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»Glaubt mir, meine Hände zitterten nicht«

Achim Doerfer über jüdischen Widerstand und jüdische Racheakte nach der Shoah

  • Von Karlen Vesper
  • Lesedauer: 8 Min.
Ein US-Leutnant und ein deutscher Kriminalist untersuchen eine Bäckerei in Nürnberg nach einem Giftanschlag auf SS-Männer
Ein US-Leutnant und ein deutscher Kriminalist untersuchen eine Bäckerei in Nürnberg nach einem Giftanschlag auf SS-Männer

Waren die Vergeltungsakte jüdischer Widerstandskämpfer nach der Shoah an den einstigen Peiniger, Verfolgern, Mördern, den kleinen und großen Nazis, legitim? Ja, sage ich. Ohne Wenn und Aber. Juristen mögen bedenklich den Kopf wiegen. Nicht so Achim Doerfer, Anwalt in Göttingen, der seine Antwort freilich mit Bedacht wählt. Er räumt ein, dass es sich bei der Liquidierung von SS- und Gestapoangehörigen, aber auch NS-Kollaborateuren, etwa durch Mitglieder der Jüdischen Brigade, einer in den Reihen der Royal Army kämpfenden Einheit, die sich hauptsächlich aus Freiwilligen aus dem damaligen britischen Mandatsgebiet Palästina rekrutierte, eigentlich um terroristische Anschläge gehandelt habe, er diese aber durchaus verstehen kann und verteidigen würde.

»Es gab in der Nachkriegszeit kein staatliches Gewaltmonopol zugunsten der Juden«, erläutert der Nachfahre von Shoah-Überlebenden (Jg. 1965) im »nd«-Gespräch. »Und wenn ein Staat die Mörder nicht strafrechtlich zur Verantwortung zieht, im Gegenteil, die Täter schützt - dann kann ich nachvollziehen, wenigstens teilweise die millionenfachen Morde mit eigener Hand zu sühnen.«

Doerfer will eine Blindstelle in der deutschen Historiographie wie auch Erinnerungskultur ausmalen. Im Mittelpunkt seines beeindruckenden wie berührenden Buches steht die wohl aktivste jüdische Rächerorganisation Nakam, Kürzel für Dam Yehudi Nakam (deutsch: Das jüdische Blut wird gerächt werden). Deren Mitglieder wollten nicht nur Vergeltung üben, sondern der Welt zeigen, dass Juden sich zu wehren verstehen. Und das taten sie tatsächlich von Anbeginn an, bereits unmittelbar nach dem Machtantritt der Nazis in Deutschland. Sie wehrten sich gegen Stigmatisierung, Entrechtung und Ausgrenzung. Auch wenn nicht wenige deutsche Juden in den ersten Jahren der Hitlerdiktatur noch glaubten, der »braune Spuk« würde rasch verfliegen, reihten sich zahlreiche bereits 1933 in den antifaschistischen Widerstand ein. Sie ließen sich nicht »widerstandslos wie Lämmer zur Schlachtbank führen«, wie ein nach dem Krieg, auch im innerjüdischen Diskurs (sogar von Hannah Ahrendt) zu hörender, aus Enttäuschung und Ratlosigkeit angesichts millionenfachen Sterbens in den Ghettos und Todeslagern sowie bei den Massakern im Osten geäußerter Vorwurf lautete.

So eröffnet Doerfer denn auch sein Buch mit der Erinnerung an vielfältigsten jüdischen Widerstand, von dem hierzulande nach wie vor wenig bekannt ist. Selbst historisch Interessierten fällt vielleicht gerade mal die Gruppe um die jüdischen Jungkommunisten Herbert und Marianne Baum ein, die 1942 im Berliner Lustgarten ein mutiges Fanal mit ihrem Brandanschlag auf die Goebbelssche Hetzausstellung »Das Sowjetparadies« gegeben haben, das sie allerdings mit ihrem Leben bezahlten. In DDR-Zeiten waren jene (wie auch Olga Benario) schon Schulkindern bekannt; der 1981 am Ort ihrer spektakulärsten Aktion errichtete Gedenkstein würdigte die Gruppe jedoch nicht explizit als Teil jüdischen Widerstands. Dafür ist die sozialistisch-zionistische Jugendorganisation HaShomer HaTza’ir überhaupt nicht im öffentlichen Gedächtnis hierzulande und heutzutage präsent. Sie agierte vor allem in Osteuropa. Einer ihrer führenden Mitglieder war Mordechaj Anielewicz, 1943 Kommandeur des heroischen wie verzweifelten Aufstandes im Warschauer Ghetto.

Doerfer, der nicht nach weltanschaulicher oder politischer Positionierung »sortiert«, wie dies teils noch immer in der Bundesrepublik geschieht, stellt in seinem Buch stellvertretend für jüdischen Widerstand unter anderen den kommunistischen Schauspieler und Schriftsteller Hermann Langbein vor, der als Interbrigadist der spanischen Volksfrontregierung in ihrem Abwehrkampf 1936 bis 1939 gegen die Franco-Faschisten beiseite stand und später der Leitung der konspirativen internationalen Widerstandsorganisation in Auschwitz angehörte. Dieser war es gelungen, Karten von den Bahngleisen, auf denen die Deportationszüge ins Vernichtungslager fuhren, sowie von den Krematorien dem Foreign Office in London zukommen zulassen. Folgenlos. Von Arno Lustiger später angeprangert: »Dass die westlichen Alliierten trotz Kenntnis der schrecklichen Tatsachen Auschwitz nicht durch Bomben zerstörten, wird ihre ewige Schuld bleiben.« Jener deutsch-jüdische Historiker und Shoah-Überlebende schätzte die Zahl der im Zweiten Weltkrieg kämpfenden Juden und Jüdinnen auf 1,5 Millionen. Doerfer verweist auf andere Autoren, die allein von bis zu 1,5 Millionen jüdischen Soldaten und Soldatinnen in den Reihen der alliierten Streitkräfte sprechen, 500 000 in der Sowjetarmee und 700 000 in der britischen sowie US-amerikanischen.

Dass darüber Deutsche immer noch nichts oder kaum etwas wissen, ist eine Schande. Das jahrzehntelange Verschweigen jüdischen Widerstands in der Bundesrepublik resultiere, so Doerfer im »nd«-Gepräch, gewiss auch aus der antikommunistischen Grundstimmung in der alten Bundesrepublik. »Das erklärt aber noch nicht alles. Juden gehörten nicht zum Narrativ des Widerstands in der deutschen Nachkriegsgesellschaft. Es wäre für die nazistische Mehrheitsgesellschaft eine nachträgliche Kränkung gewesen, eingestehen zu müssen, dass Juden maßgeblich den Widerstand gegen das Hitlerregime trugen.« Vielmehr habe das Tätervolk in den Nachkriegsjahrzehnten händeringend nach den guten, edlen Deutschen gefahndet, die man dann beispielsweise im elitären, aristokratisch-militärischen Verschwörerkreis um den Hitlerattentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg fand oder zu finden glaubte.

Insofern ist es auch nicht verwunderlich, dass jüdische Opfer, die Vergeltung an den NS-Tätern übten, »statt einfach nur still zu leiden«, nicht zu der jugendfreien, zu Sonntagsreden von Politikern kompatiblen deutschen Gedenkkultur passen, wie Doerfer feststellt. Er ist dennoch darüber erstaunt und betrübt. Weshalb er sich daran machte, dieses verdienstvolle Buch zu schreiben. Man wird gespannt sein dürfen, ob es ihm gelingt, mit diesem ein Umdenken und Umlenken in Erinnerungskultur und Gedenkpolitik einzuleiten.

Ja, es gab nach dem millionenfachen Mord an den europäischen Juden Wut und Hass, Rache- und Vergeltungsgedanken unter den Überlebenden. Und es wurde zur Tat geschritten. In der Ouvertüre zu seinem Buch beschreibt der Rechtsanwalt und Rechtsphilosoph eine Szene von Selbstjustiz jüdischer Widerstandskämpfer, wie sie auch im Hollywood-Streifen »Inglourious Basterds« von Quentin Tarantino nachempfunden wurde. Doerfer zitiert Chaim Miller, der seinerzeit betont hatte, dass es ihm und den Seinen nicht um Rache an der deutschen Zivilbevölkerung gegangen sei, gleichwohl sie mehrheitlich mitschuldig geworden war, sondern darum, der konkret Schuldigen habhaft zu werden und sie abzuurteilen. »Die Nazis haben Millionen Juden misshandelt, gedemütigt, geschlagen, erschossen und vergast ... Dafür habe ich mich gerächt«, so Miller. Dessen trotziges Bekenntnis »Irgendjemand musste die Täter ja bestrafen«, wählte Doerfer zum Titel seines Buches.

In Norditalien unternahmen Mitglieder der Jüdischen Brigade anhand von Listen ehemaliger SS-Angehöriger gezielte Tötungsaktionen. Eine der sich dort konstituierenden Vergeltungsorganisationen wurde von Chaim Laskov und Meir »Zarro« Zorea geleitet. Ersterer wurde später erster Generalstabschef der israelischen Armee, der andere Knessetabgeordneter für eine säkulare Partei der Mitte. Laskov gestand: »Das waren keine ›netten‹ Aktionen. Das waren Racheakte.« Zugleich meinte er: »Es tut mir leid, sagen zu müssen, dass wir nicht sehr viele liquidierten.« Mosh Tavor, ein weiterer Rächer, offenbarte ebenfalls, keine Skrupel gegenüber den von ihm zur Verantwortung gezogenen Tätern empfunden zu haben. »Glaubt mir, meine Hände zitterten nicht.« Er war später an der Entführung von Adolf Eichmann aus Argentinien nach Israel beteiligt.

Der 9. November, an dem 1938 deutschlandweit Synagogen brannten, jüdische Geschäfte demoliert und Tausende Juden in die Konzentrationslager verschleppt worden sind, ist für Doerfer ein Tag der jüdischen Niederlage, der Demütigung, des Auftakts systematischer Verfolgung. Auch wenn dieser nunmehrige Gedenktag von vielen jüdischen Gemeinden unterstützt, der Kaddisch, das Totengebet, gesprochen werde, so bleibe dieses Datum ein zutiefst deutsches, ein Täterdatum. Das freilich von der deutschen Mehrheitsgesellschaft zur Selbstbefragung bezüglich Schuld und Sühne in der Vergangenheit sowie Verantwortung in Gegenwart und Zukunft sinnvoll genutzt werden sollte. Für Juden sind aber vielmehr die Tage des Widerstands erinnerungs-, gedenk- und des Feierns würdig.

Doerfer wünscht sich, dass Straßen und Plätze in Deutschland nicht nur nach Opfern, sondern ebenso nach Widerstandskämpfern, auch jüdischen Rächern, benannt würden. »Es gibt eine Menge von Schildern mit unseligen Namen, die endlich abgeschraubt werden sollten«, sagt er. Erst auf seine hartnäckige Intervention hin verschwand in der Göttinger Universität eine Erinnerungstafel an den hochdekorierten NS-Rechtsprofessor Franz Wieacker, von Doerfers Großmutter, die eigentlich keine Schimpfworte pflegte, als »Dreckschwein« bezeichnet.

Auf die Frage von »nd«, wie er das nach 1990 während der Prozesse gegen Hunderte DDR-Bürger vorgebrachte Argument, man dürfe die Fehler von 1945 nicht wiederholen, die Täter nicht wieder ungestraft davonkommen lassen, beurteile, antwortet Doerfer: »Erstens ist es unvereinbar mit dem Grundprinzip des Rechtsstaates, stets die individuelle Schuld nachzuweisen. Zweitens und vor allem ist es ungeheuerlich, die Millionen ermordeten Juden als Argumentationsvehikel zu missbrauchen. Und drittens bleibt es eine singuläre Sauerei, dass man die NS-Verbrecher nicht verfolgt hat.«

Doerfer wünscht sich eine wehrhaftere Demokratie in Deutschland, auch wenn er von sich selbst sagt, kein Law-and-Order Mensch zu sein. Auf Bildung allein zu setzen, genüge nach seiner Erfahrung nicht, äußert er im »nd«-Gespräch: »Nicht wenige Judenmörder, stramme Nazis, waren sehr gebildet. Mit Bildung allein kriegt man den irrationalen Hass auf Juden nicht aus der Welt. Es muss eine wehrhafte Demokratie geben, nicht nur in Worten, auch in Taten.« Doerfer fügt hinzu, dass dies auch jüdische Wehrhaftigkeit heute einschließt.

Abschließend sei hier als eine bezeichnende Episode angemerkt, dass Doerfer und dessen Familie nicht zur Verlegung von Stolpersteinen für ihre von den Nazis ermordeten oder in den Selbstmord getriebenen Angehörigen in Halle geladen worden sind. Der Shoah-Nachfahre entschuldigt dies mit »Gedankenlosigkeit«. Aber ist es nicht gerade diese Gedankenlosigkeit, die nach wie vor ein großes deutsches Problem ist und stetig neue verhängnisvolle Blüten treibt? Für Doerfer bestätigt solcherart Erfahrung, dass die deutsche Mehrheitsgesellschaft offenbar meint, beim Gedenken und Erinnern, bei der Aufarbeitung faschistischer Vergangenheit der Juden als gleichberechtigte Partner nicht zu benötigen. Sie könnten mit ihren Interventionen stören und verstören.

Achim Doerfer: Irgendjemand musste die Täter ja bestrafen. Die Rache der Juden, das Versagen der deutschen Justiz nach 1945 und das Märchen deutsch-jüdischer Versöhnung. Kiepenheuer & Witsch, 368 S., geb., 24 €.

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