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  • Bibliothek in Friedrichshain-Kreuzberg

Pablo Nerudas Kragen

Eine Bibliothek in Berlin trägt des Dichters Namen. Wie lange noch?

  • Von Peter Nowak
  • Lesedauer: 3 Min.
Grabstein des Grabes des chilenischen Dichters Pablo Neruda in Isla Negra, seinem Heimatort, der sich 130 km westlich von Santiago de Chile befindet.
Grabstein des Grabes des chilenischen Dichters Pablo Neruda in Isla Negra, seinem Heimatort, der sich 130 km westlich von Santiago de Chile befindet.

Noch steht am Eingang der Bibliothek des Berliner Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg eine Büste von Pablo Neruda. Die Bücherhalle an der Frankfurter Allee trägt seit 2012 den Namen des chilenischen Poeten, Diplomaten und Politikers. »Mit dieser Entscheidung wurde dem Wunsch vieler Mitarbeiter*innen und Bürger*innen entsprochen, an die Namensgebung der größten Bibliothek in Friedrichshain von 1974 bis 1989 anzuknüpfen«, heißt es auf der Homepage der Bibliothek.

Tatsächlich erscheint Neruda als der ideale Namensgeber: Als Diplomat in Spanien engagierte er sich ab 1936 für die spanische Republik gegen den Franco-Faschismus. In Chile solidarisierte er sich später mit Schriftsteller*innen, die im deutschen Faschismus verfolgt wurden. Neruda wurde selbst Mitglied der Kommunistischen Partei und unterstützte bei den Präsidentenwahlen 1970 den gemeinsamen Kandidaten der Vereinigten Linksfront Unidad Popular Salvador Allende. Zwölf Tage nach Allendes Sturz durch eine Militärjunta um General Pinochet starb Neruda am 23. September 1973 in Santiago de Chile. Bis heute ist unklar, ob er an Krebs starb oder vergiftet wurde. Noch wenige Stunden vor seinem Tod verfasste Neruda seine letzten zornigen Poeme gegen die chilenischen Faschisten und ihre nordamerikanischen Unterstützer. Seine Beerdigung wurde zur ersten politischen Manifestation gegen die Militärjunta, die mit offenem Terror gegen alle Linken vorging. Infolgedessen wurde der Schriftsteller in aller Welt als großer Kämpfer gegen den Faschismus geehrt.

Höchstens als Nebenwiderspruch wurde indessen die Tatsache abgetan, dass Pablo Neruda eine Frau vergewaltigt hat - dabei hat er das selbst nie verheimlicht. In seiner postum veröffentlichten Autobiografie, in der BRD unter dem Titel »Ich bekenne, ich habe gelebt« erschienen, beschreibt Neruda, wie er 1929 als Konsul in Ceylon einer Frau, die den von ihm bewohnten Bungalow reinigte, Gewalt antat. Wie die entsprechenden Passagen in dem Buch verdeutlichen, war ihm schon während der Tat klar, dass er die Frau zum Objekt machte. »Die Begegnung war die eines Mannes mit einer Statue«, schreibt er etwa. Neruda schloss das Kapitel mit zwei Sätzen ab, die Scham auszudrücken scheinen, aber auch als Verteidigung gelesen werden können: »Sie verachtete mich mit Recht. Die Erfahrung wiederholte sich nicht.«

Anders als Nerudas Verehrer*innen in aller Welt ist eine neue Generation von Feminist*innen, die durch die Metoo-Bewegung geprägt wurde, nicht mehr bereit, die Gewalt gegen eine Frau als Nebensache im Leben eines großen Antifaschisten zu entschuldigen. Während der sozialen Proteste der vergangenen Monate verbrannten feministische Aktivistinnen in Chile Neruda-Poster und in Berlin fordern zwei Frauen die Umbenennung der Pablo-Neruda-Bibliothek. Als Begründung führen sie neben der Tat der Vergewaltigung auch noch Nerudas Verleugnung seiner schwer kranken Tochter aus erster Ehe an.

Eine Ausstellung unter dem Titel »Name: Neruda«, die auf den drei Etagen der Bezirksbibliothek verteilt ist, zeigt nun Fotos aus den unterschiedlichen Phasen von Nerudas Leben und dokumentiert auch seine Selbstbezichtigung. Die Bibliotheksbesucher*innen sollen darüber entscheiden, ob der Name bleibt. Anbieten würde sich hier etwa eine Umbenennung nach Matilde Urrutia: Die Psychotherapeutin war Nerudas dritte Ehefrau, die ihn über viele Jahre hinweg auch in seiner schriftstellerischen Arbeit wesentlich beeinflusst hat.

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