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Wo ist bloß der richtige Satz?

Mit »Nevermore« erkundet Cécile Wajsbrot den Verlust

  • Von Fokke Joel
  • Lesedauer: 4 Min.

Das Übersetzen ist, wie Cécile Wajsbrot schreibt, keine exakte Wissenschaft, sondern »ein immer neu nicht zum Scheitern, aber zur Unvollkommenheit verdammter Versuch«. Bereits der Titel eines Buches kann da zur Herausforderung werden. Als »La promenade au phare« (Der Spaziergang zum Leuchtturm) wurde der Titel von Virginia Woolfs Roman »To the Lighthouse« beispielsweise ins Französische übersetzt. Das kurze, entsprechendere »Zum Leuchturm«, wie Woolfs Roman von 1927 in der neuesten deutschen Übersetzung heißt, ist im Französischen nicht möglich. Aber »kann man eine Fahrt auf dem Meer Spaziergang nennen«? Am Ende wählt Wajsbrot »Voyage au phare« - Reise zum Leuchtturm -, »auch wenn ›Reise‹ ein bisschen übertrieben scheint für eine einfache Überfahrt, einen Ausflug«.

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Cécile Wajsbrot: Nevermore. A. d. Franz. v. Anne Weber. Wallstein, 229 S., geb., 20 €.

Die französische Autorin und Übersetzerin lässt in ihrem neuen Roman eine Ich-Erzählerin von diesem Ringen um die richtigen Wörter, den richtigen Satz, aber vor allem den richtigen sprachlichen Rhythmus erzählen. Mit einem Stipendium abgesichert, quartiert sich ihre Protagonistin in einer Pension in Dresden ein. »Mein Vorschlag war angenommen worden, die Kohärenz, die ich meiner Idee versucht hatte zu verleihen - Virginia Woolf in Dresden zu übersetzen, einen Text über die Verwüstungen der Zeit in einer einst vom Krieg verwüsteten Stadt -, hatte überzeugt.« In ihrem kleinen Zimmer oder, wenn ihr danach ist, in einem nahe gelegenen Café, beginnt sie, Satz für Satz Woolfs Roman zu lesen und nach einer möglichst genauen französischen Entsprechung zu suchen.

Der eigentliche Grund aber, Paris zu verlassen, ist ein anderer. Es ist der Tod einer nahestehenden Freundin, einer Schriftstellerin, mit der sich die Erzählerin häufig getroffen hat. Nevermore, nie mehr, kann sie die Freundin wieder treffen - vor dieser Tatsache flieht sie in die Arbeit und die fremde Stadt. Doch bald erkennt sie, dass eine solche Flucht nicht möglich ist, dass der Verlust »ein ständiger Begleiter ist, der treue Schatten, der uns folgt und auf eine Gelegenheit wartet, sich unserer zu bemächtigen«. Und »dass er zugleich Freund und Feind ist und uns nicht in Frieden lassen wird«. Der Aufenthalt in Dresden wird zur Trauerarbeit, zur Akzeptanz des Realitätsprinzips.

Die assoziativen Verknüpfungen, die von der Übersetzungsarbeit angeregten Themen, machen die Begründung, in Dresden »To the Lighthouse« übersetzen zu wollen, sinnfällig. Virginia Woolfs Roman ist ja bereits Ausdruck von etwas anderem, ebenjenen »Verwüstungen der Zeit«, mit denen vor allem der Erste Weltkrieg gemeint ist.

Ein guter literarischer Text ist mehrdeutig, lässt Assoziationen in viele Richtungen zu. Wie in einem Traum führt Wajsbrot die Zusammenhänge in »Nevermore«, in ihrer Interpretation von Woolfs Roman zusammen. Die einzelnen Sätze aus dem Original werden mit Übersetzungsvorschlägen verbunden, die dann fließend in Assoziationen übergehen.

Die verlassenen Gebäude auf der Insel, auf der im Roman der Leuchtturm steht, erinnern die Erzählerin an einen Dokumentarfilm über Prypjat, eine verlassene Stadt in der verbotenen Zone um Tschernobyl. Gleichzeitig hat die Überfahrt in Woolfs Roman etwas von einer Unterweltsfahrt, einer Fahrt ins Reich der Toten. Es sind die zurückgelassenen Dinge, die wie Schatten von den ehemaligen Besitzern der Häuser zeugen.

»Nevermore« ist ein Buch über den Verlust. Cécile Wajsbrot führt ihre Erzählerin, die wohl viel mit ihr selbst gemein hat, durch das Dresden der Gegenwart, das ihr gleichzeitig fremd und bekannt vorkommt. Sie führt sie durch den Roman von Virginia Woolf, zu ausgewählten Sätzen, die sie zu übersetzen versucht, zu Wörtern, die zu anderen Wörtern führen. Der Leser, der sie dabei begleitet, gerät unmerklich in eine Stimmung der Melancholie, die von Wajsbrots Übersetzerin, Anne Weber, wunderbar ins Deutsche übertragen wurde. Es ist ein Gefühl, das den Verlust ausdrückt und - das ist vielleicht das Beste, was Literatur kann - auch für den Leser einen wie auch immer gearteten Verlust erträglicher macht.

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