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»Mir steht alles zu«

Im ungarischen Dokumentarfilm »Das Glück zu leben« erzählt die Auschwitz-Überlebende Éva Fahidi mit einer Tanzperformance ihre Lebensgeschichte

  • Von Norma Schneider
  • Lesedauer: 5 Min.

Als Kind hat sie nur für sich selbst getanzt. Sie ging heimlich ins Schlafzimmer der Eltern, stellte sich vor den großen Spiegel, zog sich aus und begann sich zu bewegen. Denn wirklich tanzen kann man nur nackt, sagt Éva Fahidi. Heute tanzt sie noch immer. Für die 95-jährige ungarische Jüdin bedeutet der Tanz nicht mehr nur die Erfahrung des eigenen Körpers. Sondern auch einen Zugang zu ihren Erinnerungen, zu schönen genauso wie zu schrecklichen und traumatischen. Fahidi wurde als 18-Jährige nach Auschwitz-Birkenau deportiert, sie überlebte das KZ als Einzige in ihrer Familie.

In zahlreichen Zeitzeugengesprächen und der Autobiografie »Die Seele der Dinge« hat Fahidi ihre Geschichte schon viele Male erzählt. Als die Regisseurin und Choreografin Réka Szabó das Buch liest, ist sie so beeindruckt, dass sie mit Fahidi zusammenarbeiten will. Als Tanzperformance sollen ihre Erinnerungen einen anderen, noch intensiveren Ausdruck erhalten als im gedruckten oder gesprochenen Wort. Fahidi ist einverstanden. Zusammen mit der 60 Jahre jüngeren Tänzerin Emese Cuhorka entwickeln sie ein Tanztheaterstück, das seit fünf Jahren regelmäßig aufgeführt wird. Der Dokumentarfilm »Das Glück zu leben« erzählt von der Entstehung des Projekts und begleitet den monatelangen Probenprozess bis zur Premiere.

Fahidi ist die Hauptfigur des Stücks und gleichzeitig selbst Regisseurin und Choreografin. Gemeinsam mit der jüngeren Tänzerin sucht sie nach Bewegungen, die zu ihr und ihrer Erinnerung passen. Während der Proben erzählt sie von ihrer Vergangenheit - mit Worten und mit dem Körper. Zuerst ist es ein behutsames Annähern an das Erlebte, ein Vortasten in die Kindheit, die traumatische Gefangenschaft und die Zeit danach. Im Verlauf der Proben wird es intensiver und Fahidi mutiger in ihrem Ausdruck. Es gibt Szenen, die treiben den Frauen die Tränen in die Augen.

Zwischen der älteren und der jüngeren Tänzerin entwickelt sich eine sehr schöne Form des Zusammenspiels. Es sind zwei Körper, die sich gemeinsam bewegen, sich dabei wohlfühlen und frei sind. Wenn man ihnen zusieht, spürt man das große Vertrauen und die Nähe zwischen ihnen. Cuhorka ist oft eine Stütze für Fahidi und setzt das um, was der ältere Körper nicht mehr schafft. Trotzdem gibt es keine Hierarchie zwischen ihnen, ihr Tanz ist ein Duett, das mehr Dialog ist als Gleichklang. Die Regisseurin Szabó, die auch selbst im Film zu sehen ist, ist beeindruckt vom Zusammenspiel der beiden: »Wenn ich euch ansehe, spüre ich ein ganzes Leben«, sagt sie in der Szene, in der Fahidi und Cuhorka gemeinsam das junge Mädchen sind, das unbekümmert vor dem Spiegel tanzt.

Zu Beginn der Proben muss Fahidi sich erst daran gewöhnen, das eigene Gewicht der anderen zu überlassen, loszulassen und zu vertrauen. Denn gelernt, mit anderen zu tanzen, sich von ihnen halten, heben und auffangen zu lassen, hat Fahidi nie. Sie ging nicht wie die anderen Mädchen in ihrer Schule zum Ballettunterricht. Weil die Mutter meinte, nur ein Dromedar wäre in der Lage, das groß gewachsene Mädchen hochzuheben. Das hat Fahidis gutem Gefühl für den eigenen Körper aber keinen Abbruch getan.

Es ist inspirierend, wie sich Fahidi auch mit über 90 in ihrem Körper wohlfühlt und selbstbewusst mit ihrer Weiblichkeit spielt. Sie erzählt, dass sie sich Lidstrich und Augenbrauen tätowieren lassen hat, damit diese beim Schminken nicht verschmieren. Sie will besser aussehen als ihre Altersgenossinnen, die sich noch selbst schminken, obwohl sie viel zu schlecht sehen. Éva Fahidi ist eine wunderschöne Frau, und zum Glück zeigt der Film ihren alternden Körper ohne Scheu.

Dass Fahidi so gerne die eigene Weiblichkeit betont, hat auch mit den schrecklichen Erfahrungen der Gefangenschaft zu tun. Im Konzentrationslager war sie umgeben von dreckigen, stinkenden nackten Frauenkörpern. Cuhorka fragt vorsichtig nach, ob das von den Männern ausgenutzt worden sei, diese zusammengepferchten nackten Frauen. Fahidi verneint. Eine Gefangene in Birkenau »sieht nicht aus wie ein Mensch, geschweige denn wie eine Frau«. Sich schön zu machen, bedeutet für Fahidi auch, sich so weit es geht von diesem unmenschlichen Zustand zu entfernen. Allerdings hat sie ihre Haare nie wieder so lang getragen wie als Jugendliche. Nachdem ihr in Auschwitz die Haare abrasiert worden waren, hatte sie keine Lust mehr dazu.

Es ist erschütternd, was Fahidi erzählt. Die Deportation im Zug ohne Wasser und Toilette, die Selektion im Lager, wo sie von ihrer Familie getrennt wird. Die Leichenberge in den Gaskammern. In Cuhorkas Armen erinnert sie sich an ihre kleine Schwester Gilike, die für sie immer das elfjährige Mädchen bleiben wird, das nach ranzigen Haselnüssen riecht. Bewegt von diesen Erzählungen, fragt die Jüngere, wie Fahidi das alles überleben konnte. »Man muss immer überzeugt sein, dass es gut ist, am Leben zu sein«, sagt sie. Denn die Existenz selbst sei euphorisch. Diese Euphorie, am Leben zu sein, das »Glück zu leben«, man spürt es in diesem Film. Éva Fahidi hat das Leben wirklich ausgekostet. »Wenn man schon mal aus Auschwitz-Birkenau wiederkommt, dann fühlt man, dass einem das zusteht«, sagt sie. »Mir stand alles zu. Mir steht alles zu.«

Réka Szabó hat ein kraftvolles Porträt einer beeindruckenden und wunderschönen Frau geschaffen, erschütternd und gleichzeitig voller Lebensfreude. In der letzten Szene ihres Tanzes hält die junge Tänzerin die Ältere an den Beinen fest, zieht sie auf Rollen durch den Raum, und Éva Fahidi, voller Vertrauen und Leichtigkeit, breitet ihre Arme aus und fliegt.

»Das Glück zu leben«: Ungarn 2019. Regie: Réka Szabó. Mit: Éva Fahidi und Emese Cuhorka. 83 Min. Start: 30. September.

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