Sichtbar gegen Ignoranz

In Hamburg findet die erste Bi+ Pride Deutschlands statt

  • Von Paula Balov
  • Lesedauer: 6 Min.

»Vor allem Cis-Männer machen komische Kommentare, wenn sie erfahren, dass ich bisexuell bin.« Das erzählt Melina Seiler. »Dann heißt es schnell: Geil, lass uns einen Dreier haben.« Mit dieser Form der Sexualisierung hat die Autorin und Journalistin oft zu kämpfen. Es sei »schon fast Standard«, dass weibliche Bisexualität mit sexueller Verfügbarkeit gleichgesetzt wird. Trotzdem ist nur wenigen Menschen diese spezifische Diskriminierung bewusst.

Um das zu ändern, engagiert sich Melina Seiler seit 2018 als queer-feministische Aktivistin und klärt in Workshops über bisexuelle Belange auf. Seit einem Jahr steckt sie all ihre Energie in die Planung der »Bi+ Pride« in Hamburg – dem ersten bi-spezifischen CSD Deutschlands. Die Bezeichnung »Bi+« oder »Bi Plus« nutzen Aktivist*innen als Überbegriff für alle Menschen, die sich sexuell oder romantisch zu mehreren Geschlechtern hingezogen fühlen. Das Plus ist dabei ein Platzhalter für weitere Identitäten wie pansexuell, biromantisch oder heteroflexibel.

Am 25. September wird die Demo mit Redebeiträgen, DJs und zwei Lautsprecherwagen durch die Hamburger Innenstadt ziehen. Der Start der »Bi+Pride« ist allerdings schon früher: am 23. September, dem internationalen Tag der bisexuellen Sichtbarkeit. Für dieses Datum ist an verschiedenen Orten in Deutschland das Hissen der bisexuellen Pride-Flagge in den Farben Pink, Lila und Blau angedacht, zum Beispiel an der Universität Hamburg oder am Rathaus Schöneberg in Berlin. Darüber hinaus werden im Laufe der Woche online und offline Workshops stattfinden - zu Themen wie Empowerment für Migrant*innen und People of Color oder ein Flyer-Workshop für Bi-Aktivist*innen.

Die Idee für die Aktion entstand nach dem Vorbild aus West Hollywood: Hier fand 2018 erstmals eine Bi-Pride statt. Der Bi-Aktivist und Lehrer Frank Thies schloss sich Ende 2020 mit weiteren Menschen zusammen, um ein solches Event auch in Deutschland umzusetzen. Aktuell rechnet das Orga-Team mit 400 bis 500 Teilnehmenden. »Es ist das erste Event dieser Art. Natürlich wird das kein CSD mit 20.000 Leuten«, sagt Thies.

Wie Schwule und Lesben erleben auch Bisexuelle Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung und verstehen sich als Teil der gleichen Community. Das »B« wird im Akronym LGBTIQ meist mitgenannt – aber oft nicht mitbedacht, wie Melina Seiler kritisiert: »In queeren Kreisen merke ich schnell, dass ich das Thema immer wieder ansprechen muss, da es sonst komplett ausgeklammert wird.« Paradox ist daran, dass Bisexuelle den größten Anteil der LGBTIQ-Community ausmachen, aber gleichzeitig eine der unsichtbarsten queeren Minderheiten bilden.

»Natürlich sehen wir uns als Teil des Regenbogens«, betont Frank Thies. Deshalb sind viele der Forderungen der »Bi+ Pride« deckungsgleich mit denen der LGBTIQ-Community: Die Abschaffung des Transsexuellengesetzes, die Berücksichtigung von sexueller und geschlechtlicher Identität im Grundgesetz Artikel 3 und die Aufhebung des Blutspendeverbots für queere Männer und trans Personen.

Auf der anderen Seite gebe es aber noch weitere, kaum diskutierte bi-spezifische Themen: Bisexuelle Geflüchtete, die aufgrund ihrer sexuellen Orientierung verfolgt werden, hätten beispielsweise - verglichen mit Schwulen und Lesben - schlechtere Chancen auf Asyl. Außerdem würden sich Bisexuelle insgesamt seltener outen. Das habe laut Thies auch etwas mit der fehlenden Akzeptanz in der queeren Szene zu tun: »Viele fühlen sich in der LGBTIQ-Community nicht willkommen. Auch junge Menschen empfinden sie nicht immer als Safe Space.«

Diese doppelte Diskriminierung im heteronormativen und queeren Umfeld sei einer der Hauptgründe, weshalb ein explizit bisexueller CSD überfällig war. Typische Erfahrungen sind die Negierung oder Abwertung von Bisexualität, meint Frank Thies: »Oft kommen Sprüche wie 'Ach, du wirst schon noch feststellen, dass du eigentlich schwul bist.' Wer da tatsächlich unsicher ist, wird natürlich noch weiter verunsichert.«

Auch Melina Seiler hat solche Erfahrungen machen müssen. Wenn sie in queeren Kreisen ihre Bisexualität erwähnte, kam es vor, dass sie sich »innerhalb von Sekunden in einem Kreuzverhör« befand. Sie wurde über ihre Dating-Geschichte ausgefragt oder musste sich für ihre Selbstbezeichnung rechtfertigen, erzählt sie gegenüber »nd«. Häufig wird mit dem Begriff Bisexualität das binäre Geschlechtermodell assoziiert. Eine typische Annahme ist, dass Bisexuelle nichtbinäre Menschen prinzipiell ausschließen würden. Die meisten Bi-Gruppen, so auch die Organisator*innen der »Bi+Pride«, verstehen die Identität jedoch als inklusiv und Bisexuelle als »Menschen, die sich romantisch und/oder sexuell zu mehr als einem Geschlecht angezogen fühlen können.«

Ein weiteres Problem ist das Stigma, das der Bisexualität anhaftet: Sie gilt oft als unreif oder wird mit Untreue, häufig wechselnden Partner*innen und der Verbreitung von HIV und Geschlechtskrankheiten in Verbindung gebracht. Einige Menschen verinnerlichen diese Vorurteile und richten sie gegen sich selbst – auch Melina kennt das Problem: »Obwohl ich Bi+Aktivistin bin, erwische ich mich immer wieder dabei, wie ich mich selbst in Frage stelle oder denke, dass ich nicht queer genug bin. Aber das stimmt natürlich nicht.«

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Unter anderem eine Studie des »Australian Research Centre in Sex, Health and Society« hat bei Bisexuellen ein erhöhtes Risiko für psychische Krankheiten festgestellt. Bislang gibt es keine vergleichbaren Studien, die die Situation spezifisch in Deutschland beleuchten. Deshalb ist eine der Forderungen der »Bi+ Pride«, die »finanzielle Förderung der Forschung von und über bi+ Menschen« und das »Bewusstsein über bi+spezifische Gesundheits- und Gesellschaftsprobleme« zu stärken.

Dazu gehört auch das Thema Gewalt gegen Bi-Frauen: Im Vergleich zu heterosexuellen und lesbischen Frauen werden Bi-Frauen häufiger Opfer von häuslichen und sexualisierten Übergriffen. Zu diesem Ergebnis kam eine Studie des US-amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention. Als Grund wird vor allem die Fetischisierung vermutet, der Bi-Frauen ausgesetzt sind. Auch hier fehlen Studien zu der Lage in Deutschland.

Dass nun zum ersten mal ein CSD speziell für bisexuelle Belange in Deutschland stattfindet, ist ein Meilenstein für die Bi+ Community. Diese ist allerdings nicht erst jetzt politisch geworden: »Auch die Bi-Bewegung wird unsichtbar gemacht«, sagt Frank Thies. »Kaum jemand kennt Brenda Howard, die nach den Stonewall-Riots den ersten CSD weltweit organisiert hat.« Außerdem waren auch einige Vorreiter*innen der queeren Bewegung wie Sylvia Rivera bisexuell, was jedoch oft unerwähnt bleibt.

Auch deshalb sei es so wichtig, Bisexualität sichtbar zu machen. Das Ziel der Initiative ist es, die »Bi+ Pride« von nun an jedes Jahr stattfinden zu lassen. »Die queere Community muss an einem Strang ziehen«, findet Melina Seiler. »Damit es für die nachfolgende Generationen von Bi+Menschen besser wird.«

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