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Das Geschäft mit dem Müll

Die ghanaisch-deutsche Filmproduktion »Borga« zeigt den Wahnsinn des Kapitalismus

  • Von Nicolai Hagedorn
  • Lesedauer: 4 Min.

In der ghanaischen Stadt Accra liegt eine von der dortigen Bevölkerung Sodom genannte gigantische Elektroschrott-Müllhalde, auf der Abfälle der weltweiten kapitalistischen Überproduktion landen. Unter katastrophalen Arbeitsbedingungen und mit teils offenen, hochgiftigen Feuern holen dort Arbeiter und Arbeiterinnen Metallteile aus den Geräten, um sie zu verkaufen. Viele von ihnen sind Minderjährige. Der Regisseur York-Fabian Raabe dokumentierte 2013 in seiner Kurz-Doku »Sodoms Kinder« den Tagesablauf zweier Freunde, die auf der Müllkippe arbeiten. Einer von ihnen heißt Kojo, und dies ist auch der Name des Protagonisten in Raabes Spielfilm-Regiedebüt »Borga«, der jetzt in die deutschen Kinos kommt.

Als Borgas werden in Ghana Einheimische bezeichnet, die es in einem der kapitalistischen Zentren zu Reichtum gebracht haben und die dann in ihre Heimat zurückkehren. Der kleine Kojo hat genau dieses Ziel, er will nach Deutschland und ein reicher Borga werden.

Zunächst zeigt der Film die Konflikte des Kindes mit dem gestrengen Vater und dessen tradierten Autoritätsvorstellungen, aber auch die schlimmen Lebensumstände der Familie zwischen der gesundheitsgefährdenden und unwürdigen Arbeit auf der Müllhalde und der bitteren Armut. Später, bereits als Jugendliche, entscheiden Kojo und ein Freund, die Flucht nach Deutschland zu wagen. Der zweite Teil des Films zeigt dann den weiteren Weg Kojos in Mannheim, wo er zunächst als Obdachloser lebt, später in kleinkriminelle Geschäfte verwickelt wird, ehe er mit anderen selbst ins Elektroschrottgeschäft einsteigt und dabei hilft, alte Geräte nach Ghana zu verschiffen.

Raabes Film besteht aus vielen Sequenzen, die tatsächlich oft wirken, als seien sie mehr dokumentarisch als fiktiv, er beschreibt teilweise mehr ein gesellschaftliches Problem, als dass er eine Geschichte erzählt. Dieser didaktische Eifer ist manchmal etwas ermüdend. Aber die Aufzählung skandalöser Zustände, die sich in den Erlebnissen des jungen schwarzen Flüchtlings in einem oft losen, unfertig wirkenden Plot spiegeln und zueinanderfinden, ergeben letztlich ein fragmentarisches Porträt eines gewissermaßen »typischen« afrikanischen Flüchtlings, das als fesselnder Kinofilm auch durchaus funktioniert und beim diesjährigen Filmfestival Max Ophüls Preis Jury und Publikum begeistern konnte. Der Film wurde dort zum besten Spielfilm gewählt.

»Borga« nimmt dabei durchgehend eine schwarze Perspektive ein, die beiden einzigen relevanten weißen Figuren sind reine Nebenfiguren, ein schmieriger Schrotthändler und die von Christiane Paul gespielte Mittvierzigerin Lina, in die sich Kojo verliebt und mit der er eine Beziehung beginnt.

Schließlich kehrt er als Borga nach Ghana zurück, wodurch neue Konflikte entstehen, sein Auftritt führt zu Begehrlichkeiten und durch seine Verwicklung in die Müllgeschäfte zieht er den Hass der Bewohner seines Viertels auf sich, was schließlich zu einem Mordversuch durch einen wütenden Mob führt.

»Borga« ist ein sympathischer, engagierter Film. Raabes erfreulich ungewohnte Erzählweise tendiert aber leider dazu, arg dick aufzutragen. Um der Sache Tiefe und Dramatik zu verleihen, werden einige Elemente so plakativ und ohne rechte Bindung zu der eigentlichen Geschichte eingebaut - etwa zwei Todesfälle, aber auch der Mordversuch wären Beispiele dafür -, dass sie mehr den Erzählfluss stören, als die gewünschte Wirkung zu erzielen. Sie tragen dazu bei, dass der Film etwas überladen wirkt.

Dennoch ist »Borga« sehenswert, Eugene Boateng als Kojo ist ein starker Sympathieträger, überhaupt fällt das spielfreudige Ensemble auf. Raabe beharrt trotz aller Schweinereien, die er in »Borga« zeigt, auf einer optimistischen Perspektive und der Möglichkeit, dass inmitten schrecklicher Umstände Menschlichkeit und Solidarität möglich sind. Wo sich menschliche Konflikte der Figuren lösen lassen, lässt Raabe die Verbrechen des waltenden kapitalistischen Systems unrelativiert und ungelöst als solche stehen. Nicht nur bei der Darstellung dieses Kontrastes setzt der Film stringent auf Realismus.

»Borga«: Deutschland, Ghana 2021. Regie: York-Fabian Raabe. Buch: York-Fabian Raabe, Toks Körner. Mit: Eugene Boateng, Christiane Paul, Lydia Forson u. a. 104 Min. Start: 28. Oktober.

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