Werbung
  • Sport
  • Union Berlin in Israel

Mehr als nur ein Auswärtsspiel

Die Fußballer des 1. FC Union Berlin gedenken in Israel der Holocaust-Opfer und dürfen nach einem Sieg von weiteren Europacupspielen träumen

  • Von Matthias Koch, Haifa
  • Lesedauer: 4 Min.

Der Mann des Abends saß nach dem Abpfiff im Sammy Ofer Stadium von Haifa auf einer roten Kiste. Julian Ryerson hatte sich zwar einen schmerzlindernden Kühlakku auf den rechten Oberschenkel legen müssen. Dennoch schaute der Verteidiger des 1. FC Union Berlin nach dem 1:0-Erfolg seiner Mannschaft in der Gruppenphase der Europa Conference League bei Maccabi Haifa vergnügt auf die rund 500 mitgereisten Berliner Fans.

Diese waren wenige Tage nach dem 2:0-Sieg gegen Hertha BSC in der Bundesliga immer noch ein bisschen in Derbystimmung. Sie sangen in Dauerschleife ein Lied, das zum Gassenhauer werden könnte: «Union spielt in Europa, die Hertha liegt im Bett». Ryerson schunkelte mit und lachte. Er musste zwar kurz vor Spielende angeschlagen ausgewechselt werden. Aber sein Kopfballtor aus der 66. Minute hat Union die Chance eröffnet, tatsächlich im Europapokal zu überwintern.

Daher war es vor dem nächsten Bundesligaspiel am Sonntag bei Eintracht Frankfurt auch zu verschmerzen, dass beide Mannschaften unterdurchschnittliche Leistungen geboten hatten. «Es war ein ganz wichtiger Sieg für uns. Im Spiel mit dem Ball war das aber keine Offenbarung. Wir hatten zu viele einfache Ballverluste. Aber am Schluss haben wir dieses Teilziel erreicht», sagte Trainer Urs Fischer. «Aufgrund des 2:2 zwischen Prag und Rotterdam haben wir im letzten Spiel noch die Möglichkeit, uns als Gruppenzweiter für die nächste Runde zu qualifizieren.

Das Achtelfinale bleibt erreichbar

Das Gruppen-Endspiel gegen Slavia Prag steigt am 9. Dezember im Berliner Olympiastadion. Mit einem Sieg könnte sich Union für die Playoffs zum Achtelfinale qualifizieren. Wird das erreicht, dürften dann wieder eine Menge Union-Anhänger mitreisen wollen, egal in welchen Winkel Europas. »Wir haben immer Fans dabei. Wir haben es selbst erlebt. Die Reise nach Israel ist nicht ohne. Und wir Spieler sind noch gut durch die Kontrollen gekommen. Daher gilt meine große Anerkennung denen, die es geschafft haben, herzukommen«, sagte Angreifer Max Kruse.

Die Vorbereitung für die Anhänger auf diesen Trip zu einem ganz besonderen Auswärtsspiel war in der Tat so umfangreich wie nie zuvor. Vor der bislang weitesten Reise der Berliner im Europapokal und direkt nach der Ankunft in Tel Aviv musste per PCR-Tests eine Corona-Infektion ausgeschlossen werden. Nicht bei jedem Fan lag das Ergebnis allerdings rechtzeitig vor dem Hinflug vor. Hinzu kamen die üblichen strengen Sicherheitsvorschriften bei Reisen nach Israel.

Mit den Anhängern von Haifa machten die Fans von Union danach recht unterschiedliche Erfahrungen. Es gab Szenen der Verbrüderung und gemeinsame Partys. Allerdings wurden einige Berliner vor und nach der Partie auch von Hooligans mit Steinen und Pfefferspray angegriffen.

Zeichen gegen Antisemitismus

Das blieb den Funktionären des Vereins nach den unschönen Ereignissen der letzten Auswärtsfahrt nach Rotterdam zum Glück erspart. Doch auch für sie war es - besonders nach den antisemitischen Vorfällen beim Hinspiel gegen Haifa in Berlin - kein normales Gastspiel: Am Donnerstagvormittag reiste eine rund zehnköpfige Klubdelegation mit Präsident Dirk Zingler und Geschäftsführer Oskar Kosche an der Spitze ins rund zwei Busstunden von Haifa entfernte Jerusalem. Dort besuchten die Vereinsvertreter die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. Nach einer über zweistündigen Führung legten Zingler und Kosche in der Gedenkhalle, in deren Boden die Namen der 22 größten Konzentrationslager eingraviert sind, einen Kranz des 1. FC Union nieder. Zudem trug sich Zingler ins Buch der Kindergedenkstätte ein, die an 1,5 Millionen getötete jüdische Kinder erinnert. »Es war uns ein tiefes Bedürfnis, unsere offizielle Reise nach Israel für den Besuch dieses besonderen Ortes zu nutzen und ich bin sehr dankbar, dass wir hier sein konnten«, sagte Zingler. »Antisemitismus ist leider in unserer Gesellschaft immer noch gegenwärtig, und wir alle sind gefordert, ihn konsequent zu bekämpfen.«

Beim Hinspiel in Berlin (3:0) hatten einige Union-Fans jüdische Besucher beleidigt und versucht, eine israelische Fahne zu verbrennen. Union verurteilte dies und schloss bereits ein Vereinsmitglied deswegen aus.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung