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  • Raubkunst und Restitution

Wo die Kultur ihr Zuhause hat

Der blinde Fleck in der Debatte um Kunstrestitution: Stehen wir vor einer Renaissance »nationalkulturellen« Denkens?

  • Von Erik Zielke
  • Lesedauer: 6 Min.
Freigekauft von kolonialer Schuld? Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat angekündigt, Beutekunst in die Gebiete ehemaliger Kolonien zurückzugeben.
Freigekauft von kolonialer Schuld? Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat angekündigt, Beutekunst in die Gebiete ehemaliger Kolonien zurückzugeben.

Raubkunst - der Ausdruck macht bereits klar, wie dieses Phänomen einzuschätzen ist. Raub, das ist aus moralischer und aus legalistischer Sicht kaum zu rechtfertigen. Debatten um Raubkunst sind in der Bundesrepublik Deutschland keine Neuheit. Das brandschatzende Unwesen des Faschismus im In- und Ausland haben sie bitter notwendig gemacht. Die fehlgeleitete Gesetzgebung hierzulande, der zufolge man jeden Kleinwagen besser mit »Papieren« kauft, aber für Kunstwerke ein entsprechender Provenienznachweis nur Sammlerzier ist, hat die Rückgabe so manchen Kunstguts an die rechtmäßigen Eigentümer schon vereitelt.

Nun wird wieder über Raubkunst gestritten, nicht nur in Deutschland, sondern etwa auch in Frankreich und in Großbritannien, wo sich Kunst zumindest fragwürdiger Herkunft in großen staatlichen Sammlungen findet. Dabei geht es vornehmlich um Kulturschätze, die im Zuge des Kolonialismus als Beute nach Europa kamen. Wer heute Raubkunst sagt, der denkt schnell an das Berliner Humboldt Forum und die sogenannten Benin-Bronzen.

Exponate afrikanischer Herkunft in europäischen Museen wurden und werden immer wieder zum Thema gemacht, durch Aktivisten vornehmlich, aber auch durch Wissenschaftler. Rückgabeforderungen aus der Herkunftsregion sind nicht mehr zu überhören. Und so steht die Frage nach Restitution auch auf der Agenda hiesiger Politiker.

Eine Zäsur stellte die Rede des französischen Präsidenten Emmanuel Macron 2017 im burkinischen Ougadougou dar. Dem überfälligen Bekenntnis zur kolonialen Schuld Frankreichs folgte das Versprechen, geraubte Kunst zurückzuführen. Auf Twitter machte er im Anschluss klar: »Das kulturelle Erbe Afrikas kann nicht Gefangener der europäischen Museen sein.« Und damit wird schon die Tragik des ganzen Vorgangs deutlich: Hier lässt sich jemand - der nicht angetreten ist, die ökonomischen Verhältnisse im globalen Süden anzutasten - feiern für einen wohlfeilen symbolpolitischen Akt. Aber was weiß schon von Kultur, wem Museen, diese intellektuellen Errungenschaften mit langer Tradition, Gefängnisse sind?

Ein regierungsseitig in Auftrag gegebener »Bericht über die Restitution afrikanischer Kulturgüter«, verfasst von dem senegalesischen Wirtschaftswissenschaftler Felwine Sarr und der französischen Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy mit Lehrauftrag in Berlin, sollte evaluieren, wie Macrons Restitutionsankündigung in die Tat umgesetzt werden kann. Auf Deutsch ist der Bericht unter dem weniger sachlichen - aber passenden - Titel »Zurückgeben. Über die Restitution afrikanischer Kulturgüter« vor zwei Jahren in Buchform erschienen und stellt, obwohl mit deutlichem Blick auf Frankreich verfasst, einen zentralen Referenzpunkt dar, wenn über Raubkunst diskutiert wird.

Es ist ein großes Verdienst von Felwine Sarr und Bénédicte Savoy, sehr kompakt einen Abriss über den Status afrikanischer Kulturgüter auf europäischem Boden gegeben und kenntnisreich über die Provenienzgeschichte der Werke aufgeklärt zu haben. Nicht vorrangig als akademische Auseinandersetzung gedacht, sondern als politische Handreichung für die französischen Entscheidungsträger, mündet ihr Bericht in ein deutliches Plädoyer: Was aus Afrika hierherkam, muss (fast vollständig) auch nach Afrika zurück.

Das ist eine durchaus legitime Forderung, zu der die Autoren allerdings auf argumentativ fragwürdige Art und Weise kommen. Die sich daraus ergebenden Widersprüche umschiffen sie zugunsten eines klaren Bekenntnisses.

»Von Dialog, Vielstimmigkeit und Austausch geleitet, darf die Restitution keineswegs als ein unheilvoller Akt von Identitätszuschreibung oder territorialer Festschreibung von Kulturgütern verstanden werden«, wird in der Einleitung proklamiert. Die Rede von »fluider« Kultur und vermeintlichem Universalismus in den Werken wird durch ein eigenartiges Konzept neuer afrikanischer »Nationalkulturen« konterkariert.

Schon die Kapitelüberschrift »Die Aneignung fremder Kulturgüter: ein Verbrechen gegen die Völker« mutet eigentümlich vormodern an. Unter dem Deckmantel postkolonialer Reflexion reproduziert man hier ein eigenes Bild von »Fremdheit«, das man doch gerade eliminieren wollte. Die Rede von »Völkern« lässt an die Vorstellung voneinander abgeschlossener Kulturkreise denken, die doch nach dem Zweiten Weltkrieg vollkommen zu Recht wissenschaftlich ad acta gelegt wurde.

»Der Akt der Restitution versucht folglich, die Dinge wieder an ihren rechten Platz zu bringen«, machen Sarr und Savoy klar. Dass die europäischen Museen, in die die Kulturgüter in Folge militärischer Auseinandersetzung und kolonialer Herrschaft gelangt sind, nicht der »rechte Platz« sein können, steht außer Frage. Dass die Territorien, aus denen sie vor Herausbildung der heutigen nationalstaatlichen Konstrukte auf dem afrikanischen Kontinent verschleppt worden waren, mit den Staaten, die sie heute beherbergen, in eins gesetzt werden und zu den Empfängern der Artefakte nach der Restitution werden sollen, scheint zumindest unterkomplex. Die Autoren schreiben eine scheinbar erstrebenswerte Identität herbei, die anknüpft an die Monarchien vergangener Tage und spirituelle Heimat. Folgt diese Verklärung der Zeit vor den unmenschlichen Kolonialverbrechen nicht auch einem zweifelhaften, kolonial geprägten Blick?

Die Suche noch junger Nationalstaaten nach einer langen kulturellen Traditionslinie, die über ihr Bestehen hinausgeht, ist kein neues Phänomen. Der Streit gleich mehrerer Länder um ein und denselben Nationalhelden verdeutlicht das sehr anschaulich. Und hat uns nicht der Deutsch schreibende Prager Jude Franz Kafka, dessen Nachlass als »nationales Erbe« in Israel verbleibt, nicht gelehrt, dass Eindeutigkeit in solchen Fragen zu behaupten ignorant ist?

So heißt es in dem Buch auch: »Ein Problem ergibt sich, wenn das Museum nicht ein Ort der Selbstbestätigung nationaler Identität ist, sondern, wie der Anthropologe Benoît de L’Estoile betont, als Museum der anderen konzipiert wird«. Soll also die Beschwörung einer neuen »Nationalkultur« die selbstermächtigende Antwort auf die Exotisierung durch den »Westen« sein? Soll ein Kulturessentialismus dem anderen Platz machen? Das wäre absurd und führt uns zu der Frage, wie der Begriff »Weltkulturerbe« mehr sein kann als eine Leerformel. Muss nicht über kulturellen Austausch anders nachgedacht werden als unter nationalen Vorzeichen? Was selbstredend nicht heißen kann, dass der Impuls dafür aus Europa kommen sollte und dessen Vorstellungen einmal mehr zum Dogma werden.

Für Sarr und Savoy ist Kunstrestitution eine »Bearbeitung des symbolischen Raums«, durch welche dieser »von seismischen Kräften ergriffen« wird, was »auch andere Bereiche der Realität in Bewegung setzen« werde. Hier wird also die Rückgabe einerseits richtigerweise als symbolpolitischer - wenn auch wichtiger! - Akt erkannt. Andererseits wird ein gänzlich neues afrikanisch-europäisches Verhältnis durch diesen Vorgang vorausgesagt, was mehr Hoffnung als realistische Perspektive sein dürfte. So entscheidend Fragen kultureller Beziehungen auch sind, darf deren Überschätzung nicht dazu führen, dass der französische Präsident durch die Rückgabe von Raubkunst einen modernen Ablasshandel etabliert, der koloniale Schuld mit ihren mehr als nur symbolischen Nachwirkungen bis in die Gegenwart aufwiegt.

Wie also weiter? Soll alles bleiben, wie es ist? Sicher nicht. Würde aber jegliches afrikanisches Kunstwerk aus öffentlichen europäischen Sammlungen verschwinden, wären auch »national bereinigte« Museen hier das Resultat. Klar ist, dass die Exponate, ob in Europa oder in Afrika, nur noch in Ausstellungen mit historisch-kritischem Anspruch denkbar sind, die nicht ihre Geschichte der letzten 150 Jahre verschweigen. Wünschenswert wären (Dauer-)Leihgaben ausgewählter Werke an hiesige Museen, bestenfalls im Austausch gegen Exponate europäischer Herkunft. Deutsche Kuratoren und Museumsleiter stehen auch in der Verantwortung zu zeigen, dass die geraubte Kunst heute mehr ist als eine Trophäensammlung, nämlich Artefakte von großem kulturellem Wert für die Menschheit, die öffentlich gezeigt gehören.

Felwine Sarr, Bénédicte Savoy: Zurückgeben. Über die Restitution afrikanischer Kulturgüter. A. d. Franz. v. Daniel Fastner. Matthes & Seitz Berlin 2019, 224 S., br., 18 €.

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