kittler wie auch GEW-Chef Tom Erdmann ein Beleg, dass die seit Monaten durch den Wahlkampf wabernde Behauptung nicht stichhaltig ist, wonach es nach der Ausbildung eine Art Massenflucht in andere Bundesländer gebe, weil Berlin als einziges Land seine Lehrkräfte nicht mehr verbeamtet (»nd« berichtete).

Statt über die Wiedereinführung der Verbeamtung zu schwadronieren, sollte sich die Bildungs- und Hochschulpolitik des Landes besser Gedanken machen, wie sich die Lehrkräfteausbildung hochfahren lässt. Eigentlich hatte sich der Senat zum Ziel gesetzt, bis 2022 jährlich mindestens 2000 neue Lehrkräfte an den Hochschulen auszubilden. Tatsächlich machten 2019 nur rund 920 Studierende einen Lehramts-Master. Für 2020 liegen der Bildungsverwaltung auch nach neun Monaten »noch keine vollständigen Meldungen vor«, wie es in der Antwort auf Kittlers Anfrage heißt. Gewerkschafter Erdmann geht nicht davon aus, dass die Zahlen im vergangenen Jahr rosiger aussahen. »Insgesamt hat Rot-Rot-Grün bei der Lehrkräftebildung eben eine ziemliche Bruchlandung hingelegt«, so sein Fazit zum Ende der Legislatur.

Im Haus von Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) sieht man das anders. »Sowohl der Rückgang bei den Referendariaten als auch die Zahl der Masterabschlüsse hängen auch mit der Pandemie zusammen«, sagt Scheeres’ Sprecher Martin Klesmann zu »nd«. Der Bildungsverwaltung sei klar, »dass es perspektivisch einen großen Einstellungsbedarf gibt«. Auch deshalb habe man den aktuell stattfindenden Berlin-Tag, Deutschlands größte Bildungs-, Informations- und eben Werbemesse im Bereich Bildung, erstmals auf eine ganze Woche ausgeweitet. Noch bis zum Freitag sollen auf diese erweiterte Weise Nachwuchskräfte und Quereinsteigende für Schulen, Kitas und Jugendämter gewonnen werden. »Wir werben auf allen Kanälen«, so Klesmann.

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