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Billiges Fleisch, billiger Saft, niedrige Löhne

Der Kampf gegen Schuldknechtschaft in Brasilien hat unter der Regierung von Jair Bolsonaro herbe Rückschläge erfahren

  • Von Jana Frielinghaus
  • Lesedauer: 4 Min.
Billige Fleischproduktion führt auch in Brasilien zu miesen Löhnen und Ausbeutung der Arbeiter*innen.
Billige Fleischproduktion führt auch in Brasilien zu miesen Löhnen und Ausbeutung der Arbeiter*innen.

Unter dem Präsidenten Luiz Inácio »Lula« da Silva gab es in Brasilien etliche Fortschritte im Kampf gegen extreme Ausbeutung im Land. So wurden sklavereiähnliche Arbeitsverhältnisse durch einen Zusatzartikel im Strafrecht verboten. Eine mobile Sonderinspektion wurde geschaffen, 2003 und 2008 wurden nationale Pläne zur Abschaffung der Sklavenarbeit beschlossen.

Allerdings gab es diese zu Lulas Zeiten wie auch unter seiner von 2011 bis 2016 amtierenden Nachfolgerin Dilma Rousseff weiter in großem Umfang. Es fehlte an Personal für Kontrollen. Zudem, das berichteten brasilianische Gewerkschafter vor einigen Jahren in Berlin, werden Arbeitsschutzinspektoren immer wieder bedroht. Und seit Amtsantritt des rechtsradikalen Präsidenten Jair Bolsonaro Anfang 2019 ist die Bekämpfung ausbeuterischer Verhältnisse um Jahre zurückgeworfen. Der Lage im größten Land Südamerikas ist ein Kapitel im »Atlas der Versklavung« gewidmet. Demnach wurden die Mittel für den Kampf gegen Sklavenarbeit 2020 um 41 Prozent gekürzt.

Im Atlas wird ein Fall geschildert, über den 2018 der Interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte urteilte. Arbeiter einer Rinderfarm im Bundesstaat Pará im Norden des Landes hatten den brasilianischen Staat wegen Vernachlässigung seiner Schutzpflichten verklagt. Entgegen vorheriger Versprechungen erhielten sie extrem niedrige oder gar keine Lohnzahlungen. Ihnen wurde erklärt, die Entgelte, würden für die Abzahlung von Schulden einbehalten, die sie beim Inhaber des Betriebes hätten. Für den Fall, dass sie versuchen sollten, die Farm zu verlassen, wurde ihnen mit dem Tod gedroht. Zudem waren sie unter unwürdigsten Bedingungen untergebracht. Obwohl Inspektoren die Ranch seit 1989 nach Beschwerden von Arbeitern immer wieder aufsuchten, änderte sich nie etwas. 1997 kam es zwar zu Strafverfahren gegen den Personalvermittler, den Verwalter und den Eigentümer der Farm. Das Verfahren gegen letzteren wurde gegen Zahlung eines Bußgelds eingestellt, die anderen Beschuldigten profitierten von einer Verjährungsfrist, die zum Tragen kam, weil das Gericht so lange untätig geblieben war.

Ähnlich lief es bei einem weiteren Verfahren. Der Interamerikanische Gerichtshof verurteilte den brasilianischen Staat zur Zahlung von Schadenersatz an 128 Opfer von Zwangsarbeit und forderte, das strafrechtliche Verfahren müsse wieder aufgenommen, die verschiedenen Formen der Sklaverei von der Verjährung ausgenommen werden.

In den letzten 25 Jahren wurden in Brasilien mehr als 56 000 Menschen aus sklavereiähnlichen Arbeitsverhältnissen befreit, die nicht nur im Agrarsektor, sondern auch im Bergbau, in der Bau- und in der Bekleidungsbranche an der Tagesordnung sind.

Brasilianische Gewerkschafter schilderten auf einer Reise durch die Bundesrepublik vor einigen Jahren auch die Verhältnisse auf brasilianischen Orangenplantagen als sklavereiähnlich. Weil aus Brasilien 80 Prozent global gehandelten Orangensafts kommen und das Getränk in Deutschland billig verkauft wird, kämpfen die Gewerkschaft Verdi, die Christliche Initiative Romero (CIR) und andere Gruppen schon seit 2013 darum, dass die deutsche Lebensmittelketten auf menschenwürdige Bedingungen entlang der Lieferkette vom Orangenhain über die Verarbeitung der Früchte bis zum Transport dringen.

Mittlerweile wird in der Bundesrepublik in einem kleinen Marktsegment tatsächlich fair produzierter und gehandelter Saft verkauft. Die von der Zivilgesellschaft initiierte »Partnerschaft für nachhaltigen Orangensaft«, zu deren Akteuren ihre Organisation gehöre, setze sich für eine Erhöhung dieses Anteils ein, sagte Andréa Moraez Barros von der CIR am Mittwoch im Gespräch mit »nd«.

Doch die meisten Orangenpflücker werden noch immer extrem ausgebeutet. Das liegt daran, dass drei brasilianische Konzerne den allergrößten Teil der Früchte verarbeiten und daher den Plantagenbesitzern nicht kostendeckende Preise diktieren können. Die Farmer geben den Druck an die Erntehelfer weiter: Von ihnen angestellte Mittelsmänner heuern Arbeiter an und sind auch für deren Bezahlung zuständig. Den geringen Lohn für die harte Arbeit behalten sie zum großen Teil oder vollständig ein: Sie berechnen den Erntehelfern horrende Kosten für den Transport von Plantage zu Plantage, für die Unterbringung in Bruchbuden und für die miserable Verpflegung.

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