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Kampf gegen jahrhundertealte Stereotype

Eine Fachtagung in Berlin beschäftigt sich mit Strategien gegen Antiziganismus im Bildungsbereich

  • Von Maximilian Breitensträter
  • Lesedauer: 3 Min.
Die Geschichte der Sinti und Roma wird an deutschen Schulen de facto ignoriert.
Die Geschichte der Sinti und Roma wird an deutschen Schulen de facto ignoriert.

Wie häufig Estera Stan im Klassenzimmer und auf dem Schulhof schon das »Z-Wort« gehört hat, kann sie nicht sagen. »Das Z-Wort ist in meinem Schulalltag allgegenwärtig«, sagt sie. Lehrer*innen benutzen den rassistisch konnotierten Begriff »Zigeuner«, wenn sie über Angehörige der Roma und Sinti sprechen, Mitschüler*innen verwenden ihn, um sich gegenseitig zu beschimpfen.

»Es ist schon krass, dass die gar nicht merken, was für eine entmenschlichende Fremdbezeichnung die damit immer wieder reproduzieren«, sagt Stan, eine selbstbewusste Berliner Romni, die in die zwölfte Klasse geht. Seit einiger Zeit engagiert sich die junge Frau in dem Projekt »Wir Sind Hier! Bildungsprogramm gegen Antiziganismus« des Berliner Vereins RomaTrial und spricht bei Workshops mit Gleichaltrigen über ihre Identität als Romni und räumt mit gängigen Vorurteilen und Klischees auf.

»Ich möchte meine Erfahrungen weitergeben und den Menschen erklären, was es heißt, als Rom*nja und Sinti*zze heute in Berlin und Deutschland zu leben«, sagt Estera Stan. Aus ihrer Sicht ist einer der wesentlichen Gründe, warum sich die jahrhundertealten Stereotype bis heute hartnäckig halten, dass Antiziganismus im Bildungssystem keine Rolle spielt und auch die Geschichte der beiden Bevölkerungsgruppen praktisch nie Thema im Schulunterricht wird. »Wir sind bis auf wenige Ausnahmen unsichtbar«, konstatiert Stan.

Zu diesem Schluss kommt auch die von der Bundesregierung eingesetzte Unabhängige Kommission Antiziganismus. Eine »Selbstreflexion des Bildungssystems hinsichtlich des darin verankerten institutionellen Rassismus« gegenüber Roma und Sinti bleibe aus, heißt es in einem Bericht, der im Mai erschienen ist. Als besonderes Problem in der Schule wird die Nichtbehandlung von Antiziganismus und der (Verfolgungs-)Geschichte von Sinti und Roma in Lehrplänen und Schulbüchern bezeichnet.

Der Verein RomaTrial will sich mit diesem Status quo nicht abfinden. An diesem Mittwoch lädt die Organisation zu einer Fachtagung zum Themenkomplex Antiziganismus im deutschen Bildungssystem nach Berlin ein. »Wenn Rom*nja und Sinti*zze in Deutschland einen erfolgreichen Bildungsweg absolvieren, passiert das trotz der Schule, nicht wegen ihr«, sagt Veronika Patočková, Projektleiterin bei RomaTrial und eine der Organisatorinnen der Fachtagung. Systematische Stigmatisierung und Alltagsrassismus seien für Angehörige der beiden Bevölkerungsgruppen an der Tagesordnung.

Auch Patočková kritisiert, dass in Unterrichtsmaterialien weder Antiziganismus als gesellschaftliches Problem noch die Geschichte und gegenwärtige Situation von Roma und Sinti eine Rolle spielen: »Antiziganismus bleibt vor diesem Hintergrund im deutschen Bildungssystem absolut unterbelichtet.« Hinzu komme, dass es Lehrkräften an einer Sensibilisierung für das Thema mangele, so dass antiziganistische Vorfälle im Klassenraum gar nicht als solche erkannt werden. »Nicht selten sind Lehrer*innen unbewusst und ungewollt auch selbst Träger*innen antiziganistischer Ressentiments«, sagt Patočková. Die Lehrkräfteausbildung rassismuskritisch und kulturell sensibler zu gestalten, ist aus ihrer Sicht neben der Forderung nach einer inhaltlichen Überarbeitung der Lehrpläne und Schulbücher eine der zentralen Strategien im Kampf gegen strukturellen Antiziganismus in der Bildung. »Es ist noch ein weiter Weg, aber ich bin mir sicher, dass wir von der Antirassismusarbeit auf anderen Gebieten lernen können«, so Patočková.

Estera Stan wird bei der Tagung dabei sein. Ihr ist nicht nur der Austausch über den Kampf gegen Antiziganismus, Antisemitismus und Rassismus wichtig. Solche Veranstaltungen seien zudem wie »ein Safe space«, ein sicherer Ort, sagt sie.

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